Berauschende Klänge und mitreißende Rhythmen begeistern beim grandiosen Konzert von Geigerin Pogostkina und den Bremer Philharmonikern

10. Philharmonisches Konzert „Rausch“  Bremen Konzerthaus, Die Glocke, 15. April 2024

Marko Letonja © Rudolf Loerinc Focus

10. Philharmonisches Konzert „Rausch“

John Adams: The Chairman Dances – Foxtrott für Orchester

Sergej Prokofjev: Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 D-Dur op. 19

Ludwig van Beethoven: Symphonie Nr. 7 A-Dur op. 92

Alina Pogostkina  Violine
Marko Letonja  Dirigent

Die Bremer Philharmoniker

Bremer Konzerthaus, Die Glocke, Großer Saal, 15. April 2024

von Gerd Klingeberg

Zweifellos würden die Bremer Philharmoniker unter Chefdirigent Marko Letonja auch als agil aufspielendes Pop-Orchester ein hervorragendes Bild abgeben. So jedenfalls der Eindruck bei John Adams’ „The Chairman Dances“. Die Entstehungsgeschichte dieses als „Foxtrott für Orchester“ 1986 uraufgeführten Werkes muss man nicht unbedingt kennen; Zeit zum Nachdenken und Sortieren bleibt ohnehin nicht beim unentwegt irgendwo zwischen anregend und aufregend tackernden, alles dominierenden Rhythmus.
Reichlich Spannung entsteht durch abrupte kurze Abbrüche, unerwartete rhythmische Verschiebungen, effektvolle Einfälle und immer wieder aufputschende Energieschübe im kaum durchschaubaren untergründigen Gewusel. Letzteres entsteht aus den geballten Aktionen der miteinander konkurrierenden Instrumentengruppen, die mal mehr, mal weniger erfolgreich in den Vordergrund zu drängen scheinen. Irgendwann folgt auf diesen überbordenden Klangrausch die unvermeidliche Erschöpfung: Das Schlagwerk wird leiser, langsamer, dazu noch ein paar müde Tonfolgen des Klaviers, dann ein Moment befreiender Stille, bis donnernder Beifall einsetzt.

Bei Sergej Prokofjevs Violinkonzert Nr.1 schaltet das Orchester in einen gänzlich anderen, ruhigeren Modus. In das hauchfeine Anfangs-Bratschentremolo fügt sich Solistin Alina Pogostkina nahtlos ein mit einer anrührenden träumerischen Melodielinie, „sognando“, genau wie in der Vortragsbezeichnung angegeben. Im nachfolgend konstant gesteigerten Fluss hält sich das Orchester in perfekter Balance zurück; lauter wird es nur bei den wenigen kurzen Momenten ohne Solopart. Die einschmeichelnd säuselnden Flöten- und Geigenharmonien am Satzende wirken wie ein Herübertönen aus geheimnisvollen, weit entfernten Sphären.

Pogostkina Nikolaj © Lund

Deutlich schwungvoller, witziger, flirrender geht es im Scherzo-Mittelsatz zur Sache. Das dirigentisch vorgegebene, ausgesprochen sportlich forsche Tempo gehen Solistin und Ensemble problemlos mit. Pogostkinas virtuoses Violinspiel imponiert gleichermaßen mit scharf attackierenden Strichen wie auch mit rasenden Läufen und verzwickt quirligen, schier endlosen Figurationen: Ein mit schier unbändiger Leidenschaft generierter geigerischer Rausch, der unvermittelt abbricht, bevor das metronomartige Ticken des Finalsatzes einsetzt. Folkloristische Elemente kommen hinzu, weichen weit ausgreifenden, mit Emphase gestrichenen romantischen Melodien, die so friedvoll und versonnen anmuten, dass man sich darin verlieren möchte. Gelegentlich unterbrechen indes kraftvolle orchestrale Einwürfe die gerade erst erlebte Idylle.

Nahezu ohne Unterbrechung ist die Solistin dabei gefordert, zunehmend im heiklen allerhöchsten Diskant, tirilierend, zwitschernd, mit zart sich entfaltenden Legato-Partien, die sie auf ihrer Stradivari perfekt zu intonieren weiß. Und auch die lang gehaltenen Schlusstöne, in extrem hoher Lage mit weit gestrecktem Finger fast schon jenseitig vom Ende des Griffbretts zu spielen, bleiben uneingeschränkt tragfähig bis zum Ende.

Die zweite Konzerthälfte gehört Beethovens Sinfonie Nr. 7. Wuchtige Tutti-Akkorde wechseln einleitend mit lyrischen Holzbläserkantilenen. Diese Gegensätzlichkeit bleibt für den gesamten weiteren Verlauf des 4-sätzigen Werkes bestimmend. Letonja setzt zunächst auf eher moderate Metren, vor allem aber auf sorgfältig angegangene, bezwingend zielstrebige dynamische Entwicklungen. Den vermeintlichen Trauermarsch, den 2. Satz Allegretto, nimmt er in eher indifferentem Tempo, nicht zu langsam, nicht zu schnell, ohne Tristesse, aber in nachsinnend gefühlvollem Pianissimo, dann allmählich zu ausgeprägter Dichte kumulierend.

Kontrastierend scharf gerät das Presto-Scherzo. Mitreißend locker, zwischen spielerisch tackendem Geflimmer und mächtigen Tutti-Eruptionen wechselnd, agiert das Ensemble in spannungsintensivem Fortissimo-Pianissimo-Wechselspiel. Und setzt mit dem noch furioseren, noch drängenderen abschließenden Allegro con brio sogar noch eins drauf. Der nahezu ununterbrochen kompakte, scharf konturierte Gesamtklang, angereichert mit hammerharten Akzenten und kurzen vielsagenden Pausenmomenten, wird zu einem großformatigen, gleißend farbintensiven Gemälde ohne störende Schattierungen, bei dem das groß besetzte Orchester seine riesige dynamische Bandbreite in extenso ausspielt.

Ein Beethoven nach Maß, auftrumpfend selbstbewusst, in passender, geradezu ekstatischer „I-am-the-Greatest“- Manier, die – so möchte man meinen – keinerlei Widerspruch zulässt. Sehr wohl jedoch, am Ende dieses berauschenden Konzert, lang anhaltenden enthusiastischen Beifall und Standing Ovations seitens des überwältigten Bremer Auditoriums.

Dr. Gerd Klingeberg, 16. April 2024, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Meisterkonzerte – Klassik für Bremen Konzerthaus Die Glocke Bremen, 10. April 2024

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