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Machen wir uns Gedanken, wie die vielen Spiele entstehen? Es ist das Steckenpferd mancher Leute, solche zu erfinden und bei einschlägigen Firmen einzureichen. Machen wir gemeinsam ein Probespiel! Welche Interpretin, welcher Interpret fällt uns bei dieser oder jener Rolle spontan ein?
von Lothar und Sylvia Schweitzer
Irgendwo auf den Schachteln steht gedruckt, für welche Personenanzahl dieses Spiel bestimmt ist und für welches Alter. Wir lesen zum Beispiel „ab 4 bis 99“. Bei unserem ausgedachten Spiel empfehlen wir sechs bis acht Personen, damit der Rahmen intimer bleibt und doch viel an Erfahrung eingebracht werden kann. Beim Alter ist nicht das Lebensalter entscheidend, sondern der gemeinsame Zeitraum an Erlebnissen. Sonst sind einige Sängerinnen und Sänger für die einen lebendige Erinnerungen, für andere nur mehr historische Größen. Wobei ein Laptop als Assistent und Informant gut wäre. Wie und wo hat sich eine genannte Sängerin, ein genannter Sänger weiter entwickelt.
„Il Grande Inquisitore.“ Anatoli Kotscherga. Warum gerade der ukrainische Bassist? Sein tiefes Es hatte mich beeindruckt. Hätte das Stichwort umgekehrt Kotscherga geheißen, wie im zweiten Teil dieses Spiels, hätte ich ebenfalls den Grande Inquisitore genannt, nicht seinen sehr guten Boris Godunow. Das Stichwort war gefährlich. Habe ich doch einmal in der Partie einen Charakterbariton als markante Fehlbesetzung gehört, die mir danach sofort in den Sinn kam.
„Kundry“. Elīna Garanča. Obwohl sie die Redakteurin eines zweifelhaften Medienunternehmens mit Klingsor als ihrem Chef darzustellen hatte.
„Baron Ochs auf Lerchenau.“ Alle Bässe mit sicherer Tiefe, das waren bei uns 50% der Kandidaten, denen hier ein Denkmal gesetzt wird: Michael Eder, Walter Fink, Manfred Jungwirth, Günter Missenhardt, Kurt Moll, Kurt Rydl, Ludwig Weber.
„Nuri.“ Obwohl Anneliese Hückl am Tiroler Landestheater zu meinen Lieblingssängerinnen gehörte, fällt mir unerklärlich als Erste Ina Dressel von der Volksoper ein, die ich zwanzig Jahre früher gehört habe.
„Pizarro.“ Eine nicht leichte Partie, in der viele Starbaritone enttäuschten. Wir schrieben: „Da tritt zunächst Pizarro sprechend auf. Wir hören eine schneidende Stimme, die fast einen Charaktertenor vermuten lässt. Bei dem Bariton dieser Aufführung herrscht durchgehend kein Wohlklang vor, was einfach furchterregend wirkt. Assoziationen mit einem Propagandaleiter des Nationalsozialismus werden wach. Wir haben schon prominentere Darsteller des Pizarro gehört, aber dieser wird uns an erster Stelle im Gedächtnis bleiben.“
„Ellen Orford.“ Agneta Eichenholz. Durch sie fiel uns diese Figur besonders auf. Obwohl ihrer Stimme der Farbenreichtum fehlt, begeistert uns immer wieder die Innigkeit der Stimme. Diese Rolle einer verwitweten Lehrerin, die in ihrem Beruf Erfüllung findet, wenn sie Kinder verstehen lernt, ist die edelste und berührendste im ganzen Drama. In einer unserer Rezensionen ist das Resümee: Dieser begnadeten Stimme gebührt eine verantwortliche Begleitung seitens der Operndirektionen und der musikalischen Leitungen. Unser Wunsch, dass Frau Eichenholz in Wien ihre künstlerische Heimat fände, ist leider nicht in Erfüllung gegangen.

„Dandini, Diener des Prinzen in Rossinis La Cenerentola.“ Hier fällt uns der Ort, aber nicht der Name ein. Es war im Teatru Manoel, dem drittältesten bespielten Theater der Welt, in Valletta, der Hauptstadt Maltas.
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Es war nicht so sehr die Stimme, sondern die unkonventionelle Sichtweise des Dieners. Diener werden gern als ihren Herrn überlegen dargestellt. Das hebt das Selbstbewusstsein breiter Publikumsschichten. Davide Rocca hatte im Gegensatz dazu den Prinzen – ein von seinem Herrn befohlener Rollentausch – verunsichert zu spielen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich der Angelina des Abends, Giuliana Castellani, gedenken. Die Tessinerin begann schon im Alter von fünfzehn Jahren ihre Karriere, mit siebzehn Jahren erkrankte sie an Hodgkin-Lymphom, kämpfte sich jedoch in drei Jahren zurück auf die Bühne. Elf Jahre nach ihrem von uns miterlebten Erfolg am Teatru Manoel verunglückte sie bei einem Autounfall in Tirol.

