Elbphilharmonie Hamburg: Ich weiß nicht, ob man ein Konzert als „politisch“ bezeichnen sollte

UKRAINIAN FREEDOM ORCHESTRA, Silvestrov / Chopin / Brahms  Elbphilharmonie, 13. August 2022

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Elbphilharmonie, 13. August 2022

Silvestrov / Chopin / Brahms – Elbphilharmonie Sommer

Ukrainian Freedom Orchestra
Ljudmyla Monastyrska Sopran
Anna Fedorova Klavier
Keri-Lynn Wilson Dirigentin

Valentin Silvestrov
Sinfonie Nr. 7

Frédéric Chopin
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 f-Moll op. 21

Ludwig van Beethoven
»Abscheulicher! Wo eilst du hin?« / Arie der Leonore aus der Oper »Fidelio« op. 72

Johannes Brahms
Sinfonie Nr. 4 e-Moll op. 98

von Harald Nicolas Stazol

„Sowas hat man seit dem 2.Weltkrieg nicht mehr gesehen“, schreit mir mein Begleiter, der Sohn eines Intendanten und einer Opernsängerin, ins Ohr, er muss es, denn die Ovationen an diesem Abend in der Elbphilhamonie erreichen Orkanstärke, „ein Orchester aus lauter Exilanten“.

Deswegen also dauert der Applaus noch an, während das Ukrainian Freedom Orchestra schon die Notenblätter einpackt. Ganz Hamburg, selbst die Zugereisten, eine Reihe hinter uns hört man Sächsisch, stehen. Wir alle stehen…

Das liegt sicherlich an der Zugabe, einer Variation der ukrainischen Nationalhymne, etwas kitschig, wenn man das sagen darf, aber das ist wohl weniger von Belang.

Von Belang ist, dass sie gerade Brahms spielten, die Vierte, mit einer Hingabe, die die nächste Aufführung in der Elphi zum Erstrebenswerten macht, und es bleibt zu sehen, ob das noch übertroffen werden kann.

Denn sie übertreffen sich selbst, diese Musiker aus dem Exil.

Nun, das mag man für jedes Orchester in der Elphi sagen, aber ein ganzes Orchester „in Terra Incognita“, dem unerforschten Land (was wissen wir schon über die Ukraine wirklich?), aber hier wird das GEFÜHL deutlich, mit dem das Ensemble aufspielt. Einfach überwältigend, und ich greife zu oft vielleicht zu Superlativen, man verzeihe sie mir auch fürderhin, hier werden Brahms, Beethoven und Chopin zum Erlebnis. Selbst die „Ouvertüre“ des Silvestrov.

Man hat die Klavierkonzerte Chopins als Etüden mit Orchesterbegleitung bezeichnet. Hier, mit Anna Fedorova, die zu hören seit Tschaikowski 1 mir unverhoffte Hoffnung ist, und einigermaßen auf das Erfreulichste überraschend, die klein-feine Virtuosin am Flügel glänzt und glänzt und glänzt… Einen Ton schlägt sie falsch an, ausgerechnet den letzten, aber wer wollte hier kritisieren, denn sie ist ja da, was man nicht erwartet, nein, für möglich gehalten hätte. Kein Zweifel aber: Sie ist, noch so jung, vielleicht bald auf Höhe der Tatjana Petrowna Nikolajewa, (eine Russin, tant pis, Genie kennt keine Grenzen) – ob sie aber einst Rubinstein vom Sessel fegen wird, bleibt abzuwarten.

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Überhaupt erhebt sich am Samstag Abend in der noch so jungen Elbphilharmonie die Frage, wer hier wen überhebt.

Hat doch der Held Kiews höchstselbst, Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj, dem Programm ein Grußwort vorangestellt, das so ungewöhnlich wie bewegend ist, aber auch kritikwürdig: „Musik kann eine mächtige Waffe gegen Angreifer sein.“

Nun, Herr Präsident, muss ich SIE, Exzellenz, in die Schranken weisen und zur Ordnung: „Musik hat für nichts und niemanden eine „Waffe“ zu sein“!!!

