„Lucio Silla“ in Salzburg: Ádám Fischer auf Spurensuche beim jungen Mozart

Wolfgang Amadeus Mozart, Lucio Silla (semiszenische Aufführung)  Salzburger Festspiele, Felsenreitschule, 2. August 2026

Ádám Fischer Conductor, Mozarteum Orchestra Salzburg © SF/Marco Borrelli

Mozarts späteres Genie blitzt in „Lucio Silla“ bereits auf. Ádám Fischer legt diese Spuren frei, Xenia Puskarz Thomas und Nina Solodovnikova machen sie hörbar.

Wolfgang Amadeus Mozart, Lucio Silla (semiszenische Aufführung)

Salzburger Festspiele, Felsenreitschule,
2. August 2026

Ádám Fischer, Dirigent
Mozarteumorchester Salzburg
Bachchor Salzburg

Salzburger Festspiele, Felsenreitschule, 2. August 2026

von Jürgen Pathy

Dirigent Ádám Fischer könnte ich auch in Wien sehen, die Oper „Lucio Silla“ hingegen nicht. Für Mozarts Teenagerwerk aus dem Jahre 1772 muss man schon nach Salzburg. Dort hatte diese selten gespielte Opera seria einiges an Verwirrung gestiftet. Laut Wikipedia soll Cecilio, ein römischer Senator, ein Sopran sein. Als Hosenrolle war Xenia Puskarz Thomas in Salzburg zwar klar erkennbar, die Stimme aber eindeutig ein Mezzosopran. Giunia, seine Geliebte, wird hingegen als Sopran geführt, ist Nina Solodovnikova laut Programmheft auch. Dass ihre Stimme jedoch nach Mezzo klingt, bestätigt auch Ádám Fischer. „Sie ist klar ein Sopran, aber mit einer dunkleren Farbe.“

Xenia Puskarz Thomas (Cecilio), Martina Russomanno (Lucio Cinna) © SF/Marco Borrelli

Ádám Fischer energisch

Der ungarischstämmige Dirigent hat gleich zu Beginn für Aufsehen gesorgt. Auf Krücken humpelt der 76-Jährige in die Felsenreitschule in Salzburg. Was ist passiert? „Ein Muskelfaserriss – alles halb so wild“, meint er. „Das wird schon wieder.“ Dass er dennoch alles im Stehen dirigiert, tut er als Selbstverständlichkeit ab: „Beim Stehen funktioniert es, nur das Gehen ist schwierig.“

Etwas schwierig ist auch, Mozarts Frühwerk zu genießen. Dass man es in Salzburg spielt, ist lobenswert und muss auch Zuspruch erhalten. Der große Wurf ist es in Summe jedoch noch nicht. An der Wiener Staatsoper hatte man bislang nur eine Serie davon gespielt: sieben Aufführungen im Jahre Schnee – 1991. Nur als „Hommage à Jean-Pierre Ponnelle“, dessen Regie gewürdigt wurde, weil er drei Jahre zuvor verstorben war.

Ádám Fischer Conductor, Mozarteum Orchestra Salzburg © SF/Marco Borrelli

Der erste Akt ist gekennzeichnet von keiner wirklichen Charakterzeichnung. Der Jungspund Mozart hatte schon sein Talent offenbart. Die große Tonsprache und jene sofort wiedererkennbaren Melodien und Motive, die seine späteren Da Ponte-Opern prägen, sind jedoch noch Mangelware.

Dafür lässt das Mozarteumorchester Salzburg seine große Kunst erkennen. Ob auf historischen Instrumenten gespielt wird, ist nicht ganz klar. Das Blech klingt klar danach, der Streicherklang hingegen voll und rund, wie man ihn kennt.

Die einzelnen Sänger hätten in der semiszenischen Aufführung ebenfalls mehr Konturen vertragen – zumindest optisch. Allesamt weißes Hemd, schwarze Hosen – nur Lucio Silla alias Giovanni Sala tritt mit roter Jogginghose im geschmacklosen „Prolo-Marken-Stil“ auf, wie er im Osten Europas leider Einzug hält.

Xenia Puskarz Thomas (Cecilio), Lilit Davtyan (Celia), Giovanni Sala (Lucio Silla), Xenia Puskarz Thomas (Cecilio) © SF/Marco Borrelli

Xenia Puskarz Thomas rüttelt den jungen Mozart wach

Hervorsticht jedoch eine Partie: die des bereits erwähnten Cecilio, der in der Stimme von Mezzosopranistin Xenia Puskarz Thomas alle Farben, Register und Schattierungen bedient, wie man sie sich vorstellen mag. Keine andere Stimme ist von Anbeginn derart präsent, raumfüllend und kopfverdrehend. Das heißt: Wuum, ein Ton und man ist hellhörig, weil ihr Timbre, ihre Ausdruckskraft und die Färbung derart beeindruckend wirken. Der Bachchor Salzburg ist ebenfalls eine Riesenbereicherung und füllt jeden der drei Akte mit einer großen Schlussszene. Zum Ende taucht auch Nina Solodovnikova als Giunia ganz tief in die große Kunst von Mozart und lässt ihr ganzes Können aufblitzen. Für eine großartige Donna Anna wäre sie definitiv gerüstet.

Typisch Opera seria

Die Geschichte der Oper ist schnell erklärt. Der römische Diktator Lucio Silla will Giunia für sich gewinnen, obwohl sie den verbannten Cecilio liebt. Als Cecilio heimlich nach Rom zurückkehrt, drohen Machtkampf, Rache und ein Attentat auf Silla. Doch am Ende verzichtet Silla auf Gewalt, begnadigt seine Gegner und gibt das Liebespaar frei. Opera seria halt, eine Huldigung der Milde der Herrscher. Die Opera buffa war sicherlich eher Mozarts Metier, allein schon von seiner Einstellung her. Er hat gefeiert, gespielt, Schmutzwörter verwendet und sich gegen die Konventionen gewehrt.

Giovanni Sala (Lucio Silla), Lilit Davtyan (Celia) © SF/Marco Borrelli

Musikalisch hat das junge Genie hier allerdings die Weichen gestellt. Wo die Musik des Komturs („Don Giovanni“) ihre Wurzeln hat, weiß man, nachdem man „Lucio Silla“ gehört hat. Ebenso, und zwar zum Schluss hin deutlich, wo Donna Anna („Don Giovanni“) ihren Ursprung findet. Dass der Sesto („La clemenza di Tito“) schon im 16-jährigen Mozart geschlummert hat, ist ebenso unüberhörbar wie die Königin der Nacht („Die Zauberflöte“).

Dem Tenor gibt Mozart hier mehr zu erzählen, als groß zu glänzen. Kennt man vom „Titus“. Tenor Giovanni Sala gestaltet die Rezitative mit geschmeidigem Timbre und hält die Geschichte im Fluss. Freut das Salzburger Publikum enorm, das trotz Frühwerk die Felsenreitschule füllt. Und das, obwohl die großen Namen hier fehlen. Wenig Prominenz auch auf den Tribünen, bis auf Salzburgs Landeshauptfrau Karoline Edstadler, die bei den Salzburger Festspielen gerade ziemlich präsent ist.

Jürgen Pathy, 3. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Gustav Mahler, Symphonie Nr. 2 c-Moll „Auferstehung Salzburger Festspiele, Großes Festspielhaus, 27. Juli 2026

Georges Bizet, Carmen Salzburger Festspiele, Großes Festspielhaus, 26. Juli 2026 (Premiere)

CD-Rezension: Wolfgang Amadeus Mozart  Lucio Silla, klassik-begeistert.de

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