Eine Leiche, die hässlich lacht, sich schließlich erhebt und dann auch noch singt? Das kann nur einem Horrorfilm oder einem bösen Traum entspringen, oder? Dietrich Hilsdorf forderte in der Premiere von Giacomo Puccinis „Tosca“ am 13. Juni 2026 das Publikum im Theater Lübeck zu einem besonderen Schwenk in der Wahrnehmung dieses hochemotionalen Klassikers auf – oder geradezu heraus. Hat das funktioniert?
Giacomo Puccini Tosca
Melodramma in drei Akten
Evmorfia Metaxaki, Sopran
Konstantinos Klironomos, Tenor
Gerard Quinn, Bariton
Steffen Kubach, Bariton
Changjun Lee, Bass
Noah Schaul, Tenor
Robin Frindt, Bassbariton
Ronja Stroh, Sopran
Chor und Extrachor des Theaters Lübeck
Kinder- und Jugendchor Vocalino des Theaters Lübeck und der Musik- und Kunstschule Lübeck
Stefan Vladar, Dirigent
Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck
Dietrich Hilsdorf, Inszenierung
Theater Lübeck, Premiere, 13. Juni 2026
von Dr. Andreas Ströbl
Es fängt so vertraut an …
Dietrich Hilsdorfs Lübecker „Tosca“ entspricht im ersten Akt einer ausgemacht traditionellen Inszenierung. Sant’Andrea della Valle in Rom ist im Bühnenbild von Dieter Richter sofort zu erkennen, im Hintergrund strömt Licht durch die Chorfenster. Mario Cavaradossi malt eine sehr blonde und sinnliche Magdalena, die Kostüme von Nicola Reichert sind der Spielzeit im Jahr 1800 entlehnt, was sowohl die Tracht des Klerus, als auch der Bürger und Militärs angeht.
Das Adjektiv „altbacken“ wird man hinterher sowohl selbstironisch gebrochen seitens der Theaterleute, als auch etwas spöttisch von manchen aus dem Publikum hören. Ja, mit dieser altbackenen Darstellung spielt diese Produktion ganz bewusst, zumal im ersten Akt. Einerseits hält der Regisseur eine Aktualisierung für unnötig, wie er im Interview mit „Klassik begeistert“ ausführte (https://klassik-begeistert.de/interview-kb-im-gespraech-mit-dietrich-hilsdorf-regisseur-theater-luebeck-8-juni-2026/), andererseits – auch dazu äußerte er sich klar – ändert sich alles im weiteren Verlauf.
Tatsächlich erlebt man im Sant’Andrea-Akt alles, was man seit 126 Jahren erwarten darf, eingeschlossen komödiantischer Elemente.
Steffen Kubach macht aus der Szene, in der er den Proviantkorb des Malers entdeckt, ein wundervolles Kabinettstückchen, als er mit vollem Mund – er hat soeben ein ordentliches Stück einer dicken Mettwurst abgebissen – das Angelusgebet spricht. Der Bariton reüssierte in den vergangenen Jahren mit großem Erfolg zunehmend in tragenden, ernsten Rollen, aber er ist auch ein ausgemachter Erzkomödiant, bis in die kleinsten Gesten.
Dass die Geschichte übel ausgeht, ist bekannt, aber schon der erste Auftritt von Changjun Lee als Revolutionär Angelotti mit deutlichen Folterspuren bricht die in diesem Akt durchaus angelegte Komik. Der Bass macht erschütternd klar, welche Gefahr hier droht; in der Folge wird er einen geradezu gespenstischen Auftritt haben.
Von seinem Malergerüst aus entlässt Konstantinos Klironomos das berühmte „„Recondita armonia“ in Kirche und Saal; der Tenor singt die Arie mit in jeder Höhe grandioser Fülle und wahrhaft empfundener Leidenschaft. Das dringt nachweislich bis in die letzten Ecken der oberen Ränge, und schon erobert er die Herzen des Publikums, das begeisterten Szenenapplaus spendet. Später wird der Sänger dynamisch differenzierter vorgehen, zumal im innigen Zusammenspiel mit seiner Geliebten.

Tosca ist die wundervolle, glamouröse Evmorfia Metaxaki, eine wahrhafte Inkarnation dieser Rolle. Die Kurzform „Nobiltà – Bellezza – Evmorfia“ bringt es auf den Punkt: Schon rein stimmlich verfügt die Sopranistin über einen edlen, enorm starken Ausdruck, durchströmt von weiblich-glutvoller Wärme und Entschiedenheit. Auch in den Piano-Stellen ist sie ungemein präsent, dazu kommt ihr einsatzfreudiges Spiel. Die der Jungfrau Maria gewidmeten weißen Lilien verlieren ihre Unschuld, als Tosca die Blumen in einem ihrer Eifersuchtsausbrüche dem völlig unschuldigen Maler um die Ohren bzw. auf den Rücken haut.
Überhaupt ist die Personenregie in dieser Produktion exzellent; individuelle Mimik und Gestik sowie das Miteinander- und Aufeinander-Reagieren ist detailverliebt ausgearbeitet. Die echte Liebe und all den damit verbundenen Schmerz nimmt man gerade dem Protagonistenpaar in jeder Sekunde ab, da stimmt spürbar die Chemie.
