„Nach Auschwitz kann man noch schöne Musik machen“

Interview mit Esther Bejarano

Foto: Esther Bejarano. Bildquelle: NDR

Interview mit der Musikerin und Holocaustüberlebenden Esther Bejarano

Esther Bejarano (geboren am 15. Dezember 1924 als Esther Loewy in Saarlouis) ist die Mitbegründerin und Vorsitzende des Auschwitzkomitees, Zeitzeugin der NS-Verbrechen und Musikerin. Während des Zweiten Weltkriegs war sie Gefangene im Zwangsarbeitslager Neuendorf, dann in Auschwitz-Birkenau und später im KZ Ravensbrück. Nach der Befreiung wanderte sie nach Palästina aus und absolvierte dort eine Ausbildung zur Koloratursopranistin. Seit 1960 lebt sie in Hamburg. Für ihr musikalisches Engagement gegen Faschismus und Krieg wurde sie 1994 mit der Senator-Biermann-Ratjens-Medaille der Freien und Hansestadt Hamburg ausgezeichnet. 2004 erschien ihr biographisches Buch „Wir leben trotzdem“, das sie zusammen mit Birgit Gärtner geschrieben hat.

Vor genau 75 Jahren, am 27. Januar 1945, wurde das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau durch russische Truppen befreit.

Interview: Jolanta Lada-Zielke

Ihre Liebe zur Musik verdanken Sie Ihrem Vater Rudolf Loewy?

Mein Vater war Kantor und zwar in verschiedenen reformierten Gemeinden. Er war sogenannter Halbjude, weil seine Mutter aus einer christlichen Familie stammte. Er und seine Brüder wurden jüdisch erzogen. Meine Großeltern beschlossen, ihre Töchter christlich, aber die Söhne jüdisch zu erziehen.

Haben Sie schon als Kind gesungen?

Ja, ich bin häufig aufgetreten und mein Vater hat mich am Klavier begleitet. Damals war der Filmstar Shirley Temple sehr populär und ich habe sie immer imitiert. Aber als Kind habe ich nur Klavierspielen gelernt. Eine richtige musikalische Ausbildung habe ich erst nach dem Zweiten Weltkrieg in Israel erworben.

Der erste Wendepunkt im Leben Ihrer Familie war das Jahr 1935, als das Saarland vom Deutschen Reich annektiert wurde…

Seitdem durften wir nicht mehr in christliche Schulen gehen. Die jüdische Gemeinde eröffnete eine jüdische Schule und da haben wir noch gelernt. Man konnte aber in kein Gymnasium aufgenommen werden und keinen Beruf erlernen. Mein Vater gehörte zum Jüdischen Kulturbund, der für die jüdische Bevölkerung Veranstaltungen organisierte. Bei manchen von denen habe ich noch gesungen. Aber Juden durften keine kulturellen Veranstaltungen mehr besuchen.

Und dann sind Sie nach Ulm gezogen?

Nach 1935 sind viele Juden aus Saarbrücken ausgewandert, die Gemeinde wurde immer kleiner und konnte sich keinen Kantor mehr leisten. Dann hat mein Vater einen Vertrag mit der jüdischen Gemeinde in Ulm abgeschlossen und wir haben dort bis 1940 gelebt. 1937 wurde mein älterer Bruder zu meiner Tante nach Amerika und meine Schwester Tosca nach Palästina geschickt, wo sie eine Landwirtschaftsschule besuchte. Ihre Reise und die Ausbildung wurden natürlich von meinen Eltern finanziert. Meine andere Schwester Ruth ging ins Vorbereitungslager für diejenigen, die nach Palästina auswandern wollten. Ich bin als einzige mit meinen Eltern zusammen geblieben. Meine Mutter ist nervenkrank geworden, sie konnte es nicht verkraften, dass ihre Kinder nicht mehr da waren. Sie ging 1940 nach Berlin, um dort in einer Nervenklinik behandelt werden. Ich glaube, das war noch eine jüdische Nervenklinik. Schließlich hat mein Vater eine Stelle als Kantor in Breslau bekommen, wo es noch eine größere Gemeinde gab. Ich bin zusammen mit meiner Mutter nach Berlin gezogen um zu warten, dass sie wieder gesund würde. In Breslau amtierte mein Vater als Oberkantor, außerdem war er noch der Leiter eines jüdischen Waisenhauses. Später wurde er mit meiner Mutter und mit dem ganzen Waisenhaus nach Kaunas deportiert.

