Diesen Alfredo sollte man sich merken

Giuseppe Verdi, La Traviata ,  Volksoper Wien, 7. Februar 2020

Foto: JunHo You (Alfredo Germont), Rebecca Nelsen (Violetta Valéry)
© Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Volksoper Wien, 7. Februar 2020

Giuseppe Verdi, La Traviata

von Jürgen Pathy

Sie mag zwar eine Kurtisane sein, die ihren Körper verkauft, die Liebe zu Alfredo ist jedoch echt und rein. Die Rede ist von Violetta Valéry, der Titelfigur in Giuseppe Verdis „La Traviata“ – einer der meist gespielten Opern weltweit. Um diese reine Liebe zu verdeutlichen, setzt Regisseur Hans Kratzer, dessen Inszenierung seit 2001 an der Volksoper Wien läuft, auf die Farbe der Reinheit und Unschuld. In schlichtem Weiß gehalten, schimmert Violettas Nachthemd aus Satin im Licht der Nacht.

Rebecca Nelson, die Violetta des Abends, lässt sich damit noch etwas Zeit. In dieser großen, alles abverlangenden Partie, leuchtet ihre Stimme nicht von Anbeginn – nichts Außergewöhnliches! Bei einer derart schwierigen Partie, deren Herausforderungen enorm sind, keine Seltenheit. Immerhin verlangt Giuseppe Verdi seiner Kurtisane, die an Tuberkulose leidet und deren Schicksal bereits im Orchester-Vorspiel vorweggenommen wird, alles ab. In keiner anderen seiner Opern steht die Protagonistin derart im Zentrum des Geschehens wie Violetta Valéry in „La Traviata“. Mit wenigen Ausnahmen ist Violetta vom ersten Moment bis zum letzten Moment der Handlung auf der Bühne präsent – in dieser Inszenierung bereits vor Beginn des Vorspiels (wenn auch durch ein Double ersetzt).

Neben dieser physischen Dauerpräsenz fordert die Partitur von einer Sängerin alles ab: Die Violetta zählt nicht nur zu den wichtigsten Partien im gesamten Oeuvre der Opernliteratur, sondern auch zu den schwierigsten und umfassendsten. Koloraturen und einer hohen Stimmlage (inklusive hohem Es) im ersten Akt folgen lyrische Abschnitte im zweiten und schließlich ein dramatischer Abschluss im dritten – eine umfassendere Partie im seriösen Sopranfach gibt es nicht.

Wer da nicht sofort auf der Höhe ist, vielleicht noch schlecht eingesungen, dem kann die Partie zu Beginn schon große Probleme bereiten. Das muss Rebecca Nelsen am eigenen Leibe erfahren – die Koloraturen wirken holprig, der Stimme fehlt es an Agilität und die hohe Stimmlage bereitet ihr einige Schwierigkeiten. Im zweiten und dritten Akt jedoch ein völlig konträres Bild. Wie die Sinneslust, die von Violetta mit einer Blume verglichen wird, die aufblühen und verwelken kann, erwacht die junge Texanerin zu voller Blütenpracht. Samtweich die Piani, voller Schmelz die lyrischen Passagen, überzeugend die Dramatik des Schlussakts und – herzzerreißend ihre letzten Worte, während sie aller Sorgen befreit ins ewige Leben, in den Tod entschwindet.

Dazu verwebt Verdi eine Melodie, die sich wehmütig durch die ganze Oper zieht. Wie ein Leitmotiv veranschaulicht sie einen Punkt: die Liebe, die geheimnisvoll und stolz, sowohl Qual als auch Glückseligkeit bedeuten kann. Musikalisch ein Moment zum Niederknien, zum Weinen schön. Bereits in Alfredos Arie „Un di, felice, eterea“, in der er seine Zuneigung zu Violetta offenbart, gräbt sich dieser Traum von einer Melodie tief ins Herz und lässt einen nicht mehr los.

Vor allem, wenn ein Alfredo zur Stelle ist, der mit einem derart schönen Material gesegnet wurde, wie JunHo You. Wenn der gebürtige Südkoreaner von der bebenden Liebe singt, von jener Liebe, die der Herzschlag des ganzen Universums ist, dann sind das große Momente. Wenn er nachdrücklich mit jugendlich-dramatischer Energie erzählt, wie Eifersucht und enttäuschte Liebe ihn zerreißen, dann glaubt man ihm jedes Wort und leidet richtiggehend mit. Kein Wunder, dass der Südkoreaner, der seit der Spielzeit 2011/12 im Ensemble der Volksoper Wien seine Heimat gefunden hat, regelmäßig an den wichtigen Adressen singt: 2021 wird er bei den Osterfestspielen Salzburg in „Turandot“ zu erleben sein.

Ebenfalls im Ensemble der Volksoper und regelmäßig extern gebucht, ist Günter Haumer. Als Alfredos Vater glänzt er in lyrischen Passagen, wenn es geschmeidig und rund zur Sache geht, wie bei „Di Provenza il mar, il suol“, wo er seinem Sohn mit Schmelz das Leben auf dem Lande schmackhaft machen möchte. Sind rauere Töne gefragt, wirkt der Edelbariton weniger glaubhaft.

Das Publikum beurteilt den Abend auf seine Weise. Verhaltener Applaus für die meisten Akteure, frenetischer Jubelsturm für Rebecca Nelson. Weshalb JunHo You ebenfalls nur mit einem Lüftchen, das stark nach Alibi riecht, in den Winterabend entlassen wird, ist fragwürdig. Der junge Südkoreaner mit Wohnsitz in Wien ist auf jeden Fall ein Sänger, den man sich merken sollte.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 9. Februar 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Wolfram-Maria Märtig, Dirigent
Hans Gratzer, Regie und Bühnenbild
Barbara Naujok, Kostüme
Frank Sobotta, Licht

Rebecca Nelsen, Violetta Valéry
JunHo You, Alfredo Germont
Günter Haumer, Giorgio Germont, sein Vater
Manuela Leonhartsberger, Flora Bervoix
Jeffrey Treganza, Gastone
Ben Connor, Baron Douphol
Daniel Ohlenschläger, Marquis d’Obigny
Andreas Mitschke, Doktor Grenvil
Elvira Soukop, Annina

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