Sternzeichen Mahler 3 Ádám Fischer © Susanne Diesner
Im 100. Jubiläumsjahr der Düsseldorfer Tonhalle darf auch der womöglich größte aller Sinfoniker nicht fehlen. Gustav Mahlers dritte Sinfonie ist schon wegen ihrer Länge immer wieder eine Herausforderung, entführt sie als eine Art musikalischer Evolutionszyklus doch quer durch die Stationen des Lebens bis zur größtmöglichen Liebe. Welchen größeren Liebesbeweis an die eigene Spielstätte könnte es da geben, als dieses Prachtwerk der Orchestertradition aufzuführen? So mag man es vielleicht deuten, dass sich die Düsseldorfer Symphoniker dieser Herausforderung stellen. Und das, obwohl ihr Chefdirigent Ádám Fischer (77) zur Einführung bemerkt, dass er dieses Werk von allen Mahler-Sinfonien bisher am seltensten aufgeführt hat.
Tonhalle Düsseldorf, 2. Oktober 2026
Erich Wolfgang Korngold – Vier kleine Karikaturen für Kinder op. 19 (Einrichtung für zwei Harfen und Glockenspiel) (1926)
Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 3 d-Moll (1895–96, rev. 1899)
Düsseldorfer Symphoniker
Damen des Städtischen Musikvereins zu Düsseldorf
Dennis Hansel-Dinar, Einstudierung
Jugendchor der Akademie für Chor und Musiktheater
Justine Wanat, Einstudierung
Ádám Fischer, Dirigent
Catriona Morison, Alt
von Daniel Janz
Aus Karikatur wird Weltenmusik – Korngold gegen Mahler
Dabei bleibt sich das Orchester treu, im Jubiläumsjahr auch ein Werk aufzuführen, das genauso alt wie die Tonhalle ist. Heute trifft es Korngold mit seinen selten gespielten „Vier kleinen Karikaturen für Kinder“. Wobei „Kinder“ wohl ironisch gemeint ist – immerhin zog er hier frech vier Vertreter der Moderne durch den Kakao.
Darunter Strawinsky, Schönberg und Hindemith, deren Stilsprachen er aufgreift, scharf überzeichnet und von beiden Harfen und Glockenspiel schrill runterklimpern lässt. Das klingt tatsächlich, als würden Kinder wahllos irgendwo draufhauen. Nur mit dem Unterschied, dass diese vier Karikaturen gestandene Komponistengrößen bloßstellen. Korngold hat wohl nicht viel von deren Klangsprache gehalten. Dennoch ergibt seine Schmähmusik ein charmantes, kleines Häppchen mit Unterhaltungswert. Hätte es das gebraucht? Nicht unbedingt. Aber es füllt den Abend mit Spannung.
Diese Beleidigung unter Kollegen ist auch schnell vergessen, als es dann in Mahlers Weltenepos geht. Voller Klang, breiten Figuren und Zusammenhängen durch das ganze Werk – ja, selbst in der Königsklasse der Sinfonie sticht dieses Werk noch einmal besonders heraus. Dass Ádám Fischer diesen musikalischen Monolithen so selten aufgeführt haben will, merkt man ihm auch nicht an. Immerhin dirigiert er das komplette Werk – deutlich über 90 Minuten Musik – vollständig aus dem Kopf.

Auch sonst lässt sich seine Leistung sehen. Bis auf ein wenig zu viel Hast im zweiten Satz gibt er sich keine Blöße. Einsätze setzt er gezielt, Tempi wählt er mit Bedacht und die strahlenden Momente streicht er gut heraus. Damit gestaltet er insgesamt maßgeblich eine Aufführung, die sich vor allem an den Einzelleistungen entscheidet.
Ungünstige Raumakustik oder Akzentuierung? Instrumentale Einzelleistungen ergeben ein gemischtes Bild
Womit wir zum Punkt kommen. Denn zum Gelingen gehört ein funktionierendes Orchester. Die Düsseldorfer Symphoniker erscheinen heute auch in guter Verfassung und spielen mit Freude an der Musik. Trotzdem fallen dem Rezensenten an seinem Sitzplatz wieder Unstimmigkeiten in der Balance auf. Die Streicher stellen sich durchweg als fantastischer Klangkörper dar. Differenziert und mit Lebendigkeit setzen sie die Akzente um, die Ádám Fischer ihnen angibt. Die Soli der ersten Violine sind gar regelrechte Freude. Unterstützung finden sie auch bei den Harfen, die die ganze Sinfonie hindurch ihre wunderbaren Klänge zelebrieren.

