Foto: Villazon Rolando (c) Michal Novak
Musikfest Bremen: Orfeo son io
Programm:
Arien und Instrumentalwerke von Claudio Monteverdi, Tarquinio Merula, Christoph Willibald Gluck, Carlos Gardel u.a.
Rolando Villazón Tenor
Céline Scheen Sopran
Christina Pluhar Theorbe und Leitung
L’Arpeggiata Instrumentalensemble
Bremer Konzerthaus Die Glocke, Großer Saal, 18. August 2026
von Dr. Gerd Klingeberg
Der Mythos um den begnadeten Sänger Orpheus und seine Gattin, die Nymphe Eurydike, ist gewiss eine der bekanntesten alten Liebestragödien.
Claudio Monteverdi hat sie 1607 in „L’Orfeo“ vertont, der möglicherweise ersten Oper der Musikgeschichte. Und dutzende weitere Komponisten haben sich bis hin zur Neuzeit dieses berührenden Sujets bedient.
Christina Pluhar und ihr Ensemble L’Arpeggiata haben Ausschnitte aus verschiedenen Werken in Form einer quasi halbszenischen Aufführung zusammengefügt, die die uralte Lovestory anhand der schönsten Arien lebendig werden lässt. Dass damit auch Einblicke in die Geschichte der Oper vermittelt werden, ist zweifellos interessant. Doch an diesem Abend darf man sich auch ganz einfach der Schönheit der Musik hingeben. Und die startet recht schwungvoll mit einer Sinfonia von Emilio de‘ Cavalieri. Damit bringt das Ensemble gleich eingangs den angenehm warmen, durchweg schlanken, aber dennoch stets dezidierten Klang des barocken Instrumentariums wunderschön zur Geltung.
Inbrünstig besungene Liebeswonnen
Die Partien der Euridice werden von der belgischen Sängerin Céline Scheen vorgetragen. Zunächst noch etwas kehlig anmutend, hat sie sich schnell frei gesungen und überzeugt mit intensivem Ausdruck und entsprechendem Gestus, vor allem aber einer sehr einfühlsamen, stark am Text orientierten Gestaltung. Und sie kann problemlos mithalten mit Star-Tenor Rolando Villazón, auf den alle hier ganz besonders gewartet haben. Mit tänzerischen Schritten kommt er als Orfeo auf die Bühne, schmachtet seine holde Euridice als „Rosa del Ciel“, Rose des Himmels, mit kraftvollem, mitunter exaltiertem Gesang an. Und Euridice beschwört nicht minder inbrünstig die gemeinsamen Liebeswonnen. Etwas irritierend mutet es an, dass vor allem Villazón zumeist stark auf sein Notenpult fixiert ist, was den Kontakt zum Publikum mindert, möglicherweise auch die Freiheit seines Gesangs beeinflusst.

Die „Ciaccona“ von Tarquinio Merula und Lorenzo Allegris „Canario“ unterstreichen instrumental die noch ungetrübt gelöste Atmosphäre. Mit gekonnt improvisierten, jazzig coolen Rhythmen inszeniert das munter aufspielende Ensemble dabei eine fast schon veritable Jamsession. Doch das Schicksal nimmt längst seinen Lauf; der zutiefst verzweifelte Orfeo kann nur noch den Tod der Geliebten beweinen. Eine Szene, die Villazón mit entsprechender Theatralik und stark modifizierender Stimme zum Ausdruck bringt. Dass er intonatorisch gelegentlich einen Hauch daneben liegt, macht er durch seine ausgeprägte Artikulation locker wett.
Von Gluck zu Tango und Bossa Nova
Das mystische Wiedersehen mit Euridice sorgt für eine gehörige Stimmungssteigerung, die indes einmündet in ein Chaos widerstreitender Gefühle, die in ihrer gesamten Dichte von den dramatisch gefärbten Stimmen der beiden Protagonisten eindringlich vorgetragen werden.
Mittlerweile ist man musikgeschichtlich bei Christoph Willibald Gluck angekommen, dessen bekannte Orfeo-Arie „Che farò senza Euridice?“ von Villazón mit reichlich Herzblut angestimmt wird.

Der Übergang zur Gegenwart deutet sich kurz darauf durch eine veränderte Harmonik und einen spürbar anderen Rhythmus an, fügt sich aber problemlos in den Ablauf ein. Zuerst ist es Carlos Gardels Tango „Sus ojos se cerraron“, in dem ein Mann um seine tote Geliebte trauert, und schließlich der Bossa Nova „Manhã de Carnaval“ (Luiz Bonfá) aus dem Film „Orfeu negro“, den Villazón und Scheen im Wechselgesang mit wiegenden Tanzschritten zum Besten geben.
Ein gelungener Abschluss eines von Christina Pluhar dramaturgisch bestens durchdachten Events.

Erfreulicherweise haben die Zuhörer die ohne Pause ablaufende Aneinanderreihung der einzelnen Programmteile an keiner Stelle durch Beifall unterbrochen oder gar gestört, applaudieren dafür am Ende aber umso begeisterter.

Villazón, jetzt wieder in seinem bekanntermaßen munterem Entertainer-Modus, bedankt sich mit einer etwas schrägen Version von Reinhard Meys Song „Ich wollte wie Orpheus singen“, verbunden mit einer netten Liebeserklärung an Christina Pluhar, von der er so unendlich viel gelernt habe.
Mit dem Liebesduett „Pur ti miro“ (aus Monteverdis Oper „L’Incoronazione di Poppea“) setzt das Ensemble einen stimmigen Schlusspunkt unter diesen von vielerlei Emotionen geprägten Konzertabend.
Dr. Gerd Klingeberg, 19. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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