„Violetta.“ Weder die Netrebko noch die Georghiu konnten aus unserem Gedächtnis Ileana Cotrubaş vom höchsten Podest verdrängen. Wir dachten Lisette Oropesa. Doch ihr Edelsopran klang zu mädchenhaft für eine Frau mit viel Erfahrung.
„Amneris.“ Die Mezzosoprane wurden im Laufe unsere Opernerlebens immer interessanter. Elīna Garanča schaffte es, dass wir bedauerten, dass Radamès nicht die Pharaonentochter gewählt hat.

„Der Komponist.“ Sophie Koch im Vorspiel von „Ariadne auf Naxos“. Wir zitieren unseren Bericht: „An dem Abend erreichten ihre Höhenflüge und Temperamentausbrüche eine Raumfülle, die das im Text Ausgesagte geradezu übersteigt.“ Das Spiel lässt sich zur Abwechslung umwandeln und ändern. Stichwort sind jetzt Namen der Künstlerinnen und Künstler und wir suchen nach ihren eindrucksvollsten Rollen.

„Hilde Güden.“ Der Seidenglanz ihrer Stimme als Sophie im „Rosenkavalier“.
Knapp danach käme ihre (heute von mir manieriert empfundene) Gilda. Und jetzt müssen wir in der Praxis unsere Spielregeln präzisieren: Dürfen neben lebendigen Opernabenden auch immer wieder gehörte Platten- und CD-Aufnahmen, die unwillkürlich ein Ungleichgewicht schaffen, herangezogen werden?
In einer unsrer Klassikwelten mit dem Titel „Aus dem Zeitalter der LP – Arabella“ wird über den edlen Zusammenklang der Stimmen Lisa della Casas und Hilde Güdens begeistert berichtet. Mit unsrer Erfahrung können wir uns heute Hilde Güden darstellerisch als Zdenka auf der Bühne nicht mehr vorstellen.
„Elisabeth Schwarzkopf.“ Capriccio-Gräfin. Auch das Datum weiß ich, ohne nachschlagen zu müssen. 5. Januar 1961. Damals wurde mir bewusst, was eine ,Richard Strauss-Stimme‘ ist.
„Paul Schöffler.“ Hier haben wir einen „Dreiklang“. Die Erstbegegnung als Musiklehrer im Vorspiel zu „Ariadne auf Naxos“, bald darauf als Mathis, der Maler in der österreichischen Uraufführung der gleichnamigen Hindemith-Oper und mit seiner profunden Tiefe in der Basspartie als Filippo II. in Verdis „Don Carlo“.

Aber springen wir in die nächste Generation. „Federica Lombardi.“ Ein dunkel klingender Sopran. Wir fanden, sie würde in ihrer Rolle als Donna Elvira zu dem glücklosen Don Ottavio gut passen.
„Andrea Carroll.“ Gilda! Nein, wir haben da die falsche Karte erwischt. Vera-Lotte Boecker begeisterte uns als die Tochter Rigolettos und wir kamen nie in Versuchung sie mit früheren erstklassigen Besetzungen zu vergleichen. Dafür aber ihre Drusilla in Monteverdis L’incoronazione di Poppea, wo wir einen Sopran mit mehr Wärme in Erinnerung behielten.
„Josh Lovell.“ Don Ottavio und Noboru. Eine klassische und eine moderne Rolle. Der Kanadier Josh Lovell wertete die Partie des larmoyanten Don Ottavio ungemein auf. Ganz anders erlebten wir seine Stimme zwei Jahre später. Er passte seinen Tenor in Henzes „Das verratene Meer“ dem Charakter eines eben erst mutierten Halbwüchsigen bewundernswert an.

„Ileana Tonca.“ Bleibt sie uns als Protagonistin oder als markante Comprimaria mehr im Gedächtnis? Wir denken in erster Linie an ihre Zdenka und nachfolgend an den Jubelton ihrer Ersten Magd in „Daphne“.
„Andreas Schager.“ Warum Apoll („Daphne“) und nicht Max oder Lohengrin? Das macht wohl die dazu komponierte Musik von Richard Strauss.
Fin du jeu. Nachahmung erlaubt.
Lothar und Sylvia Schweitzer, 12. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Lothar und Sylvia Schweitzer
Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“
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