Wiener Musikverein: Verdis Quattro pezzi sacri – Musik, die Tränen in die Augen treibt

Guiseppe Verdi, Quattro pezzi sacri, Wiener Symphoniker, Wiener Singverein, Lorenzo Viotti  Musikverein Wien, 9./10. November 2019

Der Wiener Singverein bezeichnet sich als einen der „besten Konzertchöre der Welt“. Die Laiensänger zeigen großes Format im Wiener Musikverein. Doch mit richtigen Profi-Chören können die Laiensänger aus Wien nicht mithalten – da sind sie eine gute Liga von entfernt und machen zu viele Individualfehler. Zudem fehlt dem Chor ausreichend junger Nachwuchs.

Foto: © Wolf-Dieter Grabner
Musikverein Wien
, 9./10. November 2019
Arnold Schönberg, Verklärte Nacht, op. 4 (Fassung für Streichorchester, 1943)
Giuseppe Verdi, Quattro pezzi sacri (Vier geistliche Stücke)

Wiener Symphoniker
Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Lorenzo Viotti, Dirigent

von Andreas Schmidt

Der Musikverein Wien ist immer wieder Ort herausragender Aufführungen, die packen und berühren – auch an diesem Abend von JEUNESSE, dem führenden Musikveranstalter Österreichs. Schon zu Beginn bezaubert und berauscht die Verklärte Nacht, op. 4 (Fassung für Streichorchester, 1943) von Arnold Schönberg – eine hochromantische Komposition aus der ersten Schaffensperiode des Wiener Komponisten. Nach der Pause dann das geniale Alters-Werk des großen Giuseppe Verdi: Quattro pezzi sacri (Vier geistliche Stücke). Eine Komposition, deren acapella-Stellen nur wenige Chöre auf der Welt unfallfrei meistern können – der Wiener Singverein kann es.

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klassik-begeistert.de-Autor Dr. Holger Voigt hatte Verdis Werk am 17. März 2019 in der Elbphilharmonie Hamburg gehört. Sein wunderbares Urteil damals: „Musik, die Tränen in die Augen treibt.“ Es spielte das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter Leitung von Paolo Carignani, es sang der wunderbare MDR-Rundfunkchor.

Die Worte von Dr. Holger Voigt treffen haargenau auch auf das Konzert im Wiener Musikverein zu. Darum veröffentlichen wir sie noch einmal:

Historisch bewegen wir uns in der letzten Dekade des Neunzehnten Jahrhunderts, und wir Nachgeborenen wissen, dass gewaltige soziokulurelle Umbrüche vor der Tür standen, die sich auch auf die Musikwelt niederschlagen würden. Romantik und Spätromantik waren verklungen und machten der Moderne Platz. Bereits in Verdis Falstaff ließ sich eine völlig neuartige Kompositionsweise erkennen. Gleichwohl ging Verdi diesen Weg aber nicht weiter, da er sich zu dieser Zeit eigentlich bereits „auskomponiert“ hatte. Fast alle seiner ihm nahestehenden Menschen waren verstorben, und es wurde zunehmend einsam um ihn. Er widmete sich vorrangig seiner schönsten Schöpfung, der „Casa di Riposo“ in Mailand, einer Altersresidenz für mittellose Musiker. Und doch nahm er sich alte Skizzen und Entwürfe, aber auch bereits Komponiertes wieder vor und vervollständigte die „Quattro pezzi sacri“, 4 nur lose zyklisch zusammengefügte geistliche Chorwerke.

Der erste Teil der „Quattro pezzi sacri“ – das „Ave Maria“ ist eine reine Chorkomposition. Der Wiener Singverein begann aus einem nahezu unhörbaren Pianissimo und entwickelte eine anrührende Klangwärme, die im „Goldenen Saal“ des Musikvereins Wien besonders eindringlich wahrnehmbar war.

Das „Stabat Mater“ ist eingebettet in einen nicht minder warmen Orchesterklang und zeigte eine geradezu opernhafte, dramatische Klangdynamik. Chor und Orchester überzeugten mit präzisen Einsätzen und klangschönem Ausdruck – Lorenzo Viotti hielt Chor und Orchester in unglaublicher Spannung bis zum gleichsam kathartischen Schluss.

Das „Laudi Alla Vergine“ – erneut ein reiner a cappella-Choralteil – entspricht einem vertonten Gebetstext, der vom Wiener Singverein zurückgenommen und geradezu schwebend vorgetragen wurde. Die Akustik des „Goldenen Saals“ zeigte auch hier erneut ihre Stärken.

Das „Te Deum“ erwies sich als Höhepunkt an diesem Abend im Verdi-Teil des Konzertes. Mit millimetrischer Präzision, dabei anrührender Klangschönheit sang der Chor auf allerhöchstem Niveau, zudem furchtlos im Forte und Fortissimo, wie man es selten hört. Hervorragend das Sopran-Solo (Andrea Zeiner), das sich nicht im Wettstreit mit dem Orchester befand, sondern mit diesem verschmelzen konnte. Faszinierend, wie der junge Maestro Orchester und Chor zusammen atmen ließ! Ganz besonders anrührend: Der allerletzte Ton nach dem letzten „In te speravi“ (notabene: zeitlich weder Präsens oder Präteritum, sondern Perfekt!) erklingt der letzte Streicherton so hoffnungslos und endgültig, dass einem ein kalter Schauer über den Rücken läuft. Er erinnert an den letzten Hauch Otellos, wird aber hier vom Dirigenten sehr lang anhaltend ausgedehnt, was bedeutet: Der Hauch gilt und ist somit endgültig. Begeisterter Beifall!

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Kritisch auf hohem Niveau bleibt für den Abend im Musikverein Wien anzumerken: Die guten, kompakten Wiener Symphoniker konnten den dynamischen, sehr energetischen „Anweisungen“ des 29 Jahre alten Schweizer Dirigenten Lorenzo Viotti (er spricht fast perfekt Deutsch, Muttersprache ist Italienisch und Französisch) nicht immer ganz folgen – dieses wunderbare Orchester und diese Ausnahmeerscheinung am Dirigentenhimmel müssen noch richtig zusammenwachsen.

Lorenzo Viotti © Márcia Lessa

Und dann noch ein Wörtchen zur Eigenwerbung des Wiener Singvereins im Programmheft. Dort heißt es: „Der Chor der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien zählt, beständig über die Zeiten hinweg, zu den besten Konzertchören der Welt.“

Dieses Urteil stimmt – wenn man das Wort Konzertchöre präzisiert: Laien-Konzertchöre.

Denn verglichen etwa mit deutschen Profi-Chören wie dem MDR-Rundfunkchor, dem Rundfunkchor Berlin und dem NDR Chor singt der Wiener Singverein eine deutliche Liga darunter. Da sind in allen Stimmgruppen immer wieder falsche und unsaubere Töne zu hören,  da werden vor allem im piano und pianissimo Töne nicht ausreichend gestützt, da sind im Sopran zwei Damen zu hören, die viel zu laut und über weite Passagen mit einem unangenehmen Timbre singen. Und insgesamt ist der Wiener Singverein auch deutlich „überaltert“ – es mangelt sicht- und hörbar an jungen, frischen, dynamischen Stimmen. Die Generation unter 40 ist in diesem wunderbaren Klangkörper zu schwach vertreten.

Aber unterm Strich ist dieser Chor natürlich ein wunderbarer Laienchor, an dem sich andere Laienchöre auf der ganzen Welt ein Beispiel nehmen können.

Andreas Schmidt, 12. November 2019, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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