Carmen – D’Oustrac, Alagna © Wiener Staatsoper/Marcel Urlaub
Auf den Bühnen rund um den Globus gibt es zahllose Interpretationen von Bizets „Carmen“, dieser zu Recht so populären Oper, die einfach alles zu bieten hat – Leidenschaft, Tragik, exotische Zigeuner-Romantik. Doch keine dieser vielen Inszenierungen erreicht die kühne Intelligenz des kontroversen spanischen Regisseurs Calixto Bieito, der sich mit sexualisierten, expressiv gewalttätigen Inszenierungen weltweit einen Namen geschaffen hat.
Georges Bizet Carmen
Libretto schrieben Henri Meilhac und Ludovic Halévy
Inszenierung: CALIXTO BIEITO
Carmen: STEPHANIE D’OUSTRAC
Don Jose: ROBERTO ALAGNA
Escamillo: ERWIN SCHROTT (übernimmt die Rolle des Escamillo)
Micaela: ANNA BONDARENKO
Musikalische Leitung: HENRIK NÁNÁSI
Bühne: ALFONS FLORES
Kostüme: MERCE PALOMA
Choreinstudierung: MARTIN SCHEBESTA
ORCHESTER DER WIENER STAATSOPER
CHOR DER WIENER STAATSOPER BÜHNENORCHESTER DER WIENER STAATSOPER EXTRACHOR DER WIENER STAATSOPER KINDER DER OPERNSCHULE DER WIENER STAATSOPER KOMPARSERIE DER WIENER STAATSOPER
47. Aufführung dieser Inszenierung
Wiener Staatsoper, 14. Oktober 2026
von Dr. Charles E. Ritterband
Diese brillante Inszenierung, welche wir bereits in London erleben durften, geht denn auch – gemäß den Intentionen dieses Regisseurs – unter die Haut. Alles ist anders als sonst in dieser eigenwilligen Produktion: Carmen, Inbegriff freier, kapriziöser Liebe und überschäumender Erotik, tritt ganz am Anfang überraschend aus einer verbeulten Telefonkabine und beginnt ihre berühmte Arie über ihre Idee von Liebe konsequent am Telefonhörer.
Währenddessen exerzieren die Soldaten, angeleitet von einem sadistischen, selbstherrlich-zynischen Kommandanten. unter einer dominanten spanischen Flagge in brutalem Drill, bis einer von ihnen zusammenbricht.
Die Szene in den Bergen, wo sich die Zigeunerinnen auf ihre Rolle als Schmugglerinnen vorbereiten, wird markiert durch riesige Mercedes-Autos wie sie die „Zigeuner“ vorzugsweise benutzten und nicht durch die sonst übliche banale Berglandschaft.
Weshalb zu Beginn dieses Aktes ein nackter Mann eine Tanzeinlage zu bieten hat, weiß wohl allein der Regisseur (und möglicherweise nicht einmal er). Jedenfalls völlig überflüssig, kaum ästhetisch, ja abstoßend.
Den letzten Akt vor der Stierkampf-Arena in Sevilla präsentiert Bieito statt dem sonst üblichen farbenprächtigen Einzug der Stierkämpfer konsequent als klassische „Teichoskopie“: die Parade der Stierkämpfer findet hier lediglich im Jubel der Zuschauer (meist begeisterte Kinder) statt.