Herz und Kern dieses Orchesters ist die unglaublich kraftvolle und über fast alle Zweifel erhabene Horngruppe. Der erste Satz wird maßgeblich durch sie getragen. Aber auch in den anderen Sätzen prägen sie das Geschehen. Ergänzt werden sie auch durch die vollen Posaunen und Tuba, die schön viel Kraft versprühen. Auch hier ist der Solist (das Posaunensolo im ersten Satz!) über jegliche Zweifel erhaben.
Diese Kraft birgt gegenüber anderen Instrumenten aber auch Nachteile. So spielen die Trompeten stets sauber und empfindsam, in vielen Passagen geradezu zärtlich. Doch im Tutti gehen sie gegen die dominanten Hörner häufig unter. Dadurch fehlt es in der Höhe oft erheblich an Durchschlagskraft; einige ihrer herrlichen Klangspitzen sind schlecht zu hören. Schade, das nimmt dieser Sinfonie auch von ihrer Strahlkraft.
Ähnlich gestaltet es sich mit den Holzbläsern. Durch die Reihen weg sind die Flöten und die Fagotte am präsentesten. Die Klarinetten stechen indes erst ab Satz 3 hervor, davor sind auch sie kaum hörbar. Und von den hohen Doppelrohrblättern ist nur das Englischhorn mit warmem Klang und güldener Sinnlichkeit stets wahrnehmbar, während die Oboen bis auf wenige Soli im Gesamtklang zu unscheinbar bleiben.
Ein differenzierteres Bild gibt auch das Schlagzeug ab. Pauken und große Trommel sind von Anfang bis zum Ende mit Kraft, Leidenschaft aber auch Sensibilität an leisen Stellen präsent. Und Glockenspiel und Triangel setzen klare Akzente, während kleine Trommel und Becken im ersten Satz zunächst etwas zaghaft wirken, sich im Verlauf der Sinfonie aber steigern. Das Tamtam ist indes eine herbe Enttäuschung, denn für den Rezensenten ist es kein einziges Mal zu hören: Weder im ersten Satz mit seinen Kraftausbrüchen, noch im Aufschrei, der den dritten Satz beendet, noch im fünften.
Auch die Sonder-Einsätze erzeugen gemischte Gefühle. Dass das Posthorn-Solo mit seinen schwindend hohen Tönen im dritten Satz mal wieder schiefgeht, kennt man ja inzwischen.

Als Catriona Morison (40) für ihr Solo aber auf der Empore den Saal betritt, fürchtet man bereits eine Enttäuschung, wie schon in Köln vor noch nicht allzu langer Zeit. Zum Glück beseitigt die in Edinburgh geborene Mezzosopranistin diese Zweifel sofort. Mit Inbrunst und Sensibilität breitet sie das Gefühl menschlicher Sehnsucht in ihrem klaren Gesang aus, in dem jedes Wort zur Zier wird. Mit gerade genug Vibrato, um stets das Orchester zu überragen aber ohne Ausdruck zu verlieren liefert sie im vierten und fünften Satz die gesangliche Bestleistung heute Abend.

Und das sowohl gegen den wunderbaren Frauen- als auch Kinder-Chor, die Satz 5 mit Freude und Zärtlichkeit auskleiden, dabei aber nicht immer textverständlich sind.
Trotz einiger Detailschwächen ergibt sich am Ende aber eine mitreißend ergreifende Aufführung, die das Publikum über weitere Strecken begeistern kann. Das ist eben die große Magie Mahlers: Seine Musik muss nicht perfekt aufgeführt sein, um viel Schönes auszulösen.
Und beim tosenden Schlussapplaus steht auch ein Großteil der Zuhörer auf. Minuten lang findet deren Jubel kein Ende. Letztendlich war Mahlers dritte auch diesmal ein volles Erfolgserlebnis. Wenn der Mut zu seltener aufgeführten Werken solche Ergebnisse bringt, darf man das gerne öfter wiederholen!
Daniel Janz, 4. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Mahlers 3. mit Yannick Nézet-Séguin und Joyce DiDonato Philharmonie Berlin, 21. Mai 2026
Gustav Mahler, Symphonie Nr. 3 d-Moll, Andris Nelsons, Dirigent Musikverein Wien, 2. Mai 2026