Ihr Vater hatte sich noch um eine Kantor-Stelle in Zürich beworben?

Ihm wurde damals abgesagt, weil er kein „Volljude“ war. Bis heute kann ich das nicht begreifen. Wenn sie ihn aufgenommen hätten, hätte die ganze Familie den Krieg überlebt.

Seitdem Ihre beiden Eltern nach Breslau gezogen waren, haben Sie sie nie mehr gesehen?

Ja, ich war nie in Breslau. In bin in Berlin geblieben, wo ich eine jüdische Schule besuchte, die eine Vorstufe zur Hachschara, also zur Vorbereitung der Zweckauswanderung nach Palästina war. Dann ging ich nach Gutwinkel, wo sich ein Vorbereitungslager befand, danach nach Neuendorf.

Aber als der Krieg ausbrach, durfte man nicht mehr auswandern?

Nein, die letzte Auswanderung nach Palästina fand noch kurz vor dem Zweiten Weltkrieg statt und dann war Schluss. Außerdem haben die Nazis alle Vorbereitungslager in ganz Deutschland geschlossen. Mein Vorbereitungslager wurde von Nazis übernommen, die es in ein Zwangsarbeitslager unter SS-Überwachung umgewandelt haben. Alle Jugendlichen wurden verhaftet und mussten seitdem Zwangsarbeit leisten.

Wo haben Sie gearbeitet?

Ich habe eine Stelle in einem Blumenladen in Fürstenwald an der Spree bekommen. Dorthin musste man jeden Tag mit dem Zug fahren. Ich habe von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends gearbeitet, natürlich ohne Bezahlung. Aber mein Chef und seine Frau waren keine Nazis und haben mich gut behandelt, was ein großes Glück war. Meine Chefin hat mir manchmal ein bisschen Fleisch zu der Suppe gegeben, die wir im Lager in einer Dose zu essen bekamen.

Wurden die Häftlinge von der SS bei Ihrer Arbeit kontrolliert?

Nein, aber einmal habe ich etwas sehr Unangenehmes miterlebt. Vor Weihnachten, Ostern oder vor anderen Feiertagen verkauften wir immer sehr viele Blumen und meine Arbeitgeber hatten sehr viel zu tun. Eines Tages stand ich zusammen mit meinem Chef hinter der Theke und bediente die Kunden mit dem Judenstern an meiner Kleidung. Ich habe einem Mann Blumen verkauft, der sich später bei der Gestapo darüber beschwerte. Für ihn war das eine Schande, von einer Jüdin bedient zu werden. Dann wurde meinem Chef gedroht, dass, wenn er das noch einmal machte, wir beide nach Auschwitz geschickt würden. Für ihn war die Situation noch schlimmer als für mich. Danach habe ich nur noch im Hinterzimmer gearbeitet.

Haben Sie schon damals gewusst, was Auschwitz war?

Wir haben gewusst, dass das ein schlimmes Konzentrationslager war, jedoch konnten wir nicht ahnen, dass es auch ein Vernichtungslager war. Aber selbst das Wort „Auschwitz“ klang für uns wie eine Drohung.

Wie kam es dazu, dass Sie nach Auschwitz deportiert wurden?

Das Zwangsarbeitslager in Neuendorf wurde geschlossen und alle Insassen mussten nach Berlin fahren, wo sich in der Großen Hamburger Straße ein Sammellager für Juden befand. Wir alle mussten uns dort hinstellen und sind dann in Viehwaggons eingestiegen. Wir hatten keine Ahnung, wohin wir fuhren, wir dachten, in ein anderes Arbeitslager. Die Fahrt war furchtbar. Man musste auf dem Boden sitzen, es gab keine Toilette, man hatte nur einen Kübel in eine Ecke gestellt. Jeder musste seine Notdurft in diesen Kübel vor den Augen der anderen Leute erledigen. Man kann sich nicht vorstellen, wie erniedrigend das war. Deswegen war auch die Luft in dem Wagen ganz schlimm. Viele ältere Mitfahrende sind gestorben, weil sie das nicht aushalten konnten.

