Intendant Markus Hinterhäuser: „Wenn man Currentzis eliminiert, dann auch 220 Musiker“

Salzburger Festspiele unter Druck – Analyse – Gespräch mit Markus Hinterhäuser  klassik-begeistert.de, 27. April 2022

Foto: Markus Hinterhäuser © Salzburger Festspiele / Franz Neumayr

Wegen Sponsorengelder stehen die Salzburger Festspiele im Augenblick enorm unter Druck. Darüber und ob man den griechisch-russischen Star-Dirigenten Teodor Currentzis halten können wird, hat klassik-begeistert mit Markus Hinterhäuser gesprochen, der die Festspiele seit Oktober 2016 als Intendant leitet.

von Jürgen Pathy, Wien

An der Salzach brodelt es gewaltig. Nicht erst seit letzten Mittwoch, als man die Salzburger Festspiele mit neuen Vorwürfen konfrontiert hat. Gazprom, Kremlnähe, Oligarchen. Alles mögliche hat man bereits in die Waagschale geworfen. Doch mit den jüngsten Anschuldigungen schlägt man ein neues Kapitel auf. Mit dem Schweizer Regisseur Lukas Bärfuss und der lettisch-amerikanischen Regisseurin Yana Ross treten nun zwei Künstler vor die Anklagebank, die selbst bei den Salzburger Festspielen 2022 engagiert sind. Das Regieduo arbeitet an der Neufassung von Arthur Schnitzlers „Reigen“. Premiere ist am 28. Juli.

Zur Kritik von Regisseur Lukas Bärfuss

Der Vorwurf, den Bärfuss und Ross über ihre Agentur haben veröffentlichen lassen: Der Solway Investment Group GmbH, ein Schweizer Bergbauunternehmen, das die Jugendschiene in Salzburg seit 2017 fördert, werden Menschenrechtsverletzungen und Kreml-Nähe angekreidet. Deshalb fordern die beiden, dass eine unabhängige Stelle das Sponsoring durchleuchtet. „Um weiteren Schaden von den Festspielen abzuwenden“, wie es in der Presseaussendung heißt. Nach dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine sei das Sponsoring „toxisch“ geworden. Spätestens bis zum 27. Juli erwarte man, dass die Geschäftsbeziehungen zur Solway Group zu beenden seien.

Über die Beweggründe von Bärfuss und Ross zeigt sich Markus Hinterhäuser skeptisch: „Es ist so durchschaubar – um die Bühne der Festspiele zu nutzen.“ 1920 gegründet, sind die Salzburger Festspiele das bedeutendste Klassikfestival der Welt. Recherchen haben ergeben, dass Bärfuss und Ross an der Produktion unbedingt festhalten wollen. Laut Nachfrage von Nachtkritik.de auch dann, wenn die Geschäftsbeziehungen zur Solway Group bis dahin nicht beendet sein sollten.

Die Vorwürfe nimmt man in Salzburg aber sehr ernst. Die Solway Investment Group GmbH, mit Sitz in Zug, Schweiz, hat bereits eine externe und interne Untersuchung in Gang gesetzt, deren Ergebnisse man bis Juni erwartet. Daraus werde man die „entsprechenden Konsequenzen ziehen“, teilte Kristina Hammer, die neue Präsidentin der Salzburger Festspiele, den Salzburger Nachrichten mit. Das Unternehmen betreibt Bergwerke und Verhüttungsbetriebe in Guatemala, der Ukraine (!), Nordmazedonien und Indonesien, mit Schwerpunkt auf dem Element Nickel. Die Solway Group ist der größte private Nickelproduzent mit einer Produktionskapazität von 45.000 Tonnen raffiniertem Nickel im Jahr.

Heftige Turbulenzen seit Ausbruch des Ukrainekriegs

Den Stein ins Rollen gebracht haben aber andere. Bereits seit Ausbruch des Ukrainekriegs sehen sich nicht nur die Salzburger Festspiele vehementer Kritik ausgesetzt. Im Mittelpunkt des Geschehens: Der griechisch-russische Stardirigent Teodor Currentzis, dessen Chor und Orchester musicAeterna von der VTB-Bank gesponsert wird, dem zweitgrößten russischen Kreditinstitut, das von den aktuellen Sanktionen der EU betroffen ist. In Salzburg soll Currentzis diesen Sommer die neue Bartók-Orff-Produktion „Herzog Blaubarts Burg / De temporum fine comoedia“ leiten. Zum Widerwillen einiger.

Teodor Currentzis, Foto: © Anton Zavjyalov

Das Engagement von Teodor Currentzis bei den Salzburger Festspielen spaltet die Gemüter.