Aber: „Ich danke Peter Gelb und Waldemar Dabrowski, den Direktoren der Metropolitan Opera und des Theater Wielki der Polish National Opera“ – nun danken wir den beiden Herren auch, Herr Präsident.

Vor allem aber auch der kanadischen Dirigentin Keri-Lynn Wilson (sie hat ukrainische Vorfahren), deren Dirigat sich wie ein weltweites Who-is-who liest. Zu recht, aber warum?

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Weil sie, obschon selbst eine elegant-fragile Erscheinung, bei aller Verve und allem Einsatz, fast in den Hintergrund verschwindet, ja, im Orchester geradezu aufgeht.

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Sie verschwindet bei den leis-leiseren-leisesten Tönen der 7. Symphonie des Valentin Silvestrov, die nach anfänglicher Über-Moderne erstaunlich lyrisch klingt, aber dem Publikum eine Konzentration abverlangt, die wohl auf das Füglichste an den Anfang gestellt ist – hier schämt sich jeder Huster, hier darf sich kein Lüftchen, kein Häuchlein sich regen, kein Spürchen von „Musik als Waffe“.

Fast hätten wir „Abscheulicher, wo eilst Du hin“, vergessen, mit einer Sopranistin, Ljudmyla Monastyrska, die einen ganzen Platz rechts im Bühnenraum bekommt, was ihr schauspielerisches Talent unter Beweis stellt – dessen sie gar nicht bedarf, ob des höchsten Timbres, ihrer flügelgleichen Höhen, ihrer samtigen Sattheit, da weiß man gar nicht mehr, wohin man denn enteilen sollte, als bewiesenermaßen Abscheulicher.

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Nur wenige wissen, dass Johannes Brahms, nachdem er einen Unfall hatte – von einem Fuhrwerk überrollt –, von seinem Vater einen Pappendeckel voller Klaviertasten im Gipsbett aufgemalt bekam, auf dass er weiter üben könne. Das mag ein Lebenserlebnis sein.

Zu dem er jetzt anhebt. Man mag die Vierte als eine Folge davon sehen.

Denn, wir, ja wir alle, so hoffe ich, fühlen uns jedenfalls erhoben, folglich erheben wir uns.

Es mag mir in meinem Leben vielleicht EINMAL vergönnt sein, Brahms SO zu hören. Und darob bin ich glücklich. Auch Leonard Bernstein ist beglückend, aber er schließe sich meinem Herzblut wohl an: Wer aus reiner Überzeugung vor lauter Überzeugung Brahms so spielt – da hätte Leonard wohl sein weise-weißes Haupt ergriffen geschüttelt.

Ich weiß nicht, ob man ein Konzert als „politisch“ bezeichnen sollte.

Aber Exilanten haben eben Carte blanche.

Man mag sich an Brahms ob seines Requiems erinnern. Aber was in der 4. aufstrahlt, eben in der Vierten, lässt in Erstaunen zurück. Von diesem Orchester allzumal.

Als der Jahrhundertsturm aufbrandet, der den Royal Pavilion hinweg fegt, in Brighton, ich gehe in meiner Dummheit noch an den Hafen – so sehr ist dieser Abend zu verstehen.

Wenn das ein kleines Mädchen ist, das auf der wunderbaren Rolltreppe hinab, als ebenso bezeichnet, „hat es Dir gefallen?“, und auf Ukrainisch antwortet, dann hatte man wohl recht.

Denn da ist ja Beethoven.

Harald Nicolas Stazol, 17. August 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

 

Haralds Passionen I: “Russen, die ich liebe”! klassik-begeistert.de, 7. Juli 2022

Haralds Passionen IV: Von der Ukrainischen und anderem klassik-begeistert.de 10. Juli 2022

Haralds Passionen IX:  „La Russie, mon amour“ klassikwelt-begeistert.de

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