Eine Interpretation dieser Klasse erfordert neben Genialität jahrelange musikalische Erfahrung

Salzburger Festspiele, Großes Festspielhaus, Salzburg, 27. August 2017
Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Sir Simon Rattle; Rundfunkchor Berlin unter der Leitung von Gijs Leenaars; Elsa Dreisig (Sopran); Mark Padmore (Tenor); Florian Boesch (Bariton).
Georg Friedrich Haas: Ein kleines symphonisches Gedicht
Joseph Haydn: Die Schöpfung, Hob. XXI:2

von Raphael Eckardt

Sir Simon Rattle gehört zweifelsohne zu den besten Haydn-Interpreten unserer Zeit. Da verwundert es nicht, dass der Noch-Chefdirigent der Berliner Philharmoniker auch ein stark „Haydn-lastiges“ Konzertprogramm mit nach Salzburg brachte, das bereits im Vorfeld eine Maxime an musikalischer und emotionaler Spannung versprach: Haydns Vorzeigewerk, Die Schöpfung, kombiniert mit einem zeitgenössischen Auftragswerk der Berliner Philharmoniker – das impliziert nicht nur interpretatorische Mannigfaltigkeit, sondern auch einen bunten Mix aus Musikstilen, die sich über Jahrhunderte bis in die heutige Neuzeit epochal entwickelt haben.

Georg Friedrich Haas’ kleines symphonisches Gedicht sollte eine exzellente Ergänzung zu Haydns Schöpfung darstellen. In ganz anderem, aber nicht weniger glänzendem Licht. „Wenn meine Worte versagen, muss ich in Musik sprechen. Ich habe versucht ein Ritual zu komponieren. Ein Ritual für Heilung und Licht.“ Wenn Georg Friedrich Haas über sein neuestes Orchesterwerk spricht, wird unmissverständlich klar, dass hier ein nicht abzustreitender Zusammenhang zur Schöpfung existiert. Und auch musikalisch ist diese Verbindung kaum zu überhören: Der Anfangsakkord lässt die Erde beben. Die einzelnen Streichergruppen teilen sich beinahe mikroskopisch auf und schaffen durch lange Sekundpassagen einen nervösen Schwingungsteppich, der sich langsam bis in die letzten Reihen des Saals auszubreiten scheint. Der Teppich ist rot, mit feinen Mustern versehen. Im Laufe des Werkes werden die Muster immer intensiver. Fortissimo! Tremolo! Rattle führt sein Orchester an den Rande des Wahnsinns.

Dann geschieht plötzlich etwas Unvorhersehbares: Über den Teppich scheint sich ein weiteres Muster zu legen: Fein dosiertes Flötentrillern entfaltet eine bunte Sommerlandschaft auf rollendtosendem Untergrund. Da sind verschiedenfarbige Samtschleifen zu sehen, die sich im Winde tänzelnd auf eine donnernde Gerölllawine legen. Das Schöne bedeckt in Haas’ Musik zunehmend hässliche Elemente, Wunden werden durch helles musikalisches Licht geheilt, das beinahe therapierend auf die Gemüter der Zuhörer wirkt.

Nach gut fünf Minuten endet Haas’ Werk abrupt: In polterndem Fortissimo lässt Rattle einen gewaltigen musikalischen Fluss unsanft gegen eine Betonwand schellen – ganz nach Ansage des Komponisten, die Musiker sollen sein Stück so „(be)enden, als ob es immer weiter und weiter gespielt werden müsste“. Welch’ aufbrausender Beginn, was für eine tolle Komposition!

Haydns Schöpfung gelingt Rattle und den Berliner Philharmonikern auch in Salzburg gewohnt souverän. Freilich, das ist ein Werk, das diese Musiker in den vergangenen Jahrzehnten ihrer Orchesterkarriere unzählige Male einstudiert und aufgeführt haben. Ein Repertoire-Stück, das dennoch immer eine ganz besondere Wirkung entfaltet: Rattle wählt an diesem Abend eine unglaublich präzise und transparente Interpretation. Mein lieber Freund, da benötigt man als Dirigent schon ein absolutes Spitzenorchester im Rücken!

Vor allem in den Streichern werden glasklare Konturen geschaffen, die motivisch-thematisch relevante Elemente klar voneinander trennen. Hier und da gelingt Rattle aber dennoch die Verbindung einzelner Strukturen zu einem leuchtenden Gesamtbild. Ja, da schwebt ein glühender Feuerball im Saal, der in verschiedenen Rottönen warmes Licht in Richtung Publikum sendet. Ein musikalischer Kugelblitz in Haydns Schöpfung! Das kann nur einem Simon Rattle ohne Verlust von emotionaler Glaubwürdigkeit gelingen.

Besonders hervorzuheben ist dann vor allem der Sonnenaufgang: Unfassbar authentisch erstrahlt „In vollem Glanze“ eine orangefarbene Morgensonne, die langsam über den Horizont aufzusteigen scheint. In welcher Klangfülle sie sich anschließend präsentiert, ist einzigartig. Zugegeben, Haydns Effekte wirken selbst bei Laienorchestern oft bombastisch, aber dieser D-Dur-Klang, den die Berliner Philharmoniker an diesem Abend erschaffen, ist an Wärme und Emotionalität kaum zu übertreffen.

Ein famoser Rundfunkchor (Berlin) und grandios auftrumpfende Solisten komplettieren an diesem Abend eine phänomenale Haydn-Darbietung der Extraklasse: Mark Padmore als Tenor überzeugt einmal mehr durch unwahrscheinliches musikalisches Facettenreichtum. Bei Elsa Dreisig (Sopran) sticht besonders ihr enormes stimmliches Durchhaltevermögen, der auffallend kontinuierliche Spannungsbogen, der bis zum Schluss anhielt, hervor. Beinahe wie ein tiefblauer Lichtball, der sich elegant im Saal umherwindet, verleiht sie Padmores mannigfaltigen Strukturen an diesem Abend eine imposante energetische Wirkung. Wenn man bedenkt, dass diese Frau erst seit vergangener Woche für die erkrankte Genia Kühmeier bei den Probenarbeiten unter Rattle beteiligt ist und ganz nebenbei an diesem Abend ihr Debut bei den Salzburger Festspielen gibt, ist das wirklich eine musikalische Leistung der Extraklasse. Sagenhaft!

Komplettiert wurde das überzeugende Solistentrio durch den Bariton Florian Boesch, den man musikalisch guten Gewissens als die goldene Mitte seiner beiden Sängerkollegen bezeichnen darf. Mit kräftiger, aber durchaus feinsinniger Stimme gelingt Boesch eine interessante musikalische Interpretation der oft oberflächlich wirkenden Baritonpassagen in Haydns Werk.

Simon Rattle brilliert auch zum Auftakt des Abschlusses seiner Festspielkarriere als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker mit einer wunderbar abwechslungsreichen Darbietung von Haydns Schöpfung. Auch wenn mit Kirill Petrenko bereits ein sicher nicht weniger genialer Nachfolger Rattles in den Startlöchern steht, dürften viele Leute im Publikum an diesem Abend ein wenig Wehmut gefühlt haben: Weil eine musikalische Interpretation dieser Klasse neben Genialität vor allem auch eines erfordert: jahrelange musikalische Erfahrung auf höchstem Niveau.

Raphael Eckardt, 28. August 2017, für
klassik-begeistert.de
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