Sommereggers Klassikwelt 62: Fanny Hensel, die verhinderte Komponistin

Sommereggers Klassikwelt 62: Fanny Hensel, die verhinderte Komponistin

„Für eine Frau ihres Standes galt es als unschicklich, öffentlich aufzutreten, vor allem aber damit auch Geld zu verdienen. Das hielt Fanny nicht davon ab, zu komponieren, schon in jungen Jahren entstanden zahlreiche Lieder und Klavierstücke.“

von Peter Sommeregger

Am 14. November dieses Jahres konnte die Musikwelt den 215. Geburtstag Fanny Hensels, geb. Mendelssohn-Bartholdy begehen. Geboren in Hamburg als Enkelin des jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn erhielt sie wie ihre Geschwister eine solide musikalische Ausbildung, was damals für Kinder aus gehobenen Gesellschaftskreisen durchaus üblich war.

Im Falle ihres Bruders Felix entwickelte sich ein herausragendes Talent, das schon früh erstaunliche Früchte trug, man denke nur an die überirdisch schöne Musik zum „Sommernachtstraum“ des gerade einmal 17-jährigen Knaben. Das gleichfalls offenkundige musikalische Talent Fannys führte aber zu einem Konflikt, der bis zu ihrem frühen Tod mit 42 Jahren nicht gelöst wurde.

Felix Mendelssohn Bartholdy

Zwar wurden beide Geschwister anfangs noch in gleicher Weise musikalisch unterrichtet, anfangs von Carl Friedrich Zelter, später u.a. von dem Klaviervirtuosen Ignaz Moscheles, aber nur Felix wurde es von seiner Familie gestattet, die Musik zum Beruf zu machen. Für eine Frau ihres Standes galt es als unschicklich, öffentlich aufzutreten, vor allem aber damit auch Geld zu verdienen. Das hielt Fanny zwar nicht davon ab, zu komponieren, schon in jungen Jahren entstanden zahlreiche Lieder und Klavierstücke. An eine Drucklegung war aber vorerst nicht zu denken. Die ersten gedruckten Lieder Fannys erschienen in einem Sammelband mit Kompositionen des Bruders Felix, ohne Nennung ihres Namens.

Aktiv musikalisch betätigen konnte Fanny sich im Rahmen der Sonntagskonzerte, welche die Familie Mendelssohn ab 1823 im Gartensaal ihres Hauses an der Leipziger Straße in Berlin veranstaltete. An der Stelle dieses Anwesens befindet sich heute das Bundesratsgebäude. Verständnis und Unterstützung für ihre musikalischen Ambitionen fand Fanny bei ihrem Ehemann, dem Hofmaler Wilhelm Hensel, mit dem sie seit 1929 eine glückliche Ehe führte. Erst gegen Ende ihres Lebens entschloss sie sich, weitere Kompositionen zu veröffentlichen.

Als Fanny am 14. Mai 1847 völlig unerwartet an einem Schlaganfall starb, war nur der kleinste Teil ihres etwa 450 Werke umfassenden Oeuvres publiziert. Felix Mendelssohn-Bartholdy, der ein sehr enges, liebevolles Verhältnis zu seiner Schwester hatte, wurde von ihrem plötzlichen Tod schwer getroffen, er überlebte Fanny nur um ein halbes Jahr.

Fannys einziges Kind, der Sohn Sebastian wurde später zum Chronisten der bedeutenden Familie Mendelssohn. Der musikalische Nachlass Fannys ist allerdings auch bis heute nur in Teilen erschlossen, obwohl bereits seit den 1970er-Jahren daran gearbeitet wird. Man kann nur hoffen, dass in Zeiten der Genderdebatte auch dieses Versäumnis nachgeholt wird, sicher kann man hier mit interessanten Entdeckungen rechnen. So könnte Fanny Mendelssohn doch noch den verdienten Nachruhm erlangen und endgültig aus dem Schatten ihres berühmten Bruders treten.

Peter Sommeregger, 17. November 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Peter Sommeregger

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Riccardo Muti und Anna Netrebko. Seit 26 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der deutschen Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen.‘ Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de.

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