Tschaikowsky duftet und Schostakowitsch triumphiert

Tschaikowsky und Schostakowitsch, Victoria Wong, Violine  Musik- und Kongresshalle, Lübeck, 25. Oktober 2026

Victoria Wong © Andreas Ströbl

Man lässt sich ja immer wieder von den munteren Verben in den Titeln dieses Blogs überraschen, aber dass Musik duften soll? Wie so etwas möglich wird, erlebte ein echtes Sternstunden-Publikum beim 2. Symphoniekonzert am 25. Oktober 2026 in der Lübecker Musik- und Kongresshalle.

2. Symphoniekonzert

Musik- und Kongresshalle, Lübeck, 25. Oktober 2026

Peter Tschaikowsky, Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35
Dmitri Schostakowitsch, Symphonie Nr. 10 e-Moll op. 93

Victoria Wong, Violine
Hans Graf, Dirigent

Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck

von Dr. Andreas Ströbl

Ein Stern erhebt sich am Himmel voller Geigen

Als „sehr wichtiges Konzert“ hatte Lübecks GMD Stefan Vladar zwei Tage zuvor den Auftritt der jungen Violinistin Victoria Wong mit Tschaikowskys Violinkonzert angekündigt. Vor allem ist den Besuchern dieser Veranstaltung klar: Hier hat soeben deutlich hör- und sichtbar ein aufstrebendes Talent einen weiteren Meilenstein gesetzt, für die Karriere, aber auch insgesamt in der Wiedergabe eines ausgesprochen anspruchsvollen Werks der Violinliteratur.

Um die olfaktorische Frage gleich aufzulösen – bekannt ist ja das unfassbar dümmliche Urteil des selbstgefälligen Kritikers Eduard Hanslicks über dieses Konzert, in dem er meinte, dass man diese Musik stinken höre. Man mag sich genüsslich vorstellen, wie Hanslick im ganz persönlichen Fegefeuer Tschaikowskys op. 35 und Wagner-Opern in Dauerschleife hören muss. Victoria Wong lässt dieses Konzert jedenfalls von der ersten Note an elysisch duften.

Victoria Wong und Orchester © Andreas Ströbl

Gemeinsam mit dem Philharmonischen Orchester der Hansestadt Lübeck unter der Leitung des Gastdirigenten Hans Graf besticht die junge Künstlerin durch einen anmutigen Duktus und ein sahnig-weiches Spiel mit wundervoll ineinandergleitenden Legato-Bögen. Auf der Guadagnini von 1772, einer Leihgabe der Deutschen Stiftung Musikleben, zaubert sie einen rhythmisch lebhaften Kopfsatz mit ganz feinen Rubati. Die sehr hohen Töne der Solopassage sind wie goldene Spinnfäden von kaum fassbarer Feinheit. Man mag dem Einwurf einer Konzertbesucherin zustimmen, dass dieser Satz dynamisch noch variabler gestaltet werden kann, aber das ist Relativieren auf sehr hohem Niveau. Die Geigerin spielt das Konzert zudem auswendig, mit größter Finesse und melodischem Optimismus; so gerät der erste Satz gerät durchweg mehr allegro als moderato.

Der Dialog mit der Flöte ist eine harmonische Offenbarung; überhaupt sieht man immer wieder bewundernde Blicke aus dem Orchester in Richtung der Solistin – hier funktioniert das Zusammenspiel einwandfrei. Die Lübecker bieten dem genannten Stern einen wunderbar fülligen Himmel mit fein nuancierter Farbigkeit und Weite.

Das Dirigat von Hans Graf lässt sich am besten mit konzentrierter Unaufgeregtheit beschreiben. Der Österreicher widmet sich all den Zartheiten des Werks mit detailliertem Blick, wird aber im Lauf des Konzerts noch zeigen, dass er auch die großen Gesten meisterhaft beherrscht.

Hans Graf und Orchester © Andreas Ströbl

In halsbrecherischem Tempo beendet die Geigerin den ersten Satz; zum Weinen schön mit greifbarer Wehmut ohne Sentimentalität formt sie den folgenden, und ja, diese Canzonetta wird bei ihr zu einem echten, sehr lyrisch gestalteten Gesang. Jäh fährt der Beginn des Finalsatzes in die Sanftheit hinein, und mit erstaunlich harten Pizzicati und wieselflinkem Tempo wechselt Victoria Wong souverän die Gangart. Mit rasanter Eleganz lässt sie die Klänge lerchenhaft in die Höhe steigen; Dirigent und Orchester halten gemeinsam mit ihr eine enorme Spannung und bleiben gerade im energischen Ausgang rhythmisch stets sattelfest.

