Schweitzers Klassikwelt 43: Unsere Top Fourteen

Schweitzers Klassikwelt 43: Unsere Top Fourteen

Foto: Solotänzer Camilo Mejía Cortés mit Kate Lindsey und Slávka Zámečníková als Nero und Poppea in Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“ an der Wiener Staatsoper im Mai 2021. (Wiener Staatsoper / Michael Pöhn)

Nach sechzig und noch mehr Jahren Opernbegeisterung wird sich in unsren Opern-Charts wohl nicht mehr viel ändern. Zusammengezählt haben meine Frau und ich Schwierigkeiten mit zehn Plätzen auszukommen und müssen etwas schwindeln. Bei uns zwei Personen handelt es sich allerdings nicht um ein statistisch verwertbares Umfrageergebnis. Was zählt? Die Zahl der besuchten Aufführungen führt nur bei häufig gespielten Opern zu einem verwertbaren Ergebnis. Dazu kommt die Häufigkeit der von uns zitierten Stellen (siehe auch Schweitzers Klassikwelt 4 „Opernzitate“), ein Schwelgen in Erinnerungen, manchmal auch die Sehnsucht einer Wiederbegegnung. Auf eine Platzierung innerhalb der obersten Vierzehn wollen wir verzichten. Die zweimal sieben Sockel sind gleich hoch! Hier eine Übersicht rein chronologisch nach dem jeweiligen Uraufführungsdatum gereiht.

L´incoronazione di Poppea

Don Giovanni

Così fan tutte

Rigoletto

Die Meistersinger von Nürnberg

Iolanta

Pelléas et Mélisande

Der Rosenkavalier

Ariadne auf Naxos

Die tote Stadt

Arabella

Lulu versus Carmen

Mass

Weiße Rose

Betrachten wir einmal die Liste halbwissenschaftlich.

Bei den Opern fehlen Repräsentantinnen des Belcanto, die Liste wird angeführt durch ein Werk, das man der Spätrenaissance oder dem Frühbarock zuteilen kann, und es spannt sich der Bogen bis zu einem Uraufführungstermin 1986. Acht der vierzehn Nominierten sind Werke des 20. Jahrhunderts. Woran wir bei der Auswahl nicht gedacht haben, was jedoch im Nachhinein interessant zu analysieren ist: Gibt es einen Hang zu tragischen Themen oder im anderen Extrem eine Neigung zu heiteren Stücken?

„Rigoletto“, Pelléas et Mélisande“, „Weiße Rose“ enden zweifelsohne tragisch. „Die Krönung der Poppea“ zeigt ein ungeschminktes Sittenbild. „Der Rosenkavalier“ wird ausdrücklich als Komödie für Musik bezeichnet. Nicht so „Arabella“. Beim „dramma giocoso“ wird offensichtlich die Verdammnis des Don Giovanni nicht so ernst genommen. Vergleichen wir nur das erschreckende Porträt des Verdammten in Michelangelos „Jüngstem Gericht“ in der Sixtinischen Kapelle.  Die RegisseurInnen der letzten Jahre nehmen „Così fan tutte“ nicht mehr so leicht. „Die Meistersinger“ sind das Satyrspiel der Werke Richard Wagners.

Zu den ernsten Stücken der Top Fourteen, die aber einen befreienden Ausgang haben, gehören Korngolds „Die tote Stadt“ und „das Theaterstück für Sänger, Musiker und Tänzer“ „Mass“.

Claudio Monteverdi als Mittsechziger, Gemälde von Bernardo Strozzi

Von Mozart zu Monteverdi, der aus chronologischen Gründen an erster Stelle steht, ist ein großer Sprung. Die als Erste angeführte Oper hinterließ nach jedem Anhören eine Faszination. Dazu kommt eine Harmonie von Wort und Musik, die also nicht erst in den theoretischen Schriften Richard Wagners als Neuentwicklung in der Kunstform Oper zu entdecken ist. Die Arien, Duette und Ensembleszenen in  „Don Giovanni“ begeisterten uns schon in unsrer Jugendzeit wie Schlager. Bei „Così fan tutte“ waren es weniger ins Ohr gehende Musiknummern als die Pikanterie der Handlung.