Schwieriger wird es mit Gerard Quinn als Scarpia. Der Bariton ist dem Haus seit Jahrzehnten verbunden und man denkt an viele große, ja glanzvolle Auftritte von ihm. Allerdings dringt er hier dynamisch meist nicht durch, wodurch seine bösartige Autorität stark relativiert wird. Der Regisseur hat die Rolle mehrdimensional angelegt, und durch das Flötenspiel des Tyrannen diesem eine schöngeistige Note zugefügt. Bei Gestalten, wie
SS-Obergruppenführer und Polizeigeneral Reinhard Heydrich, der ja ein begabter Violinist war, wirkt so etwas ja geradezu dämonisch. Sehr überzeugend allerdings ist Quinns teuflisches Lachen als Leiche, und sein Spiel, unter anderem mit (bis dahin unschuldigen) Taktstöcken – dazu im Folgenden mehr.
Ganz ausgezeichnet und von überragender Energie, Fülle und Kraft sind der Chor und Extrachor des Theaters Lübeck sowie der Kinder- und Jugendchor Vocalino unter Jan-Michael Krüger bzw. Gudrun Schröder. Beim „Te Deum“ möchte man fast katholisch werden (wobei die frechen Messdiener mit dem wilden Kreisen der Weihrauchfässchen den Ritus nicht ganz so ernst zu nehmen scheinen).

… und dann beginnt der Fiebertraum!
Die Pilaster im Palazzo Farnese sind die gleichen wie in der Kirche; hier aber dominiert die gesamte Rückwand das Altarbild mit dem gekreuzigten Andreas. Man ist diese Darstellungen durch die Jahrhunderte gut studierter und analysierter Kunstgeschichte gewohnt, aber, wie bei jeder Kreuzigung oder Darstellung von Martyrien, muss doch eines klar bleiben: Hier leiden Menschen unfassbare Schmerzen bis zum Tod, gepeinigt von Machtgierigen und Sadisten, gerne in Personalunion, wie bei Scarpia. Das ist wahrhaft ein „Ort der Tränen“, wie der Polizeichef mit dem Hobby Vergewaltigung in Vorfreude auf das nächste Martern bekennt.
Die Macht lebt von ihren Schergen, und das sind hier Noah Schaul als Hauptmann Spoletta und Robin Frindt in der Rolle des Polizeiagenten Sciarrone. Hilsdorf hat hierbei ganz bewusst zwei ganz unterschiedliche Charaktere angelegt; der Tenor verkörpert das Soldatisch-Zackige, und tatsächlich sticht er mit den beiden Zeigefingern mehrmals wie mit spitzen Waffen in die Richtung des gefangenen Cavaradossi. Selten hat man den sympathischen Sänger so entschieden bösartig erlebt, aber auch unangenehm unterwürfig. Mehrfach muss er den Löffel des Mokka-schlürfenden Scarpia aufheben, den dieser bald abgeben wird. Lässt dieser das Besteck aus Lust am Spiel mit dem Untertanen fallen?
Bassbariton Frindt hingegen ist hier ein geradezu fein und geschliffen wirkender Helfershelfer mit zarter Brille und ins Rokoko zurückweisendem Kostüm, fast ein Künstlertyp. Man traut ihm zu, Sonette zu verfassen, aber letztlich ist er ein willfähriger Diener, sonst nichts. Eine ausgesprochen gescheite Darstellung jener beiden Untertanen!
Dieser zweite Akt ist von Beginn an unwirklich, denn sowohl der blutig geschundene Revolutionär als auch der Maler mit deutlich sichtbaren Peitschenstriemen auf dem Rücken sitzen von Beginn an am mit zwei Leuchtern festlich geschmückten Tisch des Potentaten. Hier stimmt ganz offensichtlich etwas nicht, wird schnell klar; man zweifelt an der Realität des Dargestellten. Spätestens bei der berühmten Arie „Vissi d’arte“ wird deutlich, dass hier die Grenze zwischen Handlung, Theatervorstellung und Traum aufgelöst wird, denn am Ende lässt Lichtmeister Falk Hampel die Beleuchtung zwischen Bühne und Zuschauerraum ineinander verschmelzen.

Man könnte an ein Brecht’sches Grenz-Aufbrechen zwischen Bühnengeschehen und Zuschauerraum denken, aber gemeint ist hier, dass Tosca im Theater, ihrem Zuhause und damit in ihrem Leben ist: „Vissi d’arte – e l’arte era ed è la mia vita; sogno e realtà sono una cosa sola”, könnte man hier das Libretto ergänzen, „die Kunst war und ist mein Leben, Traum und Wirklichkeit sind eins“.
