Madama Butterfly in München ist ein wertvoller Publikumserfolg

Giacomo Puccini: Madama Butterfly,  Bayerische Staatsoper

Foto: Hösl (c)
Bayerische Staatsoper, München, 24. Januar 2018
Giacomo Puccini: Madama Butterfly

von Tim Theo Tinn

Diese Inszenierung aus dem Jahre 1973 wurde vom Rezensenten vor etwa 25 Jahren einige Male beobachtet. Diese Fassung war schon damals in die Jahre gekommen, ambitionsfrei, aber handwerklich sauber vom ehemaligen Regieassistenten/Spielleiter Wolf Busse auf die Bühne gebracht: eine saubere Plattform im heute hausbacken wirkenden Farbambiente der 1970er-Jahre – braun bis ocker mit einem aufwendigen naturalistischen japanischen Haus in Nagasaki um 1900.

Dem B.F. Pinkerton, US-Marine-Leutnant, hat der Japaner Goro Nakodo ein Haus vermittelt, mit zu ehelichender Geisha Cio-Cio-San. Der US-Konsul Sharpless trägt ernsthafte Beweggründe der Braut vor. Cio-Coi-San / Butterfly, 15 Jahre alt und verarmt, erscheint voll inbrünstiger naiver Erwartung auf die japanische Trauung. Ihr Onkel (Priester) beendet wegen ihres Religionswechsels tobend das Fest. Der völlig euphorisierte Pinkerton überschlägt sich, um seine neue Ehefrau in seine Gemächer zu locken. Er wird die 15-Jährige schwängern und nach Amerika zurückkehren.

Seit drei Jahren wartet Butterfly im Glauben an die Beständigkeit der „amerikanischen Ehe“ auf ihren Ehemann. Sie lässt sich weder von Hinweisen ihrer Dienerin Suzuki, des Konsuls Sharpless, noch von neuen Ehekandidaten verunsichern. Unerschütterlich wartet sie mit Pinkertons Sohn, und tatsächlich kündigen Kanonenschüsse Pinkerton an. Die Tragödie eskaliert: Pinkerton kommt mit neuer Ehefrau, um Butterfly auch noch das leibliche Kind zu nehmen. Butterfly endet in Selbsttötung  durch den Dolch, den schon ihr Vater zu seinem Freitod nutzte.

Nach dem Ende der Aufführung musste der Eindruck des 1. Akts der Gesamtbetrachtung weichen: es war insgesamt gut. Der reichliche Applaus war gerechtfertigt. Keine Delikatesse mit superben Zutaten, aber ein Abend, der den geneigten Zuschauer glücklich machen kann – in der Bildenden Kunst bestehen ja auch Gebrauchsgrafiken neben großen Kunstwerken. Das Publikum war inspiriert – frohe Stimmung am Schluss. Es war keine hintersinnige, kopflastige Inszenierung, sondern eine einfache plakative Vorführung einer ganz tragischen Geschichte. Die tiefe emotionale Durchdringung des Betrachters wurde sicher nur bedingt erreicht – das tat der kurzweiligen Ansprache durch ein tragisches Musikdrama keinen Abbruch.

Das Orchester unter der Leitung von Daniele Callegari hatte keinen guten Tag. Die knallige Lautstärke des 1. Aktes kann man als Attentat auf die Darbietung von Gesang und Szene werten. Sicher haben diese gedehnten akustischen Gemeinheiten die Leistungen aller Sänger beeinträchtigt. Zum Beispiel die Pizzicati im Summ-Chor (Übergang zum 3. Akt): das kurze Anzupfen der Streichinstrumente wurde ein gedehntes mit gemächlichem Ausklang. Vermutlich hatte der Dirigent kaum Proben für diese Wiederaufnahme, da kann er ja nur noch bedienen und kaum führen.

Die Bühne im 2. und 3. Akt war ein optimaler Raum für das Kammerspiel mit Butterflys Hoffen, Bangen und Untergang. Japanische Shoji-Schiebetüren ermöglichten eine organische Personenführung, das geht nicht besser. Der 1. Akt bot zu wenig Platz – das Gebäude besetzte die Aktionsräume, der Chor konnte kaum agieren, es wurde statuarisch gesungen und abgegangen. Die Beleuchtung war insbesondere im 1. und 3. Akt schlecht – Butterfly wirkte dadurch optisch diffus und älter. Erst beim Applaus sah man eine erfrischend junge Frau. Diese pragmatische Bühne könnte mit Öffnung des 1. Bildes und etwas japanischem heutigen Farbkolorit (zum Beispiel Rot, Weiß, Schwarz) eine sehr moderne theatralische Fassung erhalten.