Nach den letzten, sehr beschwingten Tönen setzen sofort die „Brava“-Rufe ein; die Geigerin muss oft zurück auf die Bühne und schenkt den Lübeckern ein Stück aus ihrer australischen Heimat als Zugabe, den „White Cockatoo Spirit Dance“ von Ross Edwards, der so gar nicht nach Kakadu klingt, sondern eher wie ein Singvogel im folkloristischen Gewand. Es sei angemerkt, dass Victoria Wong ganz frei von Allüren ist; im persönlichen Gespräch ist sie erfrischend unkompliziert und menschlich nahbar.

„Euch zeige ich’s!“

Liest man Beschreibungen sowjetischer Musikwissenschaftler von Schostakowitschs 10. Symphonie, dann wir einmal mehr klar, dass die Machthaber und ihre kulturellen Zuarbeiter zum Glück oft nicht gemerkt haben, wie sehr sich der Komponist über Stalin und seine Schergen lustig gemacht hat. „Man muss schon ein kompletter Idiot sein, um das nicht zu merken“, sagte er einmal über den erzwungenen Jubel in seiner 5. Symphonie; das gilt auch für sein op. 93.

Aus dem ersten Satz spricht das tiefe Leid einer gequälten Seele in einer feindlichen, bedrohlichen Welt bis hin zur Angst vor dem Wahnsinnigwerden. Grafs ruhiges und klarsichtiges Dirigat zeichnet dieses Bild der inneren Erschütterung gleichsam mit der Lupe eines vorsichtigen Psychologen. Das ängstliche Voranschreiten und Suchen nach Orientierung wie im Dämmerlicht verrät ebensoviel Verunsicherung, wie menschliche Größe in der Aufrichtigkeit des musikalischen Selbstporträts. Volksmusikalische Zitate wirken, ähnlich wie Mahlers Ländler, ironisch und bizarr.

Gerade die Holzbläser geben mit großer Wärme und Fülle die Tiefe der Empfindungen wieder, Oboe und Fagott malen ein Seelenbild voller Sehnsucht, während die Blechbläser kraftvolle Akzente setzen. Das ist ebendie Äußerung der menschlichen Gefühle und Leidenschaften, die Schostakowitsch in dieser Symphonie zum Ausdruck bringen wollte.

Brutal kommt der zweite Satz daher; das ist wie ein Sturm, der ins Herz fährt; die Militärstiefel treten durch das erbarmungslose Schlagwerk hörbar auf denen herum, die sich nicht dem Tyrannengejubel anschließen wollen. „Wie das Mahnen vor einem neuen drohenden Krieg“ und „ein plastisches Bild vom Wüten wilder, dunkler Kräfte“ deutete Peter Galchin aus Moskau das, was in Wirklichkeit ein musikalisches Zerrbild Stalins ist.

Im dritten Satz wird das klingende Selbstbildnis des Komponisten, das „D-Es-C-H“ immer greifbarer, variiert mal hoffend, mal klagend. Es ist eine schaurige Scheinfröhlichkeit, ironisch wie im Lied vom „lieben Augustin“, bei dem dann eben alles hin ist. Erste Geige, Klarinette und Flöte geben jeweils mit hochsensiblem Spiel diesem musikalischen Ich zarte, psychologisch tiefgründige Facetten. Ganz am Ende erscheint das Thema sehr leise, wie das zaghafte Weinen eines in die Ecke gedrängten Kindes.

Aus der Klarinettenklage entsteht im einverständigen Dialog mit der Flöte zu Beginn des Finalsatzes plötzlich ein erhellender Ausblick, als bräche die Sonne durch Nebelschwaden. Das DSCH kämpft sich mit wachsendem Optimismus durch immer erneute Anfeindungen und Irritationen, bis es schließlich triumphiert. Ja, Herr Galchin, da mögen Sie vor allem an sowjetische Pionierlieder gedacht haben, aber hören kann man eines: Das trotzige „Euch zeige ich’s!“ eines vom System Geknechteten, der sich bei aller erzwungenen Anpassung seine innere Freiheit erhalten hat.

Erneut wird an diesem Sonntag deutlich, dass die Lübecker den Vergleich mit Staatsorchestern nicht scheuen müssen. Das abschließend begeistert umjubelte Konzert wird am Montag, dem 26. Oktober am gleichen Ort um 19.30 Uhr nochmals zu hören sein.

Dr. Andreas Ströbl, 25. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Instrumenten-Wettbewerb der Deutschen Stiftung Musikleben, Possehl-Stiftung Lübeck, 23. Oktober 2026

Wolfgang Amadeus Mozart, Idomeneo, Michael Schade Tenor Theater Lübeck, Premiere, 2. Oktober 2026

Franz Schubert 5 und 7 Lübeck, Musik- und Kongresshalle, 13. September 2026

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