Sommereggers Klassikwelt 1/2019: Applaus! Applaus?

Sommereggers Klassikwelt 1/2019 auf klassik-begeistert.de

Foto: Peter Sommeregger in Barcelona

Niemand verlangt, dass Konzertbesucher über ausreichende Vorbildung verfügen müssen, wo diese fehlt, sollten die Betroffenen lieber abwarten, ob Applaus gerade angebracht ist. Mangelndes Wissen ist keine Schande, Lernfähigkeit wäre angemessen.

von Peter Sommeregger, Berlin

Vortragenden Künstlern, Rednern oder sich in irgend einer Form öffentlich produzierenden Menschen applaudiert man in unserem Kulturkreis als Zeichen der Zustimmung und der Würdigung der erbrachten Leistung. Man hat diesen Brauch auch auf den so genannten Auftrittsapplaus ausgedehnt, also die höfliche Begrüßung eines Künstlers oder Redners.

Bräuche und Gewohnheiten unterliegen natürlich über die Zeit gewissen Veränderungen und Anpassungen an den Zeitgeist. Leider geht dabei oft der ursprüngliche Sinn verloren, oder die gute Absicht wirkt durch Übertreibung inflationär.

Im Konzertbetrieb haben sich neue Applaus-Rituale etabliert, die man vielleicht einmal kritisch hinterfragen sollte. Als Konzertbesucher jenseits des 30. Lebensjahres kennt man noch die früher üblichen Abläufe: das Orchester nimmt nach und nach auf dem Podium Platz, der Konzertmeister gibt den Kammerton vor. Nach einer kleinen, die Spannung erhöhenden Pause betritt der Dirigent den Saal. Er lässt das Orchester aufstehen, und jetzt spendet das Publikum den Auftrittsapplaus.

Bereits seit längerer Zeit beginnt heutzutage das Publikum schon beim Erscheinen der ersten Orchestermitglieder zu klatschen, das geschieht dann durchaus auch in mehreren Wellen, weil nicht alle Musiker gleichzeitig das Podium betreten. Bei Konzerten, in denen ein Chor mitwirkt, wiederholt sich das Ritual des Vorab-Applauses; auch der Konzertmeister, der neuerdings nach den anderen Musikern allein auftritt, bekommt seinen Solo-Applaus. Der volle Applaus nach dem Erscheinen des Dirigenten ist auf solche Weise deutlich entwertet – noch vor Beginn eines Konzertes hört man Applaus, und noch mal Applaus, und so fort.

Manchmal müssen Techniker einen Flügel vom Podium absenken, Stuhlreihen umbauen oder ähnliche Verrichtungen vornehmen. Heutzutage können sich diese Menschen eines Sonderapplauses sicher sein. Kürzlich fiel einem sehr betagten Dirigenten der Stab aus der Hand. Der Konzertmeister hob ihn auf und konnte sich der lautstarken Würdigung des Publikums sicher sein. Das erzeugt nicht selten die Atmosphäre eines Pop-Konzertes, das schenkelklopfend kommentiert wird.

Besonders heikel ist die Handhabung des Zwischen-Applauses. Spontaner Ausdruck der Begeisterung nach einem brillanten Solo ist nachvollziehbar, kann aber nicht selten den heiklen Spannungsbogen einer Aufführung (zer-)stören. Wirklich fatal ist das Klatschen nach einzelnen Sätzen eines Werkes oder gar einer Generalpause, das meist aus Unkenntnis des gespielten Stückes geschieht. Kürzlich dirigierte Kirill Petrenko am Brandenburger Tor die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven vor etwa 30.000 Zuhörern. Im Finalsatz wurde die Generalpause nach „vor Gott“ durch intensives Klatschen gestört. Es muss Petrenko übermenschliche Kräfte gekostet haben, seinen freundlichen Gesichtsausdruck in dieser Situation beizubehalten.

Niemand verlangt, dass Konzertbesucher über ausreichende Vorbildung verfügen müssen, wo diese fehlt, sollten die Betroffenen lieber abwarten, ob Applaus gerade angebracht ist. Mangelndes Wissen ist keine Schande, Lernfähigkeit wäre angemessen.

Um nichts weniger schön sind der laute Bravo-Ruf oder Johlen und Pfeifen, ehe der letzte Ton verklungen ist. Kluge Dirigenten und Solisten haben da Gewohnheiten wie das langsame Senken der Hände oder ein Kopfnicken als Botschaft an das Publikum entwickelt. Nicht immer werden diese Zeichen verstanden.

Auch die Gepflogenheiten beim Schlussapplaus haben sich verändert: Es ist üblich geworden, dass der Dirigent einzelne Musiker aufstehen lässt, damit sie ihren verdienten Solo-Applaus erhalten. Grundsätzlich eine gerechte Sache, aber das Orchester gibt damit seine Rolle als Kollektiv auf. Wie muss sich die Spielerin der dritten der 2. Geigen fühlen, wenn Kollege um Kollege aufstehen darf und sie unberücksichtigt bleibt. Schließlich hat das Orchester in seiner Gesamtheit die akklamierte Leistung erbracht. Hier scheinen sich Rituale von Jazz-und Popkonzerten einzubürgern, die im klassischen Konzertbetrieb doch eher deplatziert wirken.

Aber vielleicht ist das auch nur Geschmacksache?!

Peter Sommeregger, Berlin, 19. September 2019

Sommereggers Klassikwelt (c) erscheint jeden Mittwoch auf klassik-begeistert.de .

Und sonntags erscheint demnächst Ritterbands Klassikwelt (c).

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Ricardo Muti und Anna Netrebko. Seit 25 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen.‘ Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de .

Ein Gedanke zu „Sommereggers Klassikwelt 1/2019 auf klassik-begeistert.de“

  1. Wie wahr die feinen Beobachtungen des Applaus-Verhaltens des heutigen europäischen Klassikpublikums. Es war immer so einfach, abzuwarten, bis eine Mehrheit des Publikums frei heraus klatschte – dann konnte auch der weniger sattelfeste Zuhörer seiner Begeisterung freien Lauf lassen. Wie so viele gute Gewohnheiten scheint auch diese verloren zu gehen. Schade !

    Krista Canguilhem

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