Gershwin © Joe Ciardiello
Höchste Zeit sich als Musikliebhaber einmal neu mit der eigenen CD-Sammlung oder der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen.
Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der so genannten „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese teilweise sarkastische, teilweise brutal ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.
von Daniel Janz
Wer kennt sie nicht, die „Rhapsody in Blue“? Glaubt man Radiostationen und Konzerthäusern, dann gehört dieses Werk zu den meistgespielten Stücken der Konzertmusik. Regelmäßig thront es in Hitlisten der „Klassischen Musik“ ganz oben, oftmals sogar in den Top 10 der Zuhörerlieblinge. Es scheint, als wäre dies ein Publikumsmagnet und Lieblingsstück der breiten Mehrheit schlechthin. Dabei könnte es kaum ein Stück geben, das weniger mit „Klassischer Musik“ zu tun hat …
Schon seine Entstehungsgeschichte gehört zu den Kuriositäten der Musikgeschichte. Dass es überhaupt existiert, ist ein kleines Wunder. Denn George Gershwin, der von Paul Whiteman 1924 zur Teilnahme an einem Jazzkonzert durch Komposition eines entsprechenden Stücks aufgefordert worden war, hatte zunächst überhaupt kein Interesse daran. Nur, weil Whiteman ihn ungefragt auf die Teilnehmerliste für jenes berüchtigte Konzert setzte, begann Gershwin überhaupt mit der Arbeit an diesem Werk. Zum späteren Ruhm trug dann bei, dass es in jenem Konzert als vorletztes erklang. Offenbar hatten die Kompositionen davor nur wenig begeistert. Vielleicht versetzte „Rhapsody in Blue“ das Publikum auch deshalb in Euphorie.
Heute ist „Rhapsody in Blue“ ein breit diskutiertes Kultstück. Viel zu oft begegnet man ihm im Konzert oder Radio. Zugegeben – das Stück macht es einem einfach. Ohrwurmcharakter hat bereits das markante (und nur unabsichtlich entstandene) Klarinettenglissando zum Anfang der Komposition. Auch der swingende Blues-Charakter des ersten Hauptthemas ist etwas, was in einzelnen Instrumenten sowie im vollen Orchester gut zur Geltung kommt. Und gleichzeitig bietet diese Musik selbst bis heute noch genug fremdartige Klänge, dass sie sich zu den übrigen Klassikern in geradezu moderner Weise abgrenzt und durch ihren lockeren Charakter hervorsticht.
Geht man aber über den Ersteindruck hinaus, verpufft der Effekt schnell. Das beginnt bereit beim Komponisten: Gershwin ist neben diesem glücklichen Volltreffer bei uns ziemlich unbekannt, ja fast vergessen. Das ist auch kein Wunder. So gut wie nichts verband diesen als Blues- & Jazz-Komponisten sowie als Improvisateur bekannten Künstler mit „Klassischer Musik“. Von sinfonischen Formen oder Orchestersatz hatte er bis zuletzt keine Ahnung. So geht die heute bekannte Version für Sinfonieorchester auch nicht auf ihn, sondern auf Ferde Grofé zurück.
Und da beginnt das Manko, denn technisch ist diese „Komposition“ selbst in Grofés Version nichts Anderes, als eine Aneinanderreihung von (harmonisch variierten) Wiederholungen. Form? Funktionalität? Thematische Arbeit? Entwicklung? Alles jenseits vom Improvisationstalent am Klavier entweder nicht vorhanden oder nur primitiv gestaltet. Das Stück setzt zwar Ansprüche an die Filigranität des Pianisten, ist aber ansonsten so platt, plump und simpel, dass selbst berüchtigte Werke, wie Ravels Boléro oder Schostakowitschs siebte Sinfonie ihm den Rang ablaufen.
Dieses Manko fiel auch schon Zeitzeugen auf. Bereits zur Uraufführung gab es ein breites Maß an Meinungen, die von völliger Begeisterung bis hin zu totaler Ablehnung reichten. Und sogar Fürsprecher, wie Olin Dowes von der New York Times, erkannten das außergewöhnliche Talent eines Komponisten, „der mit einer Form kämpft, von deren Beherrschung er weit entfernt ist“. Lawrence Gilman vom New York Tribune attestierte stattdessen, „wie kitschig und flach die Harmonien (…) versteckt unter einem umständlichen und wertlosen Kontrapunkt“ seien.
