Was beim Kieler Ballett mittlerweile erreicht wurde, gleicht einem Ballettwunder

Don Quichotte, Ballett von Denis Matvienko  PREMIERE – Opernhaus Kiel, 24. Oktober 2026

Vitalii Netrunenko (Gamache), Leisa Martínez Santana (Kitri), Rauan Orazbayev (Basilio), Virginia Tomarchio (Mercedes), Espada (Vitor Vaz) (Foto: RW)

PREMIERE +++ Don Quichotte, Ballett +++ Opernhaus Kiel, 24. Oktober 2026

Aus auswärtiger Sicht gleicht es einem Wunder, was unter dem Direktorat von Yaroslav Ivanenko und seiner Stellvertreterin Heather Jurgensen in den letzten 15 Jahren aufgebaut wurde. Unter ihrer Ägide hat sich in Kiel ein Ensemble versammelt, welches in der Lage ist, selbst die großen klassischen Ballette überzeugend auf die Bühne zu bringen.

Don Quichotte, Ballett von Denis Matvienko

Choreographie von Denis Matvienko nach Marius Petipa und Alexander Gorski

Ausstattung:  Heiko Mönnich
Musik:  Léon Minkus u.a.

Philharmonisches Orchester Kiel, Leitung:  Chengling Li

Opernhaus Kiel, Premiere, 24. Oktober 2026

von Dr. Ralf Wegner

Mit Don Quijote (auch Don Quixote oder Don Quichotte) schuf der Spanier Miguel de Cervantes vor mehr als 400 Jahren den ersten modernen europäischen Roman. Die Namen des empathischen, aber auch naiven, manchmal verrückten, einer eingebildeten Dame Dulcinea nachjagenden ritterlichen Träumers und seines bauernschlauen Helfers Sancho Pansa haben sich tief in unser Kulturgedächtnis eingegraben; der mehr als 1000 Seiten fassende Roman dagegen eher nicht. Fast zwiebelschalenartig baut Cervantes mehrere verschachtelte Novellen in die immer wieder unterbrochene Rahmenhandlung ein.

Nur eine davon ist die Geschichte von Camachos (im Ballett Gamasche) Hochzeit mit Quitéria (im Ballett Kitri) und Basilios List. Der arme Bauernsohn Basilio verhindert die Hochzeit der von ihm geliebten Quitéria mit dem reichen Camacho, indem er sich vor dem Brautpaar den vermeintlichen Todesstoß versetzt und den Priester bittet, die schöne Quitéria ihm anzutrauen. Camacho könne ja mit der Witwe sein Glück finden. Als Camacho die List des Bauernsohns, verspätet, erkennt, droht Streit zwischen den Parteien. Don Quijote schlichtet: Es ist wider Recht und Vernunft, Rache zu suchen für Kränkungen, die die Liebe uns zugefügt.

Virginia Tomarchio (Mercedes) und Vitor Vaz (Espada) (Foto: RW)

Die Urfassung des heute weltweit gespielten Ballettklassikers erdachte sich Marius Petipa. 1869 brachte er seine Choreographie im Moskauer Bolschoi-Theater auf die Bühne. Eine weitgehende Bearbeitung erfolgte 1900 durch Alexander Gorski. Auf diese beiden Künstler bezog sich auch die gestern in Kiel als Don Quichotte premierte Fassung von Denis Matvienko. Er kürzte manches, wie die verschlungene Geschichte im Zigeunerlager (in der Kieler Aufführung Gitanos, als Untergruppe der vor rund 600 Jahren nach Spanien eingewanderten Roma, genannt) und fügte anderes hinzu, vor allem um der Figur des Camacho mehr Möglichkeiten zum Tanzen zu geben. Die höchste tänzerische Anforderungen stellenden Paradestücke des Balletts blieben aber auch bei Matvienko erhalten.

Es ist schon erstaunlich, mit wie vielen Tänzern das Kieler Ballett für die Rolle des Basilio aufwarten kann. Die Premiere tanzte der in St. Petersburg ausgebildete, seit 2012 in Kiel engagierte Rauan Orazbayev mit kraftvollen Sprüngen und beeindruckenden barrel turns mit integrierten Drehungen beim Grand Pas de deux. Leider wirkte Orazbayev während der Vorstellung darstellerisch, vor allem auch mimisch recht angespannt. Das übertrug sich auch auf die bezaubernde Leisa Martínez Santana, welche als Kitri von Nervosität, welche sich auch auf den Tanz auswirkte, nicht frei blieb.

