Herz und Hirn im Wiener Konzerthaus: Die Wiener Symphoniker glänzen mit Nikolaj Znaider

Wiener Symphoniker, Nikolaj Znaider, Philippe Jordan,  Wiener Konzerthaus

Nikolaj Znaider und Philippe Jordan sind wie ein lebender Organismus: Ersterer ist das Herz, das die Musik vorantreibt, letzterer ist das Gehirn, das alle Vorgänge steuert.

Foto: Johannes Ifkovits (c)
Wiener Symphoniker
Nikolaj Znaider, Violine
Philippe Jordan, Dirigent
Kurt Schwertsik: Here & Now
Johannes Brahms: Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 77
Antonín Dvořák: Symphonie Nr. 9 e-moll op. 95 Aus der Neuen Welt

von Thomas Genser

Erneut landen die Wiener Symphoniker unter Philippe Jordan einen großen Wurf: Zusammen mit Nikolaj Szeps-Znaider bringen sie ein Brahms-Violinkonzert, das sich mit allen Wassern gewaschen hat. Im Spiel des dänischen Multitalents werden Welten erschaffen – absolute Spitzenklasse! Davor und danach gibt es instrumentale Kost von Schwertsik und Dvořák.

Die Fanfaren-Ouvertüre Here & Now komponierte der österreichische Komponist Kurt Schwertsik für das jährliche “Fest der Freude” am Wiener Heldenplatz. Schwertsik – selbst jahrelang Teil der Symphoniker – hat das kurze Werk dem Orchester sozusagen auf den Leib geschneidert. Es lebt vom Wechsel zwischen Solo- und Tuttipassagen und seiner extrem strapazierten Tonalität. Ein verwirrender Weckruf, der die Konzentration des Publikums ins Hier und Jetzt holt. Und es wirkt: Ehe das Stück begonnen hat, ist es schon wieder verhallt, doch nun sind alle geistig da!

Nach dieser Einstimmung und einer kurzen Umbaupause kommt Chefdirigent Philippe Jordan gefolgt von Nikolaj Znaider aufs Podium. Brahms‘ Violinkonzert dirigiert ersterer zackig wie immer, während letzterer Lässigkeit und Entspannung verströmt. Nach der Orchesterexposition ist der Einstieg seiner Geige packend und strotzt vor Figurenwerk und Läufen. Das Vibrato ist maßvoll, bei den komplizierten Doppelgriffen hingegen bringt der Däne seinen Haarschopf zum Erzittern. Andächtige Stille begleitet seine Kadenz, die Znaider mit geschlossenen Augen exerziert. So mancher im Publikum kann sich nach dem ersten Satz ein Klatschen nicht verkneifen!

Das Adagio ist ein Stück zum Träumen, das zu weiten Teilen von Holz und Blech dominiert wird, die zu einer elegischen Einheit verschmelzen. Schlussendlich kann die Violine das Thema von der Oboe übernehmen und in neue Höhen tragen. Jordan am Dirigierpult mimt eine Violine und schmachtet in diesem Satz dahin. Wunderbar, wenn auch ein wenig Schmackes fehlt!

So kommt das Finale gerade recht: Der mit Allegro giocoso, ma non troppo vivace überschriebene Schlusssatz ist von festlichem Duktus, den Brahms zwischenzeitlich mit folkloristischen Elementen durchsetzte. Dies geschah für Joseph Joachim, der bei der Uraufführung 1879 die Geige spielte, und auf dessen ungarische Wurzeln Brahms hier Bezug nahm. Rondoartig reihen sich verschiedene Abschnitte um das Thema, das Znaider so eingängig vorträgt, dass man es sogar in der Pause auf den Toiletten von einem Konzertbesucher gepfiffen hört. Znaider und Jordan sind wie ein lebender Organismus: Ersterer ist das Herz, das die Musik vorantreibt, letzterer ist das Gehirn, das alle Vorgänge steuert.

Ein Evergreen der Konzertliteratur kommt nach der Pause zur Aufführung: Laut Statistik im Programmheft wurde Dvořáks Symphonie Aus der neuen Welt schon 103 Mal im Wiener Konzerthaus gespielt. Das 104. Mal ist ebenso episch wie filigran und bildet ein vielschichtiges Porträt der USA. Neben weiten, idyllischen Landschaften steht die kalte, erbarmungslose Großstadt – die Musik ist groß und mächtig. Jordan dirigiert auswendig und erzählt die Geschichte eines Landes voller Widersprüche.

Auf den kreativ instrumentierten und dargebotenen ersten Satz folgt das bekannte Largo: Dem choralartigen Anfang folgt ein berührendes Englischhorn-Solo, woraufhin die Streicher ein Netz spätromantischer Harmonik aufspannen, in dem man sich gerne wiegen lässt. Charakterlich mehr Böhmisch geprägt klingt das Scherzo. Folklore, Holzbläser, aber auch Dramatik dominieren. Mal leise, mal laut flattern im Trio Motivfetzen wie Schmetterlinge über eine Wiese voll Morgentau, dazu der zarte Glanz der Triangel.

Unvermittelt und attaca springt das Finale daher: Mit dem Pentatonik-Thema der Blechbläser treiben die Symphoniker die emotionale Anspannung auf die Spitze. Triolen rasen vorbei und Jordan dirigiert, als ginge es um Leben und Tod! Auch wenn die Symphonie letztenendes ein wenig in die Länge gezogen ist – alle Beteiligten kommen auf ihre Kosten und ernten wilden Beifall plus standing ovations.

Thomas Genser, 24. November 2018, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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