Foto: Joana Mallwitz (c) Nicolas Kroeger
Das Konzerthausorchester spielt in Köln unter der Leitung von Joana Mallwitz Mahlers fünfte Sinfonie und Beethovens drittes Klavierkonzert mit Solistin Alice Sara Ott.
Ludwig van Beethoven (1770-1827) – Konzert Nr. 3 c-Moll für Klavier und Orchester op. 37
Gustav Mahler (1860-1911) – Sinfonie Nr. 5 cis-Moll
Alice Sara Ott, Klavier
Konzerthausorchester Berlin
Joana Mallwitz, Dirigentin
Kölner Philharmonie, 31. Mai 2026
von Brian Cooper
Das Programmheft dieses Kölner Abends im Rahmen der verdienstvollen Reihe „Kontrapunkt-Konzerte“ sieht noch so aus wie jenes vor etwa zwanzig Jahren, als ein gewisser Kirill Petrenko das Orchester der Komischen Oper in der Philharmonie dirigierte: In bester Erinnerung bleibt mir die fulminante Zugabe, die Ouvertüre aus Glinkas Ruslan und Ljudmila, für die ich mich einige Jahre später beim Meister persönlich bedanken konnte, der zufällig in meiner damaligen Stammkneipe am Schiffbauerdamm mit einigen Musikern seines damaligen Orchesters gleich hinter mir saß…
Berliner Orchester gastieren also immer wieder nicht zuletzt innerhalb der Kontrapunkt-Reihe an Rhein und Ruhr, und der letzte Abend einer siebentägigen Tournee mit sechs (!) Konzerten des Konzerthausorchesters – Hotels sind teuer, freie Tage selten geworden – stellte unter Beweis, dass auch dieser Klangkörper auf hohem Niveau spielt.
Natürlich spielen die Philharmoniker in einer anderen Galaxie, aber was Joana Mallwitz, seit der Saison 2023/24 Chefdirigentin am Gendarmenmarkt, mit inspirierendem Dirigat in Beethovens drittem Klavierkonzert und Mahlers fünfter Sinfonie aufs Parkett brachte, war mehr als nur „aller Ehren wert“. Insbesondere die Holzbläser brillierten an diesem Abend vor ausverkauftem Haus.
Beethovens Klavierkonzerte werden landauf, landab gespielt, und das wird sich so schnell nicht ändern: 2027 begehen wir den 200. Todestag des gebürtigen Bonners. Natürlich ist es alles Andere als eine Strafe, das dritte Konzert zu hören, aber es gibt doch so viel mehr Repertoire…
Es ist das Verdienst von Dirigentin, Orchester und der Solistin Alice Sara Ott, dass dem sattsam bekannten Werk neue Frische zuteil wurde. Auch wenn Otts Anschlag hier eher der harten Kategorie zuzuordnen war – etwas überraschend, hört man ihr schönes Field-Album, dessen Verkaufszahlen gerade durch die Decke gehen –, so beeindruckte insgesamt das klangliche Ergebnis, das aufmerksamem Musizieren, straffen Tempi und einer Summe hingebungsvoller Einzelleistungen geschuldet war. Über ein paar eigenwillige agogische Rätsel in Form unerwarteter Verzögerungen konnte man daher hinwegsehen; sie schadeten keineswegs der Darbietung.
Ott legte an diesem Abend offenbar besonderen Wert auf rhythmische Präzision, was durchaus reizvoll sein kann, aber in der Summe das Lyrische in der Musik etwas zu kurz kommen ließ. Hélène Grimaud beispielsweise präsentiert bei Beethoven, etwa im vierten Klavierkonzert, eine breitere Palette an Schattierungen als Frau Ott an diesem Abend.

Höhepunkte des Orchesterspiels waren für mich der tolle Aufbau des Kopfsatz-Schlusses aus dem Pianissimo heraus, das warme Spiel im Largo, das die Pianistin zu etwas weicherem Spiel zu inspirieren schien, sowie in allen drei Sätzen die Holzabteilung, etwa die kecke Klarinette im humorvollen Rondo.
Bemerkenswert war die recht lange Ansprache der barfuß auftretenden Solistin, die vom inspirierenden Zusammenspiel mit dem Konzerthausorchester sprach, sowie vom Orchester als Abbild der Gesellschaft: eine Gemeinschaft, nicht unbedingt homogen, durchaus mal meinungsverschieden, jedoch immer mit einem Ziel, das dem einander-Vertrauen und aufeinander-Hören entspringt. Offenbar völlig ohne Ironie lobte sie das Publikum, das Teil des Live-Erlebnisses sei. Das ist natürlich richtig, doch der katarrhalische, von Auswurf gesprenkelte Einwurf eines einzelnen Einzellers im Publikum am Ende des Kopfsatzes war sicher in noch mehr Köpfen als nur meinem präsent. Arvo Pärts Für Alina, die Zugabe, lebe auch vom Zuhören, so die Pianistin. Und prompt zerhustete eine weitere Einzelperson vier Minuten später die letzten Klänge einer tiefgründigen und zarten Interpretation. Nix kapiert.
„Die Fünfte ist ein verfluchtes Werk. Niemand capiert sie.“ So Gustav Mahler über seine in Köln uraufgeführte fünfte Sinfonie, die bis heute zu seinen beliebtesten zählt. Nach der Pause folgte eine inspirierende Darbietung des Werks. Die nervenstarke Solotrompete im ersten sowie das ebenso tolle Horn im dritten, der mit Ländler-Charme und allerhand Groteskem überzeugte, ragten trotz weniger Kiekser heraus; brilliert hat durchweg aber einmal mehr das Holz, ebenso die Cellogruppe. Joana Mallwitz, nun im Gegensatz zur ersten Konzerthälfte mit Stab dirigierend, arbeitete feine Details hervor.

Das Adagietto erklang erfrischend unsentimental, gleichwohl tief empfunden. Die junge Harfenistin setzte über reinstem Streicherklang schöne Akzente, und diese wirklich fiese Stelle, an der die ersten Violinen in höchsten Lagen zu spielen haben, geriet blitzsauber. Eindrucksvolle Stille im Saal, endlich!, bevor es in den Finalsatz ging, der so flott geriet, wie man ihn selten hört. Die Gefahr der Unspielbarkeit wurde jedoch schnell durch ein kaum merkliches Verlangsamen des Tempos umschifft, und das gesamte Orchester leuchtete förmlich auf der D-Dur-Zielgeraden.
Ein schöner, sehr gelungener Auftritt des Berliner Konzerthausorchesters. Nach Konzerten des RSO, der Philharmoniker und nun diesem Ensemble in der auslaufenden Saison 2025/26 kann man feststellen: Um die Berliner Orchesterlandschaft ist es sehr gut bestellt.
Brian Cooper, 1. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Konzerthausorchester Berlin, Joana Mallwitz, Dirigentin Konzerthaus Berlin, 14. Februar 2025
Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, Yutaka Sado, Alice Sara Ott, Musikverein Wien, 8. März 2019