Das KZ Auschwitz-Birkenau. Bildquelle: Wikipedia

Als der Zug sein Ziel erreicht hatte und die Türen geöffnet wurden, haben Sie da sofort mitbekommen, dass man Sie nach Auschwitz transportiert hatte?

Zuerst noch nicht, weil wir ja gar nicht wussten, wo wir waren. Vor dem Wagen standen ein paar Männer in Zivilkleidung. Wir hielten sie für Vorarbeiter, weil wir immer noch dachten, dass wir in einem Arbeitslager waren. Diese Männer haben uns freundlich gefragt, ob unter uns ältere oder kranke Menschen waren, die nicht gut laufen konnten, und schwangere Frauen, mit kleinen Kindern oder die älter als 45 Jahre sind. Sie alle sollten auf die Fahrzeuge steigen, die dort standen, und ins Lager gefahren werden, weil der Weg dorthin ziemlich weit war. Wir haben gedacht: „Naja, dann kann es hier nicht so schlimm sein, wenn sie sich um schwächere Menschen kümmern und sie mit Lastwagen fahren lassen.“ Später haben wir erfahren, dass diese Leute direkt zur Gaskammer gefahren wurden.

Und Sie haben zu der anderen Gruppe gehört…

Diejenigen, die noch jung waren und gut laufen konnten, mussten sich in fünf oder in sieben Reihen aufstellen und dann sind wir durch das Tor in das Lager Birkenau gegangen. Hinter dem Tor standen schon die SS-Frauen und SS-Männer. Sie haben uns angebrüllt: „Ihr Sau-Juden, jetzt zeigen wir euch mal, was arbeiten heißt!“ Dann haben sie uns in einen großen Saal, die so genannte „Sauna“ getrieben. Man hat uns befohlen, die ganze Kleidung auszuziehen und zwar vor all den SS-Leuten. Wir junge Frauen wollten das nicht und haben angefangen zu weinen. Dann sagte uns eine der Gefangenen: „Wenn ihr euch nicht auszieht, dann werden sie euch erschießen“. Also haben wir uns ausgezogen. Die SS-Männer haben sich dabei anscheinend köstlich amüsiert. Dann hat man uns die Haare geschoren und unter eine kalte Dusche gestellt. Hinterher mussten wir in einen Heißluftraum gehen, wo man fast erstickte. Dort sollten wir uns trocknen, weil es keine Handtücher gab. Dann hat man uns in einer Reihe aufgestellt und uns am linken Arm eine Nummer eintätowiert. Ich bekam die Nummer 41948 und habe gedacht: „Mein Gott, es gibt hier so viele Leute, wo sind die denn eigentlich alle?“ Dann haben wir die Sträflingskleidung bekommen. Da wussten wir schon, dass wir im Konzentrationslager sind. Solche Kleidung trägt man in einem gewöhnlichen Arbeitslager nicht.

Ihre erste Arbeit in Auschwitz war hart, aber sinnlos, weil Sie Steine hin und her tragen mussten?

Die Steine konnte man kaum hochheben, musste sie aber von einer zur anderen Seite des Feldes bringen. Die Frauen, die sie nicht mehr tragen konnten oder dabei umfielen, wurden geschlagen. Nach ungefähr drei oder vier Wochen habe ich gemerkt, dass meine Kräfte mich verließen. Dann habe ich gehört, dass eine Polin, Frau Zofia Czajkowska, nach Frauen sucht, die ein Instrument spielen, weil man im Lager ein Orchester aufbauen wollte.

Und haben Sie sich bei ihr gemeldet?

