Staatsoper Hamburg: Tolle Sänger im Tollhaus voller Notenblätter

Wolfgang Amadeus Mozart, Le Nozze di Figaro, Olga Peretyatko,  Staatsoper Hamburg

Foto: alikhan photography (c)
Staatsoper Hamburg

Wolfgang Amadeus Mozart, Le Nozze di Figaro, 19. Juni 2018

Ein Gastbeitrag von Teresa Grodzinska

Ich gestehe: wegen des Fußballspiels Senegal gegen Polen um 17 Uhr verpasste ich als Polin die Hälfte des ersten Aktes. Landete verschwitzt und unkonzentriert um 19.50 Uhr (zweiter Einlass, strenge Sitten hier) im 2. Rang rechts.

Aber bei Mozart landet man immer gleich im Himmel. Das Baden in der Musik dieses Genies gelingt mühelos, ob verschwitzt, verspätet, beschämt in der Hamburger Oper oder im Kreissaal. Mein Sohn kam zu den Klängen der „Kleinen Nachtmusik“ zur Welt. Äußerst glückseliger Zeitgenosse übrigens, Mozart sei Dank.

Zurück zum „Figaro“: der Plot ist so verwirrend, wie 256 Folgen einer Soap: Intrigen, Finten, falsche Beschuldigungen, Eifersucht, Tobsuchtsanfälle, gefälschte Briefe, plötzlich wiedergefundene Eltern … alles funkelt und badet in dieser eigenartigen Musik. Der unterirdische Strom von Lebens- und Liebeslust bestimmt das Geschehen. Die Musik definiert den Aufbau der Figuren – eine Revolution!

In einem von wenigen erhaltenen Mozart’schen Briefen an seinen Vater aus der Wiener Zeit heißt es: „man sieht das Zittern – Wanken – man sieht, wie sich die schwellende Brust hebt – welches durch ein crescendo exprimirt ist“. Das ist so neu… wie Filmen mit Telefon. Das gab es früher nicht in der Opernwelt. Man konstruierte die Arien, die Rezitative ersetzten den Dialog der äußerst schemenhaften Figuren. Ich überspitze, aber seien wir ehrlich: Wer stöhnte nicht heimlich bei der ewigen „Gute Nacht“ vierstimmig?

Das Bühnenbild (Christof Hetzer) unterstützt die Musik vorzüglich: eine Bonboniere, mit Notenblättern ausgekleidet, vermittelt den puppenhaften Charakter der Opera buffa: alles nicht so politisch wichtig wie in der literatischen Vorlage von Beaumarchais, nichtdestotrotz revolutionär. Mozart hielt nichts von Politik: dafür mussten Musik und Text harmonieren.

Die Sänger der Wiener Uraufführung am 1. Mai 1786 waren dieser anspruchsvollen Linie des Komponisten und  Dirigenten Mozart nicht gewachsen. Eine zu kurze Probezeit und eine ungewöhnlich intensive Bühnenpräsenz aller Protagonisten plus Chor führten im Wien des K.u.K. Josef II. zu keinem Erfolg. Die Oper wurde nach nur neun Abenden abgesetzt. Erst in Prag im Januar 1787 wurde der „Figaro“ zu dem, was wir kennen: zu einer der meistgespielten Opern auf der ganzen Welt.

Moderne Sänger, allem voran  Russen, haben keine Mühe die Partien von Graf d’Almaviva (Alexey Bogdanchikov), seiner Frau La Contessa (Olga Peretyatko) auf höchstem Niveau zu singen. Und der Rest des Ensembles hinkt nicht hinterher. Sehr ausgewogen und harmonisch, dazu mit sichtlicher Freude, singen und schauspielern alle um die Wette. Gratulation an Stefan Herheim. Dies ist einfach gutes  Theater, bravo!

Mir gefiel am besten die Stimme von Maite Beaumont (Mezzosopran) in der Rolle des Cherubino. Mit ihrer Bühnenpräsenz – urkomisch, wie aus einem Comic in die Oper verpflanzt – eroberte sie sofort alle Herzen. Dabei diese saftige, gefühlvolle, auf den Vierteltakt genaue Phrasenführung – eine Sängerin mit Drei-Oktaven-Stimme.

Ich war mit dieser Meinung nicht alleine: das Publikum honorierte die Leistung der Spanierin Beaumont  mit dem längsten Schlussapplaus. Ha, diese Hamburger! Weltstar und Kampfsängerin Olga Peretyatko als La Contessa d’Almaviva  bekam ihren verdienten, leistungsbezogenen  Applaus wie alle anderen Ensemblemitglieder. Aber es schwang sehr mit: Wir lassen uns nicht beeinflussen, der Cherubino gefällt uns mehr, Weltruhm hin oder her… Sehr sympathisch diesmal, die Hanseaten.

Jetzt noch eine Hymne auf das Ende des zweiten Aktes: die Bonboniere voller Notenblätter fällt in sich zusammen. Die fallenden, immer schneller sich von der Decke und Wänden lösenden weißen Papierbögen begraben die Protagonisten unter sich. Vorhang. Im Dunkeln hörte ich ein Flüstern: „Sind das jetzt Musiknoten, oder etwa Banknoten…?“

Wir gingen sehr beschwingt in die Pause.

Am Ende des  4. Aktes hätte ich fast geweint: die Solisten treten zurück, der durchsichtige Vorhang senkt sich. Darauf erscheint eine Videoprojektion der letzten paar Seiten der Partitur in Wolfgang Amadeus Mozarts eigener, unverkennbarer Handschrift. Am Ende der Ausruf: „La belle opéra!“

Wahrhaftig. La belle opéra.

Teresa Grodzinska, 20. Juni 2018, für
klassik-begeistert.de

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