Auch andere Künstler taten sich schwer. So sind ablehnende Worte unter Anderem von Schönberg überliefert, der im Gegensatz zu Gershwin mit seiner Musik bis heute zum Publikumsverdruss beiträgt: „Der Eindruck ist der einer Improvisation (…)[vergleichbar] mit einer schwungvollen Rede, die enttäuschen mag, wenn man sie liest“. Selbst im späten 20. Jahrhundert riss die Kritik nicht ab. Noch 1982 meinte Leonard Bernstein, der dieses Werk schätzte, mehrfach aufführte und sogar selbst spielte: „[Dies] ist keine Komposition im wahren Sinne des Wortes. Dazu fehlt es ihr an innerer Konsequenz und Folgerichtigkeit. Alles scheint willkürlich.“
Trotzdem ist ihr Bann bis heute ungebrochen. Es ist, als wäre das Publikum süchtig danach. Ob dies an der ständigen Wiederholung im Konzertbetrieb, an der simplen Struktur oder an Bequemlichkeit liegt, kann man nur spekulieren. Einleuchtender scheint, dass die „Rhapsody in Blue“ durch ihren abwechslungsreichen Charakter und scharfen Kontrast zur ansonsten oft anspruchsvollen, formal überstrukturierten „Kunstmusik“ wohl ein Bedürfnis nach intuitiv verständlicher Musik erfüllt. Inzwischen gehört sie jedenfalls zu denjenigen Traditionen, die im Konzertbetrieb zementiert zu sein scheinen, egal wie viel oder wenig Qualität sie zu bieten haben.
Mit dieser Feststellung ist „Rhapsody in Blue“ auch Beweis dafür, dass es nicht das ausgefallene, technisch versierte oder weltbewegend neue Klangereignis braucht, um einen Klassiker zu schaffen. Aus Publikumsperspektive scheinen Eingängigkeit, Wiederholung und Charme viel wichtiger zu sein. Abwechslung würde ich zwar auch als wichtigen Punkt nennen. Die Beliebtheit von „Rhapsody in Blue“ und anderen Klassikern, wie dem bereits genannten Boléro, zeigt aber, dass es schon reicht, wenn Abwechslung nur die Klangfarbe oder das Instrument betrifft. Ob damit gute Musik geschaffen werden kann, darf herzlich bezweifelt werden. Die technische Armut dieser Komposition geht ja so weit, dass sie sogar Gershwin selber auffiel.
Aber es reicht, um bis heute publikumswirksam zu sein. Und wenn das etwas aussagt, dann wohl vor allem, dass Form und Qualität weniger wichtig zu sein scheinen, als der Ohrwurmcharakter. Das führt aber gleichzeitig auch alle Formkritik ab absurdum, die bis heute ja vor allem von Musiktheoretikern herangezogen wird, um eine Auswahl „meisterhafter Komponisten“ anderen gegenüber künstlich zu erhöhen. Wenn das Publikum aber doch auf diese Art Qualitätsmerkmale pfeift, warum spielt sie dann bis heute eine so übergeordnete Rolle?
Wir müssen uns also fragen, welches Fazit wir für uns selbst gelten lassen wollen. Ich jedenfalls kann die „Rhapsody in Blue“ nicht ausstehen; mir ist sie zu platt und oberflächlich. Stattdessen wünsche ich mir auch in moderner Orchestermusik einen gewissen Anspruch, Weitblick und Entwicklung, wenn auch nicht auf Kosten der Eingängigkeit. Wie ist es mit Ihnen?
Daniel Janz, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Bernstein, Gershwin, Ravel, Mahler 1 6. August 2026, Kurhaus Wiesbaden, Friedrich-von-Thiersch-Saal
Neujahrskonzert in Lübeck Musik- und Kongresshalle, Lübeck, 1. Januar 2025
Sehr geehrter Herr Janz, welche Musikstücke finden Sie eigentlich gut?
Hartmut Funke
Lieber Herr Funke,
die Frage kann ich leicht beantworten, 9 meiner Lieblings-Werke habe ich tatsächlich schon auf diesem Blog vorgestellt unter der Rubrik „meine Lieblingsmusik“. Aber für Sie der Vollständigkeit halber hier gerne auch noch einmal als Liste:
1.) Richard Strauss: Eine Alpensinfonie
2.) Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 3
3.) Camille Saint-Saëns: Sinfonie Nr. 3
4.) Dmitri Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 4
5.) Richard Strauss: Ein Heldenleben
6.) Sergej Prokofjew: Skythische Suite
7.) Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 4
8.) Richard Strauss: Tod und Verklärung
9.) Gustav Holst: Die Planeten
Und das sind jetzt nur diejenigen, bei denen mir die Wahl der Reihenfolge leicht fällt. Von diesen 9 persönlichen Favoriten abgesehen gibt es noch dutzende weitere Werke, die mir gefallen. Und über viele von denen habe ich auch schon in meiner Kolumne über die „vergessenen Klassiker“ berichtet. Wobei ich mir da durchaus vorstellen kann, dass sich diese Liste in Zukunft noch erweitern wird.
Daniel Janz
Lieber Kollege Janz,
mit einigem Interesse habe ich Ihre Kolumne verfolgt – inzwischen gibt es ja schon eine erkleckliche Anzahl. Chapeau!