Nicht nur Axel Brüggemann, der als Speerspitze im Kampf gegen Currentzis agiert, auch der ukrainische Botschafter in Österreich, Wassyl Chymynez, kritisiert das Engagement mit scharfen Worten. Angesichts der barbarischen Kriegsszenen aus der Ukraine, sei es ein sehr inhumanes Signal, wenn Russland bei den Salzburger Festspielen eine solche Bühne bekommen würde, heißt es in einem Interview, das er der Kronen Zeitung gegeben hat.

In Wien hat man sich dem Druck bereits gebeugt. Nachdem Intendant Matthias Naske ins Kreuzfeuer der Kritik geraten war, weil er bei der musicAeterna-Foundation in Liechtenstein zeichnungsberechtigt war, hat man im Wiener Konzerthaus die Reißleine gezogen. Zuerst wurde das Benefizkonzert mit musicAeterna für die Ukraine abgesagt, nachdem der ukrainische Botschafter darum gebeten hatte, man möge „bei Benefizkonzerten zugunsten der Ukraine von der Involvierung russischer Künstler und Künstlerinnen absehen.“ Danach hat man alle Konzerte von musicAeterna bis auf Weiteres auf Eis gelegt. Den Stiftungsrat der musicAeterna-Foundation hat Naske mittlerweile ebenso verlassen.

Kann man Currentzis in Salzburg halten?

In Salzburg bleibt man noch standhaft. Dort soll Currentzis mit dem Gustav Mahler Jugendorchester und dem musicAeterna Chor „Herzog Blaubarts Burg /  De temporum fine comoedia“ leiten. Regie führt Romeo Castellucci. Premiere ist am 26. Juli. Dass die Bartók-Orff-Produktion über die Bühne laufen wird, daran lässt Markus Hinterhäuser gar keine Zweifel. „Die Produktion wird stattfinden, keine Frage.“ Das Einzige, was man noch nicht absehen könne, sei in welcher Konstellation. „Ob mit oder ohne Currentzis wird sich zeigen. Die Entscheidung muss so ausfallen, dass ich sie mit ganzem Herzen vertreten kann“, sagt Hinterhäuser.

Unterstützung kommt vom ehemaligen Direktor der Wiener Staatsoper, Ioan Holender © ServusTV / Martin Hoermandinger

Schützenhilfe kommt derweilen von anderer Stelle. Mit Ioan Holender, dem ehemaligen Direktor der Wiener Staatsoper, eine ziemlich tatkräftige. Dass ein Botschafter in Österreich bestimme, wer und was in einer österreichischen Kulturstätte gespielt werden dürfe, sei neu und der „Gipfel kultureller Unfreiheit“, so Holender. Beim österreichischen TV Sender ServusTV kommentiert der mittlerweile 86-jährige Rumäne in „Holenders Loge“ relevante Themen aus der Welt der Kultur. Von 1992 bis 2010 war Ioan Holender Direktor der Wiener Staatsoper und damit der am längsten dienende Leiter in der Geschichte des Hauses.

Distanzierung von Putin

Den Vorwurf, Currentzis habe noch keine klare Position bezogen, will Hinterhäuser so nicht stehen lassen. Einige fordern, dass Currentzis sich mit deutlichen Worten von Putins Krieg distanzieren müsse. Hat er bislang noch nicht, beklagen sie. „Der Kritik will ich  mich nicht anschließen“, sagt Hinterhäuser. „Currentzis hat deutlich gezeigt, dass er Stellung nimmt.“

Damit spielt Hinterhäuser auf die jüngsten Konzerte an. Neben dem abgesagten Benefiz für die Ukraine im Wiener Konzerthaus, hatte Currentzis in Wien, Paris und Hamburg das ursprüngliche Programm seiner Europa-Tournee über Bord geworfen. Statt Brahms erklang nun Alexander Shchetynsky. Ein ukrainischer Komponist, der 1960 in Kharkiv geboren wurde, und mit dem Currentzis eine Freundschaft verbindet. Statt Beethovens Neunter, die mit „Alle Menschen werden Brüder“ ein Hohn wäre, Richard Strauss’ „Metamorphosen“ von 1945. Eine Trauerklage, die Strauss angesichts des Infernos der letzten Tage des 2. Weltkriegs komponierte.