Im Zentrum der Aufführung steht selbstverständlich die großartige französische Mezzosopranistin Stéphanie d’Oustrac in der Titelrolle – eine Partie, die nach einer Sängerin verlangt, die Freiheit nicht nur verkörpert, sondern mit jeder Geste und jeder musikalischen Phrase verteidigt. Carmen darf keine bloße Verführerin sein: Sie muss widersprüchlich, unberechenbar und zugleich von einer inneren Konsequenz erfüllt erscheinen, die ihrem Schicksal eine geradezu archaische Größe verleiht. Gerade in der berühmten Habanera und im schicksalshaften Kartenterzett verdichtet sich die Faszination dieser Figur – ihr Spiel mit Nähe und Distanz, ihr Widerstand gegen jede Form der Vereinnahmung. D’Oustrac beherrscht all dies virtuos. Ihre Stimme mit warmem, weichem Timbre, wechselt abrupt von hingebungsvoller Liebe zum unglücklichen Don José zu brutaler Zurückweisung und neugieriger Faszination für Escamillo.
Roberto Alagna als Don José bildet den emotionalen Gegenpol. Sein Tenor, dessen unverwechselbare Klangfarbe und intensive Gestaltung seit Jahrzehnten zu seinen Markenzeichen gehören, verleiht der Partie eine persönliche, leidenschaftliche Dimension. Besonders die Blumenarie ist der Prüfstein dieser Rolle: Hier muss aus anfänglicher Schwärmerei eine Liebe werden, die längst die Grenze zur Besessenheit überschritten hat. Alagnas Stärke liegt in der Fähigkeit, solche seelischen Erschütterungen unmittelbar hörbar und auf der Bühne sichtbar zu machen. Im Schlussduett gewinnt die Stimme jene dramatische Dringlichkeit, die Don Josés Verzweiflung und seine zerstörerische Unfähigkeit, ein Nein zu akzeptieren, in erschütternder Weise offenlegt.

Als Escamillo bringt Erwin Schrott die sonore, maskuline Präsenz des Bassbaritons in die Begegnung mit Carmen ein. Das Torerolied verlangt nicht nur stimmliche Autorität, sondern auch jene lässige Selbstgewissheit, mit der sich ein Mann seiner Wirkung bewusst ist. Escamillo ist der Gegenentwurf zu Don José: öffentlich gefeiert, souverän und scheinbar unangreifbar. Gerade der Kontrast zwischen der dunkleren, kraftvollen Klangdimension dieser Partie und Alagnas leidenschaftlich exponiertem Tenor verspricht dramatische Spannung.
Einen völlig anderen Zauber entfaltet Anna Bondarenko als Micaëla. Ihre Partie ist die Antithese der Protagonistin, das lyrische, subtile Gegenstück Carmens sinnlicher Unabhängigkeit und Don Josés innerer Zerrissenheit. In Micaëlas Auftritt verbindet sich die Sehnsucht nach einer heilen Welt der Konstanz und Treue. Dieses Bestreben verkörpert sie mit wachsender Entschlossenheit. Ihre Arien verlangen nach einer Stimme, die Empfindsamkeit nicht mit Schwäche verwechselt und deren lyrische Linien auch im dramatischen Umfeld ihre innere Ruhe bewahren. Bondarenko meistert dies mit all der zarten Feinheit, welche diese Rolle erfordert.
Nicht minder wichtig ist das Ensemble der Nebenrollen. Ileana Tonca als Frasquita und Jana Marković als Mercédès tragen zur lebendigen Atmosphäre der Szenen bei.

Am Pult steht Henrik Nánási, der die zahlreichen musikalischen Gegensätze der Partitur zusammenführen muss: die tänzerische Leichtigkeit, die scharf gezeichneten Rhythmen, die schwelgerische Melodik und die düsteren Vorahnungen des Finales. Das Orchester der Staatsoper schwelgt in Sinnlichkeit und begeistert dann wieder mit überschäumendem Temperament.
Dr. Charles E. Ritterband, 17. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Besetzung:
Carmen: STEPHANIE D’OUSTRAC
Don Jose: ROBERTO ALAGNA
Escamillo: ERWIN SCHROTT
Micaela: ANNA BONDARENKO
Frasquita: ILEANA TONCA
Mercedes: JANA MARKOVIĆ
Zuniga: SIMONAS STRAZDAS
Morales: ATTILA MOKUS
Remendado: CARLOS OSUNA
Dancaire: CLEMENS UNTERREINER
Lillas Pastia: YTA MORENO
Das Mädchen: BIANCA MARTINIS
Georges Bizet, Carmen Salzburger Festspiele, Großes Festspielhaus, 26. Juli 2026 (Premiere)
Ludwig van Beethoven, Fidelio Bayerische Staatsoper, 12. Juli 2026