In diesem Moment ist Tosca glücklich, wie in einer Insel der seligen Erinnerung. Dass der Traum hier aber zum Alptraum wird, macht die weitere Handlung unmissverständlich klar. Von einem „Fiebertraum“ sprach Hilsdorf im Vorfeld, und man zweifelt wie im Traum an seiner eigenen Wahrnehmung. Die Folterszene findet hier im feinen Salon und nicht in einem Nebenraum statt, der feine Sciarrone drückt die brennende Zigarette des Folterknechts in den Hals von Cavaradossi. Vom Cembalo nimmt Scarpia zwei Taktstöcke, mit denen er wild herumfuchtelt wie ein Dirigent des Wahnsinns. Der primitive Knecht (Christian Schubert) sticht sie dem Maler in die Ohren, was schon vom Anschauen her kaum erträglich ist.

Und so freut man sich über den Tod des befehlenden Widerlings; Tosca stellt nach getanem Erstechen wie im Original die beiden Leuchter triumphierend nebeneinander. Das Kreuz allerdings wirft sie aus dem Fenster – bislang hat sie alles ihrem Beichtvater anvertraut, aber auch der Klerus hat sich als willfährige Dienerschaft der Macht entpuppt, wie die davonhastenden Geistlichen in ihrer mit Spitzen verzierten Tracht deutlich sichtbar machen.
Ohne Pause geht es in den dritten Akt, der im gleichen Raum stattfindet; die Engelsburg ist fern. Und so wird die fast idyllische Stimmung mit den Glocken von Rom von Beginn an als trügerisch entlarvt. Ein ganz zauberhafter Einfall ist, die unterschiedlichen Röhrenglocken von leicht geöffneten Türen in den Rängen in den Saal zu senden, was eine phantastische Raumwirkung ergibt. Solche feinen Akzente und grundsätzlich alles, was hier an instrumentalen oder solistischen Einzelleistungen zu hören ist, bleibt stets klar und deutlich, weil das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck unter GMD Stefan Vladar höchst nuanciert und, wenn nötig, luftig und transluzid spielt.
Der Dirigent weiß trotz aller ihm eigenen Lust an flottem Tempo und großen Linien stets ganz genau, wann er den feinnervigen, zarten Tönen Raum geben muss. Durchweg aber ist es vor allem der kraft- und machtvolle, mitreißende Puccini-Klang, den die Mitwirkenden hier strahlen lassen, und der als breites und emotional tiefgehendes Klangbett für die Solisten bereitet wird. Die von Puccini beschworene Grausamkeit bricht sich hier ebenso Bahn, wie die Sensibilität und heroische Opferbereitschaft der Idealisten.
Eine lyrische Insel ist das besagte Glockengeläut und der kurze Auftritt des Hirten, hier ein Mädchen (Sopranistin Ronja Stroh) mit goldenem Ball. Ist dies ein Wink in die kindliche Traum- und Märchenwelt der kleinen Tosca mit Froschkönigbrunnen, gefolgt von der grausamen Erkenntnis, dass sich im Brunnen des Gartens der gepeinigte Angelotti versteckt hatte?
Das Alberich-artige Lachen des toten Scarpia und vor allem seine Befehle zur verlogenen Schein-Hinrichtung verstört, und das soll es auch. Was sonst der Aufseher sagt, spricht hier der Untote. So etwas gibt es natürlich nur im Traum. Der Rest ist bekannt, aber hier eben gebrochen. Eine hervorragende Idee ist die Positionierung des Erschießungskommandos im Hintergrund; Cavaradossi steht mit dem Rücken zum Publikum, die Gewehre sind mitten ins Parkett gerichtet. Hat es nicht schon Fälle gegeben, in denen angebliche Platzpatronen am Filmset sich als scharf entpuppten?
Der Held ist tot, Scarpia hat sein Vermächtnis rechtzeitig in die Wege geleitet. Tosca erhebt sich und schreitet langsam nach vorne, geht vor den Vorhang. Sie verbeugt sich, stemmt die Fäuste in den Boden, erdet sich. Tosca ist zu Hause, im Theater. Zeit zum Aufwachen.
Sehr wirklich und erlösend ist der sofort einsetzende tosende Beifall, bald stehen alle.
Auf der Premierenfeier wird in Diskussionen klar, dass nicht alle mitgehen können in diesem Bruch des Hergebrachten durch das Traumhafte, Verstörende. Man könnte jetzt spielerisch-intellektuell werden und in die Übertitel der hier völlig neu bearbeiteten Übersetzung des Lirettos zu Beginn des zweiten Aktes ein „Rosenkavalier“-Zitat einblenden: „Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein“. Aber das wäre geschmäcklerisch und zuviel. Sicher ist, dass ein Offensein gegenüber einer neuen Tosca-Interpretation das Verständnis erleichtert. Völlig zweifellos sind allerdings die beschriebenen phantastischen Einzel- und Gesamtleistungen. Klare Empfehlung: Hingehen!
Dr. Andreas Ströbl, 14. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Die nächsten beiden – und in dieser Spielzeit leider einzigen – Vorstellungen sind am 20. und 26. Juni. Die Produktion wird in die kommende Spielzeit übernommen.
CD-Besprechung: Giacomo Puccini, Tosca klassik-begeistert.de, 10. August 2025
CD-Besprechung: Giacomo Puccini, Tosca, Arena di Verona 11. November 2024