Markus Hinterhäuser könnte das Zünglein an der Waage sein, wie es mit Currentzis im Westen weitergeht © Salzburger Festspiele / Franz Neumayr

Nicht zu vergessen: Bei musicAeterna spielen Instrumentalisten aus unterschiedlichen Nationen. Sei es Georgien, Weißrussland, Türkei, Spanien, Italien, Deutschland, Russland und – natürlich auch aus der Ukraine. Für einige noch immer zu wenig, sie fordern deutlichere Worte. In Anbetracht der Folgen, die man in St. Petersburg, Russland, wo der Sitz von musicAeterna liegt, zu erwarten hätte, vielleicht aber zu viel. „Wenn man die Not und Abscheulichkeit des Krieges nutzt, ist das zynisch“, sagt Hinterhäuser. Immerhin hat Currentzis niemals öffentlich Stellung bezogen für Putin oder sich auch nur in irgendeiner Weise als Propaganda-Werkzeug missbrauchen lassen. Hinterhäuser: „Wenn man Currentzis eliminiert, dann auch 220 Musiker.“

Sponsoring in Salzburg

Finanzstarke Hauptsponsoren sind in Salzburg von enormer Bedeutung. Neben Rolex, Audi, Siemens und der Kühne-Stiftung hat man 2021 auch den Wasseraufbereitungsspezialisten BWT an Land gezogen. Der Deal mit dem Unternehmen, mit Sitz in Mondsee, Österreich, hat nicht nur viel Geld eingespült (eine kolportierte sechsstellige Summe), sondern auch einen Motivationsschub in Sachen Nachhaltigkeit. Seit dem hat man Einweg-Plastikflaschen aus den Festspielhäusern verbannt. 60 Wasserspender löschen nun den Durst der Mitarbeiter, weitere werden während der Veranstaltungen aufgestellt.

Dass man in puncto Image mit Gazprom nicht ganz so zimperlich war, dafür hagelte es Kritik. Der russische Mineralölkonzern hätte, gemeinsam mit der OMV, die „Boris Godunow“-Produktion 2020 finanzieren sollen. „Wir sind unter Druck gesetzt, um Sponsoren zu finden – die Politik hat uns dazu aufgefordert“, sagt Hinterhäuser. Aufgrund von Corona ist diese Produktion ins Wasser gefallen. Die Summe sei bereits komplett zurücküberwiesen – je 200.000 Euro an Gazprom als auch an die OMV, einen Mineralölkonzern mit Sitz in Wien.

Dass, genau hingesehen wird, woher die Gelder fließen, befürwortet Hinterhäuser: „Es ist gut so, dass die Sponsorings beleuchtet werden“. Immerhin sind die Salzburger Festspiele angewiesen auf Sponsorengelder. Während andernorts mit bis zu 50 % subventioniert wird, erhalten die Salzburger Festspiele nur rund 25 % des Budgets durch öffentliche Zuwendungen. 2019 waren das 13,44 Millionen Euro bei einem Budget von 61,76 Millionen Euro.

Der Rest resultiert aus dem Kartenerlös und aus Sponsorings. „Ohne Sponsorengelder würden sich die Salzburger Festspiele außerordentlich verändern“, betont Hinterhäuser. „Was während eines drei- bis fünfjährigen Sponsorings passiert, können wir allerdings nicht immer nachvollziehen.“

Ohne Sponsorengelder funktioniert es in Salzburg nicht © Salzburger Festspiele / Kolarik

Rückschlüsse für die Zukunft will Hinterhäuser zurzeit noch keine ziehen. Dazu sei die Lage gerade viel zu emotional und aufgebauscht. „Im Moment befinden sich die Salzburger Festspiele fest im Griff der aktuellen Situation.“ Nur eines möchte Hinterhäuser noch mit auf den Weg geben und mahnt im Hinblick auf die Tradition und die Bedeutung der Salzburger Festspiele zur Vorsicht: „Im Augenblick wird versucht zu zerstören, was nicht mehr herstellbar ist.“

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 24. April 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

musicAeterna, Alexandre Kantorow, Teodor Currentzis Elbphilharmonie, Hamburg, 15. April 2022

Pathys Stehplatz (14) – Brüggemann rüttelt am Currentzis-Bollwerk, klassik-begeistert.de

musicAeterna Orchestra, Teodor Currentzis, Konzerthaus, Großer Saal, am 11. April 2022

 

2 Gedanken zu „Salzburger Festspiele unter Druck – Analyse – Gespräch mit Markus Hinterhäuser
klassik-begeistert.de, 27. April 2022“

  1. Ich habe kein Verständnis dafür, dass es nun von der Nationalität abhängen soll oder gar muss, ob ein Künstler nun arbeiten darf oder nicht.

    Margot Krajewski

  2. Ich kann nur sagen, dass ich sehr traurig über die aktuelle Diskussion um Teodor Currentzis und musicAeterna bin. Ich wäre bitter enttäuscht, wenn die Produktionen mit diesen herausragenden Künstlern in Salzburg und anderen Orten außerhalb Russlands in Zukunft nicht mehr stattfinden werden. Ich habe keinerlei Zweifel an der Integrität von Currentzis. Wir sollten überlegen, was wir u.U. dauerhaft verlieren, wenn wir ihn und seine Musiker hier nicht mehr haben.

    Christine Boubaris

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