Die Kostüme waren klischeehafter historischer Japanismus – ästhetisch schön. Bei der Maske hätte sich der Rezensent etwas mehr Stilisierung, Kabuki, gewünscht. Butterfly im Kindchenschema – das hätte die 15 bis 18 Lebensjahre wahrhaftiger gemacht. Goro war völlig europäisch, der Pinkerton des Alexey Dolgov sehr privat, insbesondere zur guten Optik von Sharpless und Onkel Bonzo – da waren Kontrapunkte. Es störte ein Chorsänger mit grauem Vollbart.

Die Aufführung in der Besetzung der kleinen und mittleren Partien ist besser als vor etwa 25 Jahren. Damals waren Suzuki u.a. fast immer in Ehren abgesungene Hausmitglieder.

Das Übersetzungsband über der Bühne wollte wohl optische Ungereimtheiten unterschlagen: z. B. die Altersangabe der Butterfly mit „quindici anni“ (15 Jahre) wird mit „sie ist im besten Alter“ übersetzt. Die Haarfarbe des Kindes („capelli biondi“ – blond) wird übergangen, sicher wäre eine blonde Perücke drin gewesen. Marginalien, aber schlampig.

Butterfly: Maria José Siri ist eine großartige Sängerschauspielerin. Im 2. Akt war „ Un bel di vedremo“ der zauberhafte Höhepunkt des Abends – das war sängerische Weltklasse durchdrungen von feiner tragischer Darstellung, tief empfunden konnte hier die Zuschauerseele gefesselt werden. Ihr erster Auftritt war wohl noch vom Orchesterradau geprägt, erschreckt verunglückte der letzte Ton ihrer ersten Arie, die orchestralen Dezibel-Tiefschläge setzen merklich zu. Ab dem 2. Akt klang Siri wie ausgewechselt. Die Stimme ist konservativ geprägt – sie singt ihre Linie strukturiert aufbauend. Zartes Schweben, das in herrlichen virilen Unendlichkeiten schwingt, wird hier durch stabiles sicheres Aufbauen nahezu unbegrenzter Höhe ersetzt – eine bezaubernde Erinnerung an große Stimmen des letzten Jahrhunderts.

F. Pinkerton: Alexey Dolgov. Die Partie ist ein Tenore spinto, ein italienischer jugendlicher Heldentenor. Die Stimme macht einen eher lyrischen Eindruck und hat die heldentenorale Größe nicht. Somit konnte Dolgov sich im 1. Akt gegen das Orchester kaum durchsetzen. Er hat eine sehr schöne Stimme, die nach oben keine Grenzen kennt, mit feinen virilen Momenten. Stilistisch wird im slawischen Gesangsstil aufgebaut – da findet die Stimme immer auch gutturale Ansätze, das ist Geschmacksache. Sehr gut bleibt seine Leistung im Rahmen der Möglichkeiten.

Suzuki: Okka von der Damerau – der Vielgelobten auch hier nur Komplimente, aber der Rezensent meint, doch schon mal farbigere Momente mit ihr erlebt zu haben.

Sharpless: Levente Molnár gehört auch zu den guten, mehr lyrischen Baritonen, er gibt der Partie sonores Gewicht mit Stimme und Darstellung – seine sängerische Feinzeichnung steigert sich im Laufe des Abends.

Goro Nakodo: Matthew Grills ist einer der erfreulichen Nachwuchskräfte im Hausensemble. Hier hat er keine Arie, so bleiben seine Parlando–Einwürfe sicher hinter seinen Möglichkeiten – ein guter Sänger und Darsteller mit Zukunft.

Die übrigen kleinen Partien sind alle hervorragend besetzt.

Es war besser als vor 25 Jahren – der Abend war ein Publikumserfolg. Warum soll man im Theater kein Klischee bedienen.

Tim Theo Tinn, 26. Januar 2018, für
klassik-begeistert.de

Musikalische Leitung                        Daniele Callegari
Inszenierung                                         Wolf Busse
Bühne                                                       Otto Stich
Kostüme                                                  Silvia Strahammer
Chor                                                           Stellario Fagone
Cio-Cio-San                                          Maria José Siri
Suzuki                                                      Okka von der Damerau
B. F. Pinkerton                                     Alexey Dolgov
Kate Pinkerton                                    Niamh O’Sullivan
Sharpless                                               Levente Molnár
Goro Nakodo                                        Matthew Grills
Der Fürst Yamadori                          Sean Michael Plumb
Onkel Bonzo                                         Peter Lobert
Yakusidé                                                Oleg Davydov
Der Kaiserliche Kommissär          Boris Prýgl

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