Streichquartett und Rockband in einem: Das "vision string quartet" zeigt sich ebenso brav wie überschwänglich

vision string quartet,  Schleswig Holstein Musik Festival, 13. Juli 2019

Foto: © Tim Klöcker

Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF)

Großhansdorf, Auferstehungskirche, 13. Juli 2019

vision string quartet

Johann Sebastian Bach:
Präludium b-Moll BWV 867 aus dem »Wohltemperierten Klavier« I (bearbeitet vom vision string quartet)

Grażyna Bacewicz:
Streichquartett Nr. 4

Joseph Haydn: Streichquartett G-Dur op. 77 Nr. 1 Hob. III:81

Jazz und Pop – Bearbeitungen des vision string quartet

von Guido Marquardt

Dass die vier jungen Musiker des vision string quartet ebenso vielseitig begabt wie interessiert sind, nutzten sie beim Schleswig Holstein Musik Festival für musikalische Stippvisiten in mehreren Jahrhunderten. Während ihr luftig-leichtfüßiges Spiel durchgängig gefiel, kam der echte Überschwang erst nach der Pause, als sie die Verstärker anschlossen und ihrer Spielfreude freien Lauf ließen.

Seit 2012 besteht das vision string quartet – vier Herren mit Wohnsitz Berlin, alle noch keine 30 Jahre alt. Klassisch ausgebildet und mehrfach preisgekrönt verstehen sie sich aber ebenso als Streichquartett wie auch als Band. Pop, Jazz, Swing und Rock bieten sie gleichermaßen engagiert dar wie das übliche Repertoire eines Streichquartetts.

Bereits 2018 gastierten sie im Rahmen des SHMF in der Elbphilharmonie; ein weiterer geplanter Auftritt dort im Februar 2019 musste wegen eines Bänderrisses des Cellisten verschoben werden. Nun hatten sie beim SHMF zwei Auftritte an kleineren Spielorten – am 14. Juli in der Stadtkirche von Glückstadt und einen Tag zuvor in der Auferstehungskirche Großhansdorf, einer Nachbargemeinde von Ahrensburg.

Die Kirche wurde im Jahr 1960 erbaut und bietet mit ihrer schnörkellosen Bauweise im Stil der Neuen Sachlichkeit sehr gute akustische Voraussetzungen für ein Konzert mit vier Streichern. Der klassische „Schuhkarton“ lässt grüßen.

Es ist natürlich grundsätzlich erfreulich, wenn die Komponisten-Retrospektive zu Johann Sebastian Bach ihren Niederschlag in möglichst vielen der Konzerte findet. Jedoch bleibt das für Streicher bearbeitete Präludium aus dem „Wohltemperierten Klavier“ an diesem Abend in Großhansdorf wenig mehr als eine Fingerübung, ein Kalibrierungsstück für das Ensemble.

Das im Programmheft als „überbordend“ angekündigte Streichquartett der polnischen Komponistin Grażyna Bacewicz aus dem Jahr 1951 ist da schon von anderem Kaliber: Mit vielen tückischen Tonart- und Tempowechseln, Melodieläufen, die kurz angedeutet und dann schon wieder hinweggefegt werden und einer zugleich romantisch wie sperrig anmutenden Atmosphäre stellt es hohe Anforderungen an die Musiker.

Jakob Encke, Daniel Stoll (Violine), Leonard Disselhorst (Cello) und Sander Stuart (Viola) werden der Aufgabe dank ihrer souveränen Technik voll gerecht. Ihre leichtfüßige Spielweise bewahrt den Vortrag vor der Gefahr akademischer Langeweile und harmonisiert manch harschen Kontrast, der in Bacewiczs Werk angelegt ist. Und wie man aufgrund des späteren Verlaufs des Abends mutmaßen darf, bereiten ihnen gerade auch die vielen Pizzicati besonderes Vergnügen.

Überraschend „brav“ hingegen ist die Auswahl für das letzte klassische Werk dieses Konzerts, Haydns 1799 komponiertes Streichquartett in G-Dur op. 77 Nr. 1. Zweifellos bieten gerade der Kopf- und der Schlusssatz reizende Melodien, und die Reife des Komponisten, der zu dieser Zeit die 60 Lebensjahre bereits deutlich überschritten hatte, findet seinen Niederschlag in manch kompositorischer Finesse.

Aus heutiger Perspektive allerdings kratzt das Ganze dann doch bisweilen an der Grenze zur Betulichkeit. Das Publikum ist jedoch zufrieden und entlässt das Quartett mit starkem Beifall in die Pause.

So bleibt, die leichtfüßige Interpretation und luftige Spielweise zu loben, die Zurückhaltung beim Vibrato und die flotte Ausgestaltung im Tempo. Durchgängig ohne Noten und im Stehen (beides bereits Markenzeichen der Musiker) hinterlässt das vision string quartet einen starken Eindruck, der mit einer etwas schwungvolleren Werkauswahl vielleicht noch eindrücklicher gewesen wäre.

Nach der Pause wurden dann die Verstärker angeschlossen: Bühne frei für ein munteres Programm von den Jazzern Benny Goodman und Oliver Nelson über be-swingte Musik aus einem Kurzfilm des Pixar-Studios bis hin zu Eigenkompositionen, unter anderem einer mitreißenden Samba.

Mit sehr viel Spielfreude der vier Musiker und sehr gekonnt und pointensicher vorgetragenen Conferencen des ersten Geigers Jakob Encke, bekam der Abend nun eine deutlich leichtere Note, der sich irgendwo zwischen Django Reinhardt, Jacques Loussier und Salut Salon verorten lassen könnte.

Disselhorst spielte sein Cello jetzt fast durchgängig als gezupften Bass, die Viola von Stuart wurde schon mal zur kleinen Gitarre und alle gemeinsam reizten besonders das perkussive Potenzial ihrer Instrumente aus. Da sie ohne Schlagzeuger auskommen müssen, teilten sie sich umlaufend die Aufgaben, mithilfe der Technik des „Choppens“ den Rhythmus-Part zu besetzen.

Dass sie weder sich selbst noch die Musikwelt insgesamt ernster nehmen als nötig, bewiesen die vier mit einigen gelungenen Einlagen, die besonders die oft „mackerhafte“ Attitüde bei Instrumentalsolos in der Rock-, Pop- und Jazzwelt auf den Arm nahmen.

Das vision string quartet befindet sich in einem interessanten Abschnitt seiner noch jungen Karriere: Einerseits durchaus darum bemüht, ihre klassische Ausbildung zu zeigen, schlägt ihr Herz doch mindestens ebenso sehr auch für ein genreübergreifendes Entertainment und die Erarbeitung eigener Stücke. Man darf gespannt sein, wohin die Reise in Zukunft führen wird – Album-Veröffentlichungen sind sowohl in der einen wie in der anderen Richtung für die nächste Zukunft annonciert.

Möglicherweise wird es auch künftig bei Konzerten dieses Ensembles zwei deutlich voneinander getrennte Abschnitte oder eben Einzelkonzerte mit dem einen oder dem anderen Inhalt geben. Vielleicht finden sie aber auch zu einer Form, die ihre großen Begabungen und ihr enormes Repertoirespektrum zusammenführen zu einem ganz eigenständigen Ansatz. Einige Fans haben sie an diesem Abend in Großhansdorf zweifellos hinzugewonnen – der große Jubel am Ende sprach für sich.

Guido Marquardt, 14. Juli 2019, für
klassik-begeistert.de

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