Schillers Dramen wirken sehr konstruiert. Die Geschichtswahrheit muss sich oft seinem Lieblingsthema „Neigung oder Pflicht“ unterordnen. Wenn man dann noch dazu kein ausgesprochener Shakespeare-Fan ist, wundert es nicht, dass bei Verdi die Wahl auf ein Werk seiner mittleren Schaffensperiode der Fünfzigerjahre seines Jahrhunderts fällt. Nicht ohne Einfluss dabei sind die Sternstunden mit einem Aldo Protti und einem Piero Cappuccilli.

Bei Verdis früher verstorbenem Zeitgenossen und Konkurrenten Richard Wagner ist die Musik wundervoll. Sogar vier Stunden und mehr vergehen im Nu. Trotzdem  ist Wagner nur mit einer Oper vertreten und zwar aus inhaltlichen Gründen. Eros und Ethik werden beim „Tannhäuser“ auseinanderdividiert, die pseudoreligiöse Gralsmystik und die tendenziösen Veränderungen der Nibelungendichtung lassen die Parole ausrufen: „Prima la musica!“ Auch „Tristan und Isolde“ wird in einer eigenen Klassikwelt mit dem Arbeitstitel „Libretti kritisch gesehen“ behandelt werden.

„Iolanta“ ist die Oper Tschaikowskis, die wir als die letzte seiner Opern kennenlernten. Es war eine Aufführung des Moskauer Bolschoi-Theaters und sie wurde auf Anhieb trotz der Kürze eines einzigen Akts unsere Lieblingsoper von ihm. Sie war übrigens seine letzte Oper, die er zwei Jahre vor seinem Tod komponiert hatte, und sie trägt metaphysische Züge.

„Pelléas et Mélisande“ besticht durch seine Einzigartigkeit. Es herrscht die Stille vor und ist doch so dramatisch. Nach Jahren der intensiven Wagnerverehrung gestaltete sich mein erster „Pelléas“ zu einer Offenbarung, die ich bei jeder Aufführung bis heute nachvollziehen kann.

Lisa Della Casa als Arabella Foto Fayer

Kommen wir zum „Rosenkavalier“. Wir erinnern uns an ein Interview des bekannten ORF-Journalisten Heinz Fischer-Karwin mit Lisa Della Casa und an seine Frage, deren Antwort jedem Opernkenner von vornherein klar war, wer ihr Lieblingskomponist sei. Wenn in unseren „Charts“ beständig drei von vierzehn Werken Richard Strauss als Urheber haben, sagt das alles. Von dem Vorspiel angefangen, über die ersten Töne des Octavian „Wie du warst, wie du bist“ bis zum Terzett und Schlussduett im dritten Akt, da haben sich ein musikalisches Genie und ein ebenbürtiger Dichter gefunden. Der Reichtum der Oper findet sich auch in den vielen Stimmcharakteren. Außerdem ist ein Bassist mit zweieinhalb Oktaven Stimmumfang gefordert, auch wenn der Komponist sehr nachsichtig gewesen sein soll.

Der in seinen Idealen aufgehende Komponist, die Klage der Ariadne, der Wohlklang der drei tröstenden Nymphen, die Personen der Commedia dell’arte mit ihrer bravourösen Prinzipalin Zerbinetta, die mit ihren rhythmischen Einlagen dem Geschehen Schwung verleihen, der wahrhafte Deus ex Machina Bacchus und das im Umfang diesmal bescheiden gehaltene Orchester, das im Finale zu ausuferndem Klang fähig ist, das sind die Erinnerungen an zahlreiche Aufführungen von „Ariadne auf Naxos“. Nähere Einzelheiten als Nachlese in der Serie „Unsere Lieblingsoper“ möglich.

