Louis Musin zeigt als Armand, was einen Neumeier-Tänzer ausmacht

Die Kameliendame, Ballett von John Neumeier  Hamburgische Staatsoper, 25. Oktober 2026

Ida Praetorius (Marguerite Gautier) und Louis Musin (Armand Duval) (Foto: RW)

Es wurde von allen phantastisch getanzt. Louis Musin zeigte als Armand, was einen Neumeier-Tänzer ausmacht: Absolute Hingabe an die Rolle, bis an die eigenen psychischen und physischen Leistungsgrenzen vorstoßend und mit der dieser Rolle innewohnenden Leidenschaft, ihren Krisen und Verwerfungen, wie selbst erlebt, das Publikum im Innersten zu berühren.

Die Kameliendame, Ballett von John Neumeier

Hamburgische Staatsoper, die zweite Besetzung, 25. Oktober 2026

von Dr. Ralf Wegner

Das zeigte sich schon bei seinem Auftritt während der Versteigerung des Mobiliars der verstorbenen Marguerite. Seine Erschütterung wegen des profanen Endes seiner großen Liebe übertrug sich auf das Publikum und zog alle in den Bann. Spannung lag von Anfang an in der Luft, die Zuschauer vergaßen ihr Husten und kaum jemand wollte das danach ablaufende Liebesschicksal durch Beifall unterbrechen.

Musin hatte dieses letzte Quantum an Bewegungsgeschwindigkeit, Drehspinn und Sprungkraft. Er setzte sein energetisches Potential überzeugend in Emotionen für seine große Liebe Marguerite Gautier um. Ida Praetorius war diese Lebedame, die sich, bereits ihr Ende ahnend, wie ein letztes Aufbäumen diesem jungen Mann hingibt. Sie tanzte die Rolle fabelhaft. Die Chemie stimmte zwischen beiden, ihre drei Pas de deux waren von selten erlebter Leidenschaft geprägt. Eine großartige Leistung.

Auch alle anderen Rollen waren exquisit besetzt. Ivan Urban zeigte noch einmal, was in der Rolle des Monsieur Duval steckt. Schon sein elegantes, unabänderlich zielgerichtetes Auftreten auf der Bühne faszinierte das Publikum. Und wie er mit abgezirkelten Schritten Marguerite klar macht, dass ihre Bestimmung nicht die Ehe mit Armand ist, fesselt nach wie vor. Marguerite wehrt sich, will den Geliebten nicht loslassen, erkennt aber schließlich, dass es für sie keinen Ausweg gibt. Daniele Bonelli und Futaba Ishizaki sind als Des Grieux und Manon Lescaut das überzeugende Spiegelpaar, welches beiden immer wieder die Endlichkeit ihrer Liebe vor Augen hält.

Futaba Ishizaki (Manon Lescaut) und Daniele Bonelli (Des Grieux), dazwischen Ana Torrequebrada (Prudence Duvernoy) (Foto: RW)

Ana Torrequebrada zeigte als Prudence Duvernoy eine schwebende Leichtigkeit, die ihresgleichen sucht. Wie sie von Artem Prokopchuk in dem kurzen Pas de deux im Hause Marguerites sowie beim Ausflug aufs Land immer wieder herumgewirbelt wird und damit ihrer unbändigen Lebensfreude Ausdruck gibt, entzückte das Publikum. Auch Moisés Romero gelang mit seiner Darstellung des bei Marguerite erfolglosen, aber am Ende auch um sie trauernden Grafen N. ein berührendes Rollenporträt.

Florian Pohl (Der Herzog), Francesca Harvey (Nanina), Ivan Urban (Monsieur Duval), Futaba Ishizaki (Manon Lescaut), Daniele Bonelli (Des Grieux), Michal Bialk (am Flügel), Ida Praetorius (Marguerite Gautier), Louis Musin (Armand Duval), Markus Lehtinen (musikalische Leitung), Ana Torrequebrada (Prudence Duvernoy), Artem Prokopchuk (Gaston Rieux), Eleanor Broughton (Olympia), Moisés Romero (Graf N.), Petar Kostov (Ein Pianist) (Foto: RW)

Für die musikalische Untermalung war das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter der kompetenten Leitung von Markus Lehtinen zuständig. Besonders einfühlsam begleiteten die Pianisten Michal Bialk und Petar Kostov am Flügel die tänzerischen Herausforderungen auf der Bühne. Die während der Pas de deux gespielten Chopin-Stücke klangen noch lange im Ohr nach. Großer Jubel galt am Ende allen Beteiligten.

Dr. Ralf Wegner, 26. Oktober 2026, für
Klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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