Marcelino Libao rettet den Ballettabend von Fran Díaz

Eurydike, Ballett von Fran Díaz OperLeipzig, Leipziger Ballett, Uraufführung am 30. Mai 2026

Die Dirigentin Yura Yang mit Marcelino Libao (Eurydike, rechts) und Andrea Carino (Hades, links) (Foto: RW)

Vielleicht ist die Hölle auch nur langweilig und schwarzdunkel wie die Bühne im Leipziger Opernhaus. Was wäre schlimmer, als wenn wir uns nach unserem Ableben, sofern wir in die Hölle verfrachtet werden, dort bis in die Unendlichkeit langweilen müssten?

Eurydike, Ballett von Fran Díaz

Bühne: Laura Lowe, Kostüme: Anna Philippa Müller

Musik: Krzysztof Penderecki, Henryk Mikołaj Górecki & Wojciech Kilar

Gewandhausorchester, musikalische Leitung: Yura Yang

OperLeipzig, Leipziger Ballett,  Uraufführung am 30. Mai 2026

von Dr. Ralf Wegner

Ein Ballett über Eurydike hatte es sein sollen: Eurydike, die nach einem Schlangenbiss in die Schattenwelt des Hades hinabglitt, aus tiefer Liebe von Orpheus zunächst befreit, aber schließlich unerlöst ins Totenreich verbannt, nachdem Orpheus sich beim Weg aus der Unterwelt nach ihr umgesehen hatte.

Fran Díaz assoziierte den Übergang in die Unterwelt mit dem chaotischen Gewirr auf einem Umsteigeflughafen. Die Idee hat etwas, wir strandeten einmal für 4 Tage auf dem Flughafen in Atlanta, dieses Erlebnis kam dem Weg zur Unterwelt recht nahe. Auch Eurydike (Marcelino Libao) war dort im Irgendwo gestrandet und verharrte reglos auf einem der Sitze in der Wartehalle.

Vom Ensemble wurde währenddessen gegangen, gelaufen, gerannt, gehüpft, sich gedreht und mit den Armen mal synchron, mal asynchron hinter den Kopf, auf die Brust gegriffen oder auch die langen Haare kopfüber nach vorn geworfen. Das sollte wohl dem chaotischen Gewühl auf einem Flughafen entsprechen, wo Tausende von A nach B oder C eilen, um den Anschlussflieger zu erreichen. Mit den sich steigernden Rhythmen der Komposition Pendereckis korrelierte das allerdings prima.

Marcelino Libao und Ensemble (Foto: Ida Zenna)

Der Sinn dieses Treibens erschloss sich aber schnell und wurde durch variierende Wiederholungen nicht spannender. Langeweile breitete sich aus. Vielleicht ist die Hölle auch nur langweilig und schwarzdunkel wie die Bühne im Leipziger Opernhaus. Was wäre schlimmer, als wenn wir uns nach unserem Ableben, sofern wir in die Hölle verfrachtet werden, dort bis in die Unendlichkeit langweilen müssten?

Nach der Pause wurde es spannender. Marcelino Libao, diesmal nicht nur in schwarz sondern mit blauer Bluse gekleidet, betrat ein Laufband, wie wir es von den Flughäfen her kennen, um etwas schneller von einem Gate zum anderen zu gelangen. Mal lief er schneller, mal langsamer, mal mit Verrenkungen, als ob das nicht vorhandene Gepäck ihm zu schaffen machte. Es war wieder ein endloses Laufen, Rennen, erschöpftes Verharren, ein Weg ins Nirgendwo, ein Treten auf der Stelle.

Das erinnerte an Sisyphos, der den Felsen immer wieder bergauf rollen muss und es nie erreicht, oben anzukommen.

Schließlich hob sich das Laufband langsam gen Bühnenhimmel. Schafft es Eurydike den Weg zurück zu den Lebenden? Gibt es für sie Hoffnung? Man wähnte, weiter oben Orpheus zu erkennen. Er zeigte sich aber nicht. Und die Hoffnung schwand. Das Laufband senkte sich schräg nach unten. Eurydike wurde der Weg nach oben verwehrt und sie verschwand endgültig in der Schattenwelt.

Das Publikum war von der Aufführung euphorisiert und spendete begeisterten Beifall. Dieser galt auch den unter der Leitung von Yura Yang fabelhaft aufspielenden Musikern des Gewandhausorchesters.

Dr. Ralf Wegner, 31. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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