Ganz anders, so als ob sie schon die dritte Vorstellung hinter sich hätten, trat das zweite Paar Virginia Tomarchio (Mercedes) und Vitor Vaz (der Torero Espada) auf. Der erst 21-jährige Brasilianer Vaz ging von Anbeginn in seiner Rolle auf und beeindruckte tänzerisch ebenso wie seine Partnerin mit spürbarer Körperspannung und dynamischer Körpersprache. Vitor Vaz wird in einer der folgenden Vorstellungen ebenso den Basilio tanzen wie der 23-jährige Portugiese Vasco Yu Belo. Yu Belo erwies sich beim Gitano-Solo im zweiten Bild als darstellerisch überaus präsent, sprungmächtig und, wenn ich es richtig beobachtet habe, wagte er sich eingangs an den 540-Grad Drehsprung. Seine Partnerin war Sabina Faskhi. Beide tauchten im Tagesbesetzungszettel nicht auf, ein Versehen?

Llewelyn Malan (Don Quichotte), Keito Yamamoto (Königin der Dryaden), Vitalii Netrunenko (Gamasche) (Foto: RW)

Die seit 2015 in Kiel engagierte japanische Tänzerin Keito Yamamoto ist schon seit langem eine Stütze des klassischen Repertoires beim Kieler Ballett. Schon als Giselle und Schneewittchen zeigte sie ihr technisches Können und beeindruckte mit vollendeter klassischer Bewegungsharmonie. Bei der gestrigen Aufführung war sie als perfekte Königin der Dryaden sowie als eine der beiden Freundinnen Kitris besetzt. Auch Yamamoto wird in eine der Folgevorstellungen die Partie der Kitri tanzen, genauso wie die gestern als Amor und ebenfalls als Freundin Kitris besetzte quirlige Noëlie Amouroux-Andrieu.

Wie stellt man sich einen Don Quichotte vor? Genauso wie ihn Llewelyn Malan gestern auf die Bühne brachte: groß, eher hager, langer schmaler, etwas ausgezehrt wirkender Kopf mit wirrem Haar und stets so ernst blickend, als ob sich vorne das nächste Ritterheer gegen ihn versammelte. Mit Vitalii Netrunenko trat als Gamasche eine weitere Stütze des Kieler Ballettensembles auf. Vor zwei Jahren hatten wir ihn hier bereits als Albrecht in Giselle bewundern dürfen. Eigentlich zeichnet sich  die Rolle des Gamasche mehr durch Pantomime als durch Tanz aus. In der Hamburger Nurejew-Fassung dieses Balletts zeigte damals Konstantin Tselikov sein großes komödiantisches Können. Dem stand Netrunenko nicht nach, zudem durfte er auch sein tänzerisches Können unter Beweis stellen. Der Choreograph Denis Matvienko wertete seine Partie auch insoweit auf, als es nicht Basilio war, der sich in den vermeintlichen Tod stürzte, sondern Gamasche, der sich um seiner Zurückweisung willen den Strick um den Hals legte. Schließlich zog er glücklich von dannen, als er von den Tänzerinnen ein Tutu umgelegt bekam.

Die naturalistische Ausstattung schuf Heiko Mönnich. Sowohl das Bühnenbild als auch die Kostüme wirkten licht und leicht, weniger dem grellen Licht und den scharfen Schatten der zentralspanischen Landschaft verbunden. Beim dritten Bild, dem Dryadenakt, gab es sogar zaghaften Zwischenapplaus. Seitlich von hellblauen Vorhängen umrahmt zeigte sich im Hintergrund eine Waldesallee mit hochstrebenden Mammutbäumen.

Das Publikum reagierte am Ende der Vorstellung mit großem Jubel und anhaltendem Beifall für alle Beteiligten. Insgesamt waren es wohl nahezu 30 Aktive, die sich auf der Bühne versammelten. Denn neben den Tänzerinnen und Tänzern des Kieler Balletts trugen noch Mitglieder der Statisterie des Theaters Kiel sowie der Ballettakademie am Theater Kiel zum Gelingen der Vorstellung bei.

Fazit: Aus auswärtiger Sicht gleicht es einem Wunder, was unter dem Direktorat von Yaroslav Ivanenko und seiner Stellvertreterin Heather Jurgensen in den letzten 15 Jahren aufgebaut wurde. Unter ihrer Ägide hat sich in Kiel ein Ensemble versammelt, welches in der Lage ist, die großen klassischen Ballette überzeugend auf die Bühne zu bringen. Zudem verfügt das Ensemble mittlerweile nicht nur über einzelne hervorgehobene Solisten, sondern mit den neu engagierten jüngeren Tänzern auch über hoffnungsvolle Kräfte, die zum mehrfachen Wiedersehen dieses klassischen Balletts in wechselnden Besetzungen einladen. Weitere Aufführungen wird es bis in den März 2027 hinein geben.

Dr. Ralf Wegner, 25. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Schneewittchen, Ballett von Jaroslav Ivanenko Theater Kiel, Ballett Kiel, 13. Dezember 2025 PREMIERE

Schwanensee, Ballett von Yaroslav Ivanenko Theater Kiel, Ballett Kiel, 13. Dezember 2024

Giselle, romantisches Ballett in zwei Akten Ballett Kiel, Premiere am 20. Januar 2024

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