Richard Strauss’ „Elektra“ überzeugt als großbürgerliches Drama mit kriminellem Ende

Richard Strauss, Elektra,  Staatsoper Hamburg, 28. November 2021 (PREMIERE)

Das Elektra-Ensemble nach der Vorstellung: Mit schwarzer Mütze Lauri Vasar (Orest), danach Jennifer Holloway (Chrysothemis), Aušrinė Stundytė (Elektra), Violeta Urmana (Klytämnestra) und John Daszak (Aegisth) (Foto RW)

Wie Violeta Urmana der Klytämnestra darstellerisch innere Glaubwürdigkeit verleiht und zudem noch stimmliche Kompetenz zeigt, ist bewunderungswürdig. Ihr steht aber auch eine nicht minder beeindruckende, aggressiv-neurotische Elektra gegenüber, die mit Aušrinė Stundytė herausragend besetzt ist.

Staatsoper Hamburg, 28. November 2021 (PREMIERE)

von Dr. Ralf Wegner

Das antike, heroische, götterbestimmte Atridendrama um Agamemnon, seine Ehefrau Klytämnestra, deren Liebhaber Aegisth, und den Kindern Iphigenie, Elektra, Chrysothemis und Orest ist uns durchaus bekannt: Der Vater opfert Iphigenie aus politischen Motiven, Klytämnestra und Aegisth erschlagen Agamemnon. Orest wird als Kleinkind zu Bauern gegeben, Elektra will ihren Vater rächen, Chrysothemis eine bürgerliche Existenz aufbauen.

Jennifer Holloway (Chrysothemis), Aušrinė Stundytė (Elektra) und Violeta Urmana (Klytämnestra) (Foto: Monika Rittershaus)

Da alles göttlich vorbestimmt ist, konnten wir uns als Zuschauer wohlig zurücklehnen und mit Elektra fühlen, zumal wenn sie von einer Grande Dame der Opernkunst wie Birgit Nilsson gesungen und gespielt wurde. Wir gaben uns dem Rausch der Musik und der Stimmen hin und verließen damals beflügelt das Theater.

Dmitri Tcherniakov (Regie und Bühnenbild) lässt diesen inneren Rückzug nicht zu, Orest entpuppt sich am Ende als Serienmörder, dem selbst die unschuldige Chrysothemis zum Opfer fällt. Diese Deutung erklärt auch die darstellerisch sehr zurückgenommene, fast emotionslose Interpretation von Lauri Vasar, der als Orest mit seiner an sich schönen, warmen, auch emotional tragenden Stimme geizte.

Klytämnestra hat zum Tee geladen; Blick eines Serienmörders (Foto: Monika Rittershaus)

Orest ist und bleibt ein Muttermörder, was selbst in der Antike nicht gelitten wurde. Orest als modernen Serienmörder zu charakterisieren ist daher vom Regiekonzept her schlüssig. Klytämnestra (Violeta Urmana) kommt bei Tcherniakov besser weg. Sie lädt Gäste in ihre großbürgerliche Wohnung zum Nachmittagstee. Diese wie Brigitte Hahn (Aufseherin), Gabriele Rossmanith (vierte Magd) oder Hellen Kwon (5. Magd) mokieren sich über die unheimliche, psychoneurotisch auffällige älteste Tochter der Hausherrin. Wie Violeta Urmana der Klytämnestra darstellerisch innere Glaubwürdigkeit verleiht und zudem noch stimmliche Kompetenz zeigt, ist bewunderungswürdig.

Ihr steht aber auch eine nicht minder beeindruckende, aggressiv-neurotische Elektra gegenüber, die mit Aušrinė Stundytė herausragend besetzt ist. Mit schallstarker, vor allem in der Mittellage wunderbar warm und rund klingender Stimme liegt sie gut über dem Orchester (Leitung Kent Nagano). Sie überzeugt mit emotional berührenden Schwelltönen und geht völlig in der Rolle der psychisch gestörten, offensichtlich von ihrem Stiefvater missbrauchten und rachsüchtigen Elektra auf. Jennifer Holloways eher heller, nicht sehr ausladender Sopran grenzt sich dabei gut von dem etwas dunkleren Timbre Stundytės ab. John Daszak erwies sich als stimmgewaltiger Aegisth.

Insgesamt war es ein musikalisch und gesanglich herausragender Abend, zu dem auch die Interpretation durch Dmitri Tcherniakov Wesentliches beitrug. Stundytė, Urmana und Holloway wurden vom Publikum bejubelt, einzelne Missfallensäußerungen galten der Orchesterleistung und dem Inszenierungsteam. Der Beifall im voll besetzten Haus war insgesamt herzlich, aber nicht so jubelnd und so ausdauernd, wie es von der Leistung aller Mitwirkenden her, und ich schließe das Orchester unter Kent Nagano ein, meiner Meinung nach angemessen gewesen wäre.

Dr. Ralf Wegner, 29. November 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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