Frau Czajkowska ging zu den Blockältesten und suchte nach musikalischen Frauen. Von unserem Block wurden zwei Freundinnen von mir und ich vorgeschlagen. Ich habe für die Frauen in meinem Block viele Lieder von Bach, Schubert, Schumann und allen möglichen Komponisten gesungen, meine Blockälteste wusste also, dass ich musikalisch bin. Ich habe mich dann bei Frau Czajkowska gemeldet und gesagt, dass ich Klavier spielen kann. Sie sagte, es geht nicht, weil es im Orchester kein Klavier gibt. „Aber wenn du Akkordeon spielen kannst, dann werde ich dich prüfen“, versprach sie mir. Ich sagte Frau Czajkowska, dass ich auch Akkordeon spielen kann. Das stimmte überhaupt nicht, ich hatte keine Ahnung, wie man einen Ton aus diesem Instrument rauskriegt, ich wusste nur, dass man die beiden Teile auseinanderziehen muss. Czajkowska wollte, dass ich den Schlager „Du hast Glück bei den Frauen, Bel Ami“ vorspiele, wenn ich das schaffte, dürfte ich zum Orchester. Ich kannte das Lied. Das Akkordeon hat an einer Seite eine Tastatur, ich musste noch herausfinden, wie die Bässe an der linken Seite funktionieren. Wenn ich nicht so ein gutes Gehör gehabt hätte, hätte ich das nie geschafft. Ich sagte, ich muss mich einspielen und habe nach den richtigen Basstasten gesucht. Dann bekam ich das Lied von Frau Czajkowska vorgespielt. Ich bin mir sicher, dass sie mitbekommen hat, dass ich noch nie im Leben Akkordeon gespielt hatte. Aber sie bemerkte, dass ich musikalisch war und hat mich in das Orchester aufgenommen.

Wie sah Ihr Arbeitstag seitdem aus?

Ungefähr drei Wochen lang haben wir zusammen geprobt, bis wir einen gemeinsamen Klang fanden. Alle Kolleginnen waren Hobbymusikerinnen, keine Profis. Es gab unterschiedliche Meinungen von Czajkowska, aber ich fand sie toll. Was ich an ihr besonders schätzte, war, dass sie kein großartiges Orchester aufstellen und keine besondere Musik für die Nazis aufführen wollte. Sie wollte nur das Nötigste machen.

Was war im Repertoire, vielleicht deutsche Klassiker?

Nein, es war nur die „leichte Muse“: Märsche, Menuette, Rondos, Walzer, Landsknechtlieder und bekannte deutsche Lieder. Die SS-Leute hörten uns manchmal zu.

Waren die Bedingungen für die Orchesterspielerinnen besser als für andere Frauen im Lager?

Der Unterschied war himmelweit. Vor allem mussten wir keine schwere Arbeit mehr leisten. Wir wohnten in der sogenannten „Funktionsbaracke“, wo die Frauen schliefen, die eine bestimmte Funktion hatten: Dolmetscherinnen, Läuferinnen. Die Baracke war aus Holz und da gab es richtige Betten. Vorher hatte ich in einem Steinhaus gewohnt, wo auf einer Koje acht bis zehn Frauen zusammen schlafen mussten.

Das Mädchenorchester spielte auch an der Rampe, beim Ankommen der neuen Transporte?

Von der Rampe hatte man die Gleise direkt zu den Gaskammern weitergelegt. Die Leute, die mit dem Zug dort ankamen, wurden alle vergast. Wir mussten dort stehen und spielen. Wir wussten, wohin diese Menschen gingen. Sie wussten es nicht, haben gelächelt und uns zugewinkt. Sie haben wahrscheinlich gedacht, wo Musik spielt, kann es nicht so schlimm sein. Das war die Taktik der Nazis, die Menschen zu betrügen, damit sie ohne Widerstand in die Gaskammer gingen.

Wie lange haben Sie im Orchester gespielt?