„Arabella“ wird daneben oft als operettenartig abgetan. Doch wie viele kunstvolle lyrische Stellen erfreuen meine Frau und mich jedes Mal. Und wenn der Mandryka im ersten Akt anhebt mit „So gib das Mädel mir zur Frau“ bewegen sich unterschwellig meine Stimmbänder. In unsrer achten Klassikwelt „Aus dem Zeitalter der LP – Arabella“ steht unser Bekenntnis, dass wir den „Rosenkavalier“ und dieses letzte gemeinsame Werk von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal als gleichwertige Schwestern ansehen.

Die tote Stadt, Adrian Eröd, Herbert Lippert, Wiener Staatsoper, Foto Michael Pöhn

Mitten in diese Schaffenszeit fällt Korngolds surrealistisch anmutende Oper „Die tote Stadt“, die mit „Glück, das mir verblieb“ und „Mein Sehnen, mein Wähnen, es träumt sich zurück“ die emotionalen Höhepunkte bildet.

Darf man Leonard Bernsteins „Mass“ zu den Opern zählen? Original steht geschrieben: „A Theatre Piece for Singers, Players and Dancers“. Wir kennen szenische Aufführungen des Werks und konzertante Produktionen ohne Regisseur, in denen die Tänzer durch rhythmisches Klatschen ersetzt wurden. Aber ohne Bühnengeschehen bleibt das Ganze etwas schuldig. Man darf sich keine Musikmesse à la Mozart, Bruckner oder Messiaen erwarten. Es werden Glaubenszweifel und Widerreden eingebracht, durchaus üblich im vierten und fünften nachchristlichen Jahrhundert, wie aus stenografischen Mitschriften der Predigten des Kirchenvaters Augustinus rekonstruiert werden konnte, als die Messen anscheinend noch nicht so ritualisiert waren. Es kommt im wahrsten Sinn des Worts zu einem Zusammenbruch der Gemeindefeier, aber es wäre kein typisch US-amerikanisches Stück, wenn nicht durch einen – man darf sagen – Akt der Gnade die Feiernden buchstäblich wieder auf(er)stünden.

Udo Zimmermann. Foto: Astrid Ackermann

In der Kategorie „Meine Lieblingsmusik“ scheuten wir uns „Weiße Rose“, die die letzten intimen Augenblicke vor der Hinrichtung der Geschwister Scholl zum Thema haben, als Oper zu bezeichnen. Wir umschrieben Udo Zimmermanns Werk mit  „Szenen, die nicht loslassen“.

Agneta Eichenholz als Lulu, Wiener Staatsoper, Foto Michael Pöhn

Eine Oper hat in unsren privaten „Charts“ nur die Hälfte der Stimmen, nämlich meine und nicht auch die von meiner Frau Sylvia  bekommen: Alban Bergs „Lulu“. Ich kann bei bestem Willen nicht analysieren, warum es sich um meine Lieblingsoper handelt. Eine der besten Interpretinnen der Lulu, Agneta Eichenholz, äußerte in einem Interview, Männer allgemein und Regisseure tun sich mit der Persönlichkeit Lulus schwer. Sie sind und bleiben Outsider. Die Interpretin soll die Rolle so einfach wie möglich gestalten. Lulu hat nicht über sich nachzudenken, sondern zu reagieren. Sie muss überleben. Während für mich Lulu  d i e Femme fatale der Opernliteratur darstellt, ist es für meine Frau die Carmen, die sie als Statistin in nächster Nähe viele Male miterlebt hat.

Lothar und Sylvia Schweitzer, 7. September 2021, für
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Lothar und Sylvia Schweitzer

Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk  im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“

Schweitzers Klassikwelt 42: Verloren gegangene Sänger

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