„The Messiah“ in der Elbphilharmonie – das musikalische im architektonischen Weltwunder

Georg Friedrich Händel, The Messiah, Symphonischer Chor Hamburg Elbipolis Barockorchester Hamburg,  Elbphilharmonie

Georg Friedrich Händel, The Messiah (Der Messias), HWV 56
Symphonischer Chor Hamburg
Elbipolis Barockorchester Hamburg
Johanna Winkel Sopran
Geneviève Tschumi Alt
Markus Schäfer Tenor
Thomas Laske Bass
Matthias Janz Dirigent

von Charles E. Ritterband

Die Engländer nennen Georg Friedrich Händels Oratorium „The Messiah“ „probably the most famous piece of classical music in the world“ – das wahrscheinlich berühmteste klassische Musikstück der Welt. Wenn schon nicht das ganze, fast 160 Minuten dauernde Werk so ist es der weltberühmte Jubelgesang „Hallelujah“, Inbegriff geradezu der Barockmusik – ein Hit, den jedes Kind (und jeder Banause) kennt, bis zum Überdruss überbeansprucht wie Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, Beethovens „Für Elise“ , Schuberts „Forellenquintett“ und Mozarts “Kleine Nachtmusik“.

Diese aus dem Kontext gerissenen „Greatest Hits“, die gerade in der Vorweihnachtszeit in jedem Kaufhaus und jeder Restaurant-Toilette als Background-Music ertönen, sind tödlich für die Meisterwerke – und so atmet der Mensch auf, wenn er das „Hallelujah“ wieder einmal eingebettet ins Gesamtwerk hören darf. Und noch dazu so: ein perfekter Hörgenuss mit allen Subtilitäten und all der Macht, den das Werk verlangt – den Zuhörern nicht dargeboten, nein, geschenkt vom Symphonischen Chor Hamburg und dem Elbipolis Barockorchester Hamburg unter der Stabführung von Matthias Janz.

Der „Messias“ in all seinen Facetten, seinen Höhen und Tiefen, dem musikalischen Weg aus der Düsterkeit des Erdendaseins ins Licht der himmlischen Erlösung kann durchaus als musikalisches Weltwunder bezeichnet werden – und die Elbphilharmonie, diese mit so viel Ungeduld erwartete Schmerzensgeburt, als architektonisches Weltwunder. Dass in dieser ersten Begegnung des in der Musikmetropole Wien ansässigen Schweizers mit der großartigen, neuen Hamburger Konzerthalle eine leichte Enttäuschung mitschwingen musste, war fast vorprogrammiert. Hatte er sich doch noch in der Nacht vor der Abreise eine hervorragende ORF-Dokumentation über den Bau und die Architektur der Elbphilharmonie angesehen, mit fabelhaften Luftaufnahmen der festlichen Eröffnung, die bunt beleuchteten Fenster, das wie Meereswogen schimmernde Wellendach.

Dann die Realität: Im Winterdunkel fast ein banales Bürogebäude, einige Fenster erleuchtet, die berühmte lange Rolltreppe wie eine Fahrt in eine helle Grottenbahn und selbst der weiße Innenraum mit seinen Tausenden weißlichen, mit Kratern und Narben versehenen computermäßig ausgeklügelten Akustikelementen wirkten auf den Besucher weniger elegant als etwa ein mit dunklem Holz ausgekleideter Innenraum.

Aber bereits der Aufstieg in die 16. Etage, der Blick und dann der Gang über Stufen hinab versöhnte den Besucher, ebenso das Foyer mit seinem Treppengewirr (obwohl er andere Besucher über die zu knapp geratenen Garderoben und die endlos lange Schlange vor den Damentoiletten lästern hörte), erregte seine Bewunderung. Und erst die absolut perfekte Akustik – es wird gesagt, dass man hört, wenn irgendwo in einem Zuschauerrang ein Taschentuch entfaltet wird; von Husten und Räuspern ganz zu schweigen. Dieses ist denn auch weitestgehend unterblieben.