Ungefähr ein halbes Jahr. Dann bin ich an Typhus erkrankt und kam ins jüdische Krankenrevier. Es gab nämlich zwei verschiedene Krankenreviere, ein jüdisches und ein christliches. Im Lager gab es einen Arbeitsführer namens Moll, der sich um das Orchester zu kümmern hatte. Das war eine menschliche Bestie, er ließ Menschen von seinem Hund zerfetzen. Aber erstaunlicherweise hat er mir geholfen. Er hat sich darum gekümmert, dass ich in das christliche Krankenrevier gebracht wurde. Vom jüdischen konnte man nämlich nur ins Gas geschickt werden. Im christlichen bekam man sogar Medikamente, damit man wieder gesund wurde und zurück zu seinem Posten kommen konnte. Ich war schon im Delirium, völlig am Ende. Moll wollte aber unbedingt, dass ich in das Orchester zurückkam und sagte zu der tschechischen Ärztin, die dort war: „Wir brauchen diese Frau, sie muss sofort Medikamente bekommen“. Die habe ich jedoch nicht gekriegt, weil diese Ärztin nur denen Arzneimittel gab, die ihr etwas geben konnten. Ich hatte ja nichts, weil ich Jüdin war und keine Pakete bekam. Mir ging es immer schlechter, ich war schon eine Stufe vor der Gaskammer. Moll kam wieder und als er mich sah, sagte er zu der Ärztin: „Wenn sie nicht gesund wird, erschieße ich dich!“ Da gab sie mir die Medikamente. Als ich wieder bei Bewusstsein war, erzählte mir das alles eine polnische Mitgefangene, die sich um mich gekümmert hat. Dank dieser Polin konnte ich zurück in das Orchester kommen.

Haben Ihre Freundinnen, mit denen Sie nach Auschwitz kamen, auch überlebt?

Einige haben Selbstmord begangen und sind in den elektrisch geladen Zaun aus Stacheldraht gelaufen. Mit denjenigen, die überlebt haben, hatte ich natürlich später Kontakt.

Ihr nächster Aufenthaltspunkt war das Konzentrationslager Ravensbrück?

Das Internationale Rote Kreuz kümmerte sich darum, dass sogenannte „Mischlinge“ nicht im Vernichtungslager sein sollten und die Nazis akzeptierten das. Alle, die arisches Blut in ihren Adern hatten, sollten sich melden, um in ein anderes Lager zu kommen, das kein Vernichtungslager mehr war. Ich hörte das und dachte: „Oh Gott, ich habe doch eine christliche Großmutter!“ Alle meine Freundinnen vom Orchester rieten mir mich zu melden, aber zunächst wollte ich das nicht tun. Im Orchester hatte ich doch eine gute Arbeit, wer weiß, was mich erwartete, wenn ich in ein anderes Lager ging, wo ich niemanden kannte. Sie sagten aber: „Du musst dich retten, um später erzählen zu können, was für schreckliche Verbrechen an uns begangen wurden!“ Das hat mich einigermaßen überzeugt. So bin ich nach Ravensbrück gekommen. Dort habe ich die neue Nummer 23139 bekommen und habe zuerst mit Kohle gearbeitet. Ich musste sie an eine bestimmte Stelle schieben und nachher wieder abladen. Dann habe ich mich bei Siemens gemeldet. Dort habe ich in einer Montagehalle gearbeitet, wo ich Schalter für Unterseeboote bauen musste.

Anfang 1945 wurde das Lager evakuiert…

Unter den Gefangenen gab es russische Kommunistinnen, die ein provisorisches Radiogerät gebaut und unter der Decke unserer Baracke eingebaut hatten. Die Russinnen hatten heimlich die Nachrichten gehört und herausgefunden, wo sich die Russen gerade befanden. Als sie schon in der Nähe waren, war uns klar, dass wir evakuiert würden. Die Russinnen gaben uns den Tipp, dass wir unter der Sträflingskleidung zivile Kleidung tragen sollen. Die konnten wir bei den Frauen kaufen, die in der sogenannten Effektenkammer arbeiteten. Ich habe einen ganzen Laib Brot gegen einen Wollpullover getauscht und dann eine ganze Woche gehungert.

Dann begann der Todesmarsch?

Diejenigen von uns, die laufen konnten, nahmen an dem Todesmarsch teil. Es war ein schrecklich kalter Winter 1945. Auf dem Weg erreichten wir das Konzentrationslager Melhow und die dortigen Gefangenen haben sich uns angeschlossen. Ich habe da meine beste Freundin Miriam wiedergetroffen, die mit mir in Auschwitz war. Wir alle waren von dem langen Laufen fertig. Aber die Leute, die keine Kraft mehr hatten und hinfielen, wurden gnadenlos erschossen. Ich habe tote Frauen auf der Straße gesehen. Als wir nach drei Wochen Mecklenburg erreichten, hörten wir zufällig ein Gespräch von zwei SS-Männern mit. Einer sagte, dass man jetzt nicht mehr schießen dürfe. Wir dachten, dass der Krieg nun bald zu Ende sei und haben uns entschieden, die Kolonne zu verlassen. Der Weg führte Richtung Ostsee und wir hatten Angst, dass uns die SS-Leute ertränken wollten. Ich habe meinen sieben Freundinnen vorgeschlagen: „Lasst uns fliehen!“ Und als wir später durch einen Wald marschierten, versteckten sich alle, eine nach der anderen hinter einem Baum. Wir mussten nur auf die SS-Männer aufpassen. In dem Wald haben wir uns alle wiedergetroffen. Dann stießen wir glücklicherweise auf amerikanische Soldaten, die sich einige Tage um uns kümmerten.