Allerdings frage ich mich zunehmend, was Ihre Intention dabei ist. Nicht, dass ich Ihre musikwissenschaftlichen Details hier diskutieren wollte. Aber Musik als Erlebnis ist nur bedingt an derartigen Details auszumachen. Ich möchte sogar behaupten, dass Musikwissenschaft (bzw. auch Musikpsychologie) nicht darauf angelegt ist, besser noch: gar nicht dazu in der Lage ist, exakte Aussagen darüber machen zu können, was den einzelnen Hörer begeistert, was ihn berührt und warum er ein bestimmtes Werk eben einfach nur mag. Geschmäcker sind verschieden; man kann bekanntermaßen nicht über sie streiten. Dass Ihnen so vieles nicht gefällt, dass Sie mancher Werke sogar überdrüssig sind, ist halt so. Aber ich möchte mir – so wie vermutlich viele andere Musikliebhaber auch – nicht erklären lassen, warum dieses oder jenes Werk es nicht wert ist, gemocht zu werden. Den Sarkasmus, den Sie für Ihre Texte in Anspruch nehmen, kann ich i.Ü. leider nicht erkennen. Die Begeisterung für Klassik, die unseren Blog lt. Titel ausmacht, möchte ich mir nicht nehmen lassen, sondern vielmehr mit meiner Begeisterung andere mitreißen und anstecken – nicht mit Frust (sorry für meine Ehrlichkeit).
Beste Grüße
Gerd Klingeberg
Lieber Herr Klingenberg,
das wäre ja auch schade, wenn Sie Ihren Geschmack von den Werturteilen meiner Beiträge abhängig machen würden. Und wie das Intro zu meiner Kolumne schon sagt: Oft geht es weniger um die Qualität der Werke sondern eher darum, im welchen Kontext sie verwendet und/oder entfremdet werden.
Was wir uns aber fragen müssen, ist, ob diese Werke, die wir heranziehen, um Anderen Klassik nahezubringen, wirklich dafür geeeignet sind. Sie werden festgestellt haben, dass in dieser Kolumne vor allem Stücke auftauchen, die im Konzertbetrieb in regelmäßiger Wiederkehr zu finden sind. Und ein Großteil dieser Werke wird von uns Experten geschätzt, aber gleichzeitig werden genau diese Werke von klassik-fernem Publikum als Grund dafür herangezogen, warum dieses Publikum sich für Klassik nicht erwärmen kann. Wenn also die vermeintlichen Meisterwerke neues Publikum eher abschrecken als es anzulocken, dann stimmt etwas mit unserem Selbstverständnis und mit unserer Ansicht, was denn wirklich die Meisterwerke der Musikgeschichte sind, nicht. Musik, die man erst studieren muss, um sie zu mögen, bringt schlicht nicht das intuitive Erlebnis, zu dem jeder hörfähige Mensch fähig ist. Und diesen Umstand aufzuzeigen, mit dem wir unserer eigenen Musikkultur schaden, ist der Kerngedanke meiner beiden Kolumnen: Die Anti-Klassiker um zu zeigen, was schief läuft. Und die Vergessenen Klassiker, um zu zeigen, was für Alternativen es gäbe. Deshalb finden die Anti-Klassiker nach 60 Beiträgen auch ihr Ende, während die Vergessenen Klassiker kapazitätsbedingt aktuell bei 45 Beiträgen pausiert sind. Aber wenn es nur nach meinem Wunsch gehen würde, schreibe ich die Vergessenen Klassiker noch mit der Zeit weiter (alleine in meinem Backlog habe ich noch mehr als 100 tolle Stücke, die ganz intuitiv begeistern können aber leider fast nie gespielt werden, und es werden regelmäßig mehr).
Herzlichst,
Daniel Janz
Lieber Daniel,
Du schreibst: „Sie werden festgestellt haben, dass in dieser Kolumne vor allem Stücke auftauchen, die im Konzertbetrieb in regelmäßiger Wiederkehr zu finden sind. Und ein Großteil dieser Werke wird von uns Experten geschätzt, aber gleichzeitig werden genau diese Werke von klassik-fernem Publikum als Grund dafür herangezogen, warum dieses Publikum sich für Klassik nicht erwärmen kann.“
Das entspricht nicht den Tatsachen: Das sogenannte „klassik-ferne“ Publikum schätzt doch GERADE die so genannten gängigen Stücke, Werke und Opern und NICHT „komplizierte Stücke“ für klassik-affine Menschen. Also die meisten Menschen ohne große Klassikerfahrung schätzen Bizets Oper CARMEN VIEL mehr als Richard Strauss’ Tod und Verklärung.
Herzlich,
Andreas Schmidt, Herausgeber