Aber nun zum Werk: Man könnte sich vorstellen, dass fast drei Stunden Barock-Oratorium irgendwann einschläfernd oder monoton wirken könnte. Nicht hier. Die Zeit löste sich auf. Da war Drama, Spannung – etwa wenn die hervorragende Altistin Geneviève Tschumi mit geradezu bitterer Anklage das „He was despised and rejected“ sang oder der nicht nur stimmlich sondern auch als Präsenz phänomenale Bass Thomas Laske mit Furor das dramatische „Why do the nations so furiously rage together, why do the pople imagine a vain thing“ in den Saal schleuderte.

Wohltuender Kontrast der Tenor Markus Schäfer, der mit einer feinen Nuance Humor agierte. Doch Star des Abends unter den Solisten war unbestreitbar die Sopranistin Johanna Winkel, die ihre Partien so rein und schön darbrachte, wie es nur möglich ist – in vollständiger Harmonie mit Chor und Orchester.

Maestro Matthias Janz, ein vielfach ausgezeichneter und hochdekorierter Dirigent, gab diesem Oratorium die Form – er führte es aus dem Dunkel ins Licht, dosierte die Lautstärke von Chor und Orchester so präzise, dass diese nie die Solisten übertönten, sondern im Gegenteil unterstützten. Selten hat man Streicher mit so viel – auch körperlicher – Hingabe spielen gesehen: Sie wogten mit ihren ganzen Körpern mit dem Klang und Rhythmus dieser Musik – entsprechend wunderbar und harmonisch der Klang. Herausragend die beiden Barocktrompeten zum berühmten „The trumpet shall sound“ des Basses; sehr bemerkenswert die riesige Barock-Mandoline im Zentrum des Orchesters, in vornehmer Zurückhaltung die Barockorgel, hervorragend integriert ins Gesamtensemble.

Doch die Seele des Werks ist natürlich der Chor, der hier eine Meisterleistung geboten hat. Die 150 Sängerinnen und Sänger des nun bereits auf eine beachtliche Tradition von 131 Jahren zurückblickenden Symphonischen Chors Hamburg boten eine Bestleistung – jede Einzelne und jeder Einzelne gaben alles. Subtil und wunderschön die Feinheiten und Stimmungen, mächtig die Crescendi, überwältigend die Dramatik.

Der „Messias“ gehört (ebenso wie Tschaikowskys Ballett „Der Nussknacker“ ) zur Vorweihnachtszeit und ist aus den Spiel- und Konzertplänen nicht wegzudenken. Doch seine Uraufführung erlebte das Werk 1742 in Dublin – zu Ostern. Denn es war schon immer für die Osterfeiertage gedacht. Erst in der Viktorianischen Ära verlagerten sich die Aufführungen in die Weihnachts- und Vorweihnachtszeit – allerdings nicht ohne Pannen: Denn die Londoner Erstaufführung war ein Desaster. Das englische Publikum zeigte sich schockiert darüber, dass ein geistliches Werk in einem Theater und nicht in einer Kirche aufgeführt wurde.

Und anfänglich war nicht die Rede von einem 150-köpfigen Chor: Die damals vielleicht 20 Musiker begleiteten 15 Sängerinnen und Sänger. Und doch waren die Vorstellungen lang – länger als heute: Sie dauerten gut und gerne fünf Stunden. Unterbrochen von einem Dinner als Teil des Arrangements.

Der „Messias“ ist tatsächlich himmlische Musik: Händel soll geweint haben, als er das „Hallelujah“ zu Papier brachte und berichtete, er habe dabei Visionen von Engeln gehabt. In England erhebt sich das Publikum während des „Hallelujah“ von den Plätzen – eine Tradition, die auf König Georg II. zurückgeht, der aufstand, als der „Messias“ erstmals in London erklang. Und bemerkenswerterweise handelt der „Messias“ zwar von Jesus, dem Mann des Neuen Testaments – doch fast alle Texte des Werkes stammen aus dem Alten Testament.

Der Journalist Dr. Charles E. Ritterband schreibt exklusiv für klassik-begeistert.at. Er war für die renommierte Neue Zürcher Zeitung (NZZ) Korrespondent in Jerusalem, London, Washington D.C. und Buenos Aires. Der gebürtige Schweizer lebt seit 2001 in Wien und war dort 12 Jahre lang Korrespondent für Österreich und Ungarn. Ritterband geht mit seinem Pudel Nando für die TV-Sendung „Des Pudels Kern“ auf dem Kultursender ORF III den Wiener Eigenheiten auf den Grund.

 

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