Nach dem Krieg wollten Sie sofort nach Palästina auswandern?

Wir alle wollten in Deutschland nicht bleiben. Man riet uns, nach Bergen-Belsen zu gehen, wo das dortige KZ in ein Displaced-Person-Camp umgewandelt worden war. Dort gab es auch eine große Wand, wo alle, die überlebt haben, sich einschreiben konnten, um ihre Verwandten leichter wieder zu finden. Ich habe nach einer Nachricht von meinen Eltern und meiner Schwester Ruth gesucht. Dann mussten wir zum Kibbuz Buchenwald gehen, wo sich ein Treffpunkt für diejenigen befand, die nach Palästina auswandern wollten. Wir waren immer zu Fuß von Ort zu Ort gelaufen, heute kann man sich das nicht mehr vorstellen. In Frankfurt am Main bekam ich die Feldadresse meines Bruders, der als amerikanischer Soldat gegen die Nazis gekämpft hatte. Er wollte, dass ich zu ihm nach New Jersey komme, ich wollte aber zu meiner Schwester Tosca nach Palästina. Ich hatte großes Glück, dass ich 1945 dorthin auswandern konnte. Ich habe in Tel Aviv gearbeitet und Musik studiert. Meine Gesangslehrerin kam aus Breslau, bei ihr habe ich eine Ausbildung zur Koloratursopranistin absolviert. Ich habe so viele Konzerte gegeben, wie es möglich war, denn Israel war ein kleines Land und dort gab es schon viele Sängerinnen und Sänger. In Israel habe ich schließlich auch meinen Mann kennengelernt.

Wann und wie haben Sie von dem Tod Ihrer Eltern erfahren?

In Israel habe ich einige Leute aus Breslau getroffen, die auch das Konzentrationslager überlebt hatten. Sie kannten meinen Vater, weil er Oberkantor in dieser Gemeinde war. Die Nazis hatten meinem Vater nahegelegt, sich von meiner Mutter scheiden zu lassen, dann hätte er in Breslau bleiben dürfen. Mein Vater aber sagte, dass er seine Frau nicht im Stich lassen würde. „Ich gehe mit ihr“, entschied er. Sie beide wurden mit tausenden anderen in der Nähe von Kaunas erschossen.

Wie lange sind Sie in Israel geblieben?

Fünfzehn Jahre. Meine beiden Kinder sind dort geboren. Dann sind wir aus politischen Gründen nach Deutschland gezogen. Mein Mann wollte nicht in die Armee gehen und gegen die Palästinenser kämpfen. Damals gab es keine Kriegsverweigerung; wenn er nicht in den Krieg gezogen wäre, hätte man ihn ins Gefängnis gebracht. Die Entscheidung, wieder nach Deutschland zu ziehen, war für mich sehr schwierig. Ich hatte aber immer noch die deutsche Staatsangehörigkeit und so habe ich beschlossen: Gut, wir ziehen nach Deutschland, aber niemals in eine Stadt, in der ich früher mit der ganzen Familie gelebt habe. Ich habe Hamburg gewählt und hier fühle ich mich sehr wohl. Am Anfang hatte ich große Schwierigkeiten, mich mit Leuten zu unterhalten. Im Hinterkopf waren immer diese Gedanken: Was hat er oder sie in der Nazizeit gemacht? Vielleicht ist er der Mörder meiner Eltern oder meiner Schwester Ruth, die in Auschwitz umgekommen ist? Schließlich habe ich Leute getroffen, die im Widerstand gegen die Nazis gekämpft haben, und das sind heute noch meine Freunde oder ihre Kinder, weil einige schon gestorben sind.

