Krzysztof Urbański und das Bayerische Staatsorchester sind das lichte Helle in diesem sehr gefühlsdunklen Konzert.

Krzysztof Urbański, Thomas Hampson, Bayerisches Staatsorchester  Bayerische Staatsoper, München, Stream am 7. Dezember 2020

Rezension des Videostreams – Montagsstück VI: Die Welt bewegen (2. Akademiekonzert)

Bayerische Staatsoper, München, Stream am 7. Dezember 2020

Foto: Montagsstück VI – Krzysztof Urbański, Bayerisches Staatsorchester, W. Hoesl (c)

Musikalische Leitung Krzysztof Urbański
Solist Thomas Hampson
Bayerisches Staatsorchester

Ludwig van Beethoven Ouvertüre zum Trauerspiel Coriolan op. 62
Gustav Mahler Kindertotenlieder
Antonín Dvořák Symphonie Nr. 7 d-Moll op. 7

von Frank Heublein

Mit Beethovens Ouvertüre zum Trauerspiel Coriolan beginnt dieses Konzert düster, schwer. Dramatisch steigert sich das Orchester. Ich suche einen Ausweg aus der Düsternis, die Oboe gönnt mir ist einen kurzen Moment der Entspannung. Doch die Geigen ziehen mein Gefühl wieder hinab ins dunkel-treibend Dramatische. Allen vermeintlichen Rettungsankern werden, und dass immer schneller, immer schneller, Grenzen gesetzt. Jetzt das Horn! Sind das die Klänge der Befreiung? Nein! Die Geigen steigern sich treibend – um sich plötzlich zurückzunehmen zum piano. Ein vergehendes Ende. Das nachfolgende Werk nimmt kein gutes Ende: teilt mir dieses Vorspiel deutlich mit.

Mahlers erste drei Kindertotenlieder erzeugen in mir ein einziges wiederkehrendes Gefühl. Das der Sehnsucht. Im ersten „Nun will die Sonn’ so hell aufgehn!“ kämpft die Stimme gegen die Ausgrenzung: „Das Unglück geschah auch mir allein, die Sonne scheinet allgemein“. In „Nun seh’ ich wohl, warum so dunkle Flammen“ wird das Sehnsüchtige verstärkt durch orchestrale Ausbrüche. Warnung des drohenden baldigen Verlustes. „Wenn dein Mütterlein“ beginnt mit einer mich ergreifenden Bläserstafette allen voran Englisch Horn und Oboe. Die Sehnsuchtsvariante hier spürt dem Verlorenen nach, dem sicht- und hörbarem Schatten, der an der Seite des Mütterleins einen unerreichbaren Verlustpunkt setzt.

In „Oft denk’ ich, sie sind nur ausgegangen!“ keimt in mir Hoffnung auf. Die Hoffnung wird im Liedtext ausformuliert, dass die Vergänglichkeit doch nur Türe ist, auf dass man sich an einem besseren Ort wiederfinden möge. „In diesem Wetter!“ wirbelt mich mit seiner dramatischen Orchestereröffnung emotional auf. Die Stimme ist um das Wohl der Kinder besorgt. Ich merke auf: Dies ist „jetzt ein eitler Gedanke“? An der Rettung der Kinder wurde die Stimme gehindert. Die vergehenden Orchestertöne verstärken die in mich übertragene Betrübnis, denn die Kinder „ruhen sich aus“, sie haben das Wetter nicht überlebt.

Foto: Montagsstück VI: Thomas Hampson, Krzysztof Urbański, Bayerisches Staatsorchester; W. Hösl (c)

Wie schwer ist es, die Unsicherheit und Verletzlichkeit dieser Gefühle, das die Lieder übergreifende Gefühl des Verlusts zu singen? Die Stimme nicht kraftlos, aber eben erschöpft und gefühlsmatt klingen zu lassen? Ich jedenfalls lasse mich von Bariton Thomas Hampson in diese emotionalen Abgründe leiten, bei mir gelingt ihm dieser gesangliche Drahtseilakt. Die Kindertotenlieder verlangen nicht nach der kraftvollen impulsiven Stimme. Vielmehr liegt die Herausforderung darin, die Bedrückung und Niedergeschlagenheit gesanglich wiederzugeben. Thomas Hampson singt Kraftlosigkeit, Mattigkeit klar, vibratolos, deutlich, präzise, konzentriert, gewollt genau so (wenig) kräftig, dass die darin liegende Emotion in mir deutlich hervortritt.

Dvořáks Symphonie Nr. 7, in d-Moll gesetzt, beginnt mit dem Allegro maestoso emotional für mich ähnlich duster wie Beethovens Vorspiel am Anfang des Konzerts. Schraubt sich schnell ins Dramatische. Die Holzbläser allen voran die Flöte hellen meine Stimmung auf. Doch nur kurz, den ein fulminantes dramatisierendes orchestrales crescendo begräbt das Helle meiner Stimmung. Dieses Spiel treibt Dvořák mit mir mehrmals. Mit den Flöten, doch immer schneller finden sie einen Gegenpart in den Streichern. Dann die Klarinette. Auch ihr Versuch meiner Stimmungsaufhellung wird durch ein erneutes orchestrales Crescendo verdüstert, diesmal streng, geradezu brutal mit Pauken und Posaunen. Ein ausgleitender Klang der Hörner beschließt den Satz.

Im anschließenden Poco adagio wogt es hin und her zwischen für mich gefühlt hellen Themen einzelner hervorgehobener Instrumente: Klarinette, Flöte, Horn und am Ende die Oboe. Der stimmungsmäßig dunklere Part fällt dem Orchester zu.

Der dritte Satz Scherzo. Vivace – Poco meno mosso – Vivace erzeugt ein klares Bild in mir. Er klingt nach frischer Luft, nach wehenden Haaren, in diesem kleinen Moment spüre ich in mir sogar herannahenden Übermut. Mein innerlich hellster Moment des Konzerts.

Montagsstück VI: Krzysztof Urbański, Bayerisches Staatsorchester, Foto: W. Hösl (c)

Dieser wird von der dunklen Ankündigung im Finale weggestoßen. Im vierten Satz fühle ich mich dann wie einer Flussläufte ausgesetzt. Immer knapp bei Luft. Manchmal hart mit Abstürzen und herausragenden Steinen kämpfend. Dann wird es ruhiger, Atem schöpfe ich. Der Schlussakkord fühlt sich in mir klar und deutlich danach an, dass ich sprudelnd Luft hole, der Fluss vereinigt sich mit einem, zweien, gar dreien anderen. Ich wirbele herum und tauche unter.

Krzysztof Urbański und das Bayerische Staatsorchester sind ein souveränes Duo. Ganz besonders bin ich heute angetan von den Holzbläsern und den Hörnern. Was sicher auch an ihren Rollen liegt. Sie sind das lichte Helle in diesem sehr gefühlsdunklen Konzert.

Frank Heublein, 8. Dezember 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Gustav Mahler Kindertotenlieder

„Nun will die Sonn’ so hell aufgehn!“

„Nun seh’ ich wohl, warum so dunkle Flammen“

„Wenn dein Mütterlein“

„Oft denk’ ich, sie sind nur ausgegangen!“

„In diesem Wetter!“

 

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