Haben Sie nach dem Krieg noch Antisemitismus erfahren?

Ich habe von Fällen gehört, aber persönlich keine antijüdischen Angriffe erfahren, obwohl ich sehr bekannt bin oder weil ich sehr bekannt bin (lacht). Ich gebe viele Konzerte und mache viele Lesungen. Ich erzähle meine Geschichte in Schulen. Einmal habe ich in einer Kirche vor achthundert jungen Menschen anderthalb Stunden lang gesprochen. Es war die ganze Zeit mucksmäuschenstill und danach haben sie mir interessante Fragen gestellt.

Waren Sie auch in Deutschland als Sängerin tätig?

Nein, aber ich hatte zwei Bands. In der ersten habe ich Akkordeon gespielt. Meine Tochter hat die andere gegründet, die „Coincidence“(Zufall) heißt. Wir haben Lieder auf Jiddisch aufgeführt. Später ist auch mein Sohn dazu gekommen. Das war eine Familienband, obwohl wir auch Musiker von außerhalb der Familie dabei hatten. Und dann haben noch die Rapper von der Band „Microphone Mafia“ eine CD mit unseren Liedern aufgenommen und dazu ihre Rap-Texte geschrieben, die antifaschistisch und menschenfreundlich sind. So hat unsere Zusammenarbeit angefangen, die nun schon zehn Jahre besteht. Wir treten sehr viel auf. Außerdem kann man mit den Rappern viele junge Menschen erreichen.

Musik hat Sie einmal aus einer schrecklichen Lage herausgeholt. Glauben Sie, dass Musik unsere Welt retten könnte?

Musik hat mir fast das Leben gerettet, aber nicht nur sie, weil ich dank meiner christlichen Großmutter aus Auschwitz entkommen konnte. Im Grunde genommen hat mir die Musik immer sehr geholfen. Viele Leute fragen mich: Wie konntest Du denn wieder Musik machen, nachdem du diese schreckliche Musik in Auschwitz spielen musstest? Ich sage: Genau das Gegenteil muss der Fall sein. Es gibt nämlich Leute, die behaupten: Nach Auschwitz kann man keine Musik mehr machen, keine schönen Bilder mehr malen, keine Gedichte und keine Bücher mehr schreiben. Das ist alles falsch. Wenn man eine Möglichkeit hat, sein Talent so anzubringen, wie ich das jetzt mache, dann kann man die Menschen damit überzeugen. In meinem Fall ist das die Musik.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Jolanta Lada-Zielke, für
klassik-begeistert.de

© Jolanta Lada-Zielke

Jolanta Lada-Zielke, 48, kam in Krakau zur Welt, hat an der Jagiellonen-Universität Polnische Sprache und Literatur studiert und danach das Journalistik-Studium an der Päpstlichen Universität Krakau abgeschlossen. Gleichzeitig absolvierte sie ein Gesangsdiplom in der Musikoberschule Władysław Żeleński in Krakau. Als Journalistin war Jolanta zehn Jahre beim Akademischen Radiorundfunksender Krakau angestellt, arbeitete auch mit Radio RMF Classic, und Radio ART anlässlich der Bayreuther Festspiele zusammen. 2003 bekam sie ein Stipendium vom Goethe-Institut Krakau. Für ihre  journalistische Arbeit wurde sie 2007 mit der Jubiläumsmedaille von 25 Jahren der Päpstlichen Universität ausgezeichnet. 2009 ist sie aus privaten Gründen nach Deutschland gezogen, zunächst nach München, seit 2013 lebt sie in Hamburg, wo sie als freiberufliche Journalistin tätig ist. Ihre Artikel erscheinen in der polnischen Musikfachzeitschrift „Ruch Muzyczny“, in der Theaterzeitung „Didaskalia“, in der kulturellen Zeitschrift für Polen in Bayern und Baden-Württemberg „Moje Miasto“ sowie auf dem Online-Portal „Culture Avenue“ in den USA.  Jolanta ist eine leidenschaftliche Chor-und Solo-Sängerin. Zu ihrem Repertoire gehören vor allem geistliche und künstlerische Lieder sowie Schlager aus den Dreißigern.

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