Ihrem Ende eilen sie zu, die Bayreuther Festspiele 2026!

Bayreuther Festspiele 2026 Retrospektive  Bayreuth, 22. August 2026

Foto: Hans Martin Gräbner Photo Andreas Ströbl

Eine persönliche Retrospektive zur Premierenwoche

Das ganze Jahr freut man sich auf Bayreuth, und ebenso rasch, wie der listige Loge auftaucht und wieder verschwindet, sind die intensiven Tage auch schon wieder herum. Tröstlich ist, dass, ebenso wie Weihnachten auch heuer am 24. Dezember stattfinden wird, es im nächsten Sommer wieder Festspiele auf dem Grünen Hügel gibt.

von Dr. Andreas Ströbl

Ein „Rienzi“, der alle überrascht hat

„Großartig“, „genialisch“, „begeisternd“, „grandios“ – die Presse wartete zu Recht mit vielen lobpreisenden Adjektiven nach dem ersten „Rienzi“ auf dem Grünen Hügel auf. Wagners Frühwerk in der intelligenten Inszenierung von Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, unter dem Dirigat von Nathalie Stutzmann und mit einem phantastisch kraftvollen, aber auch sensiblen Andreas Schager in der Titelrolle erglänzte als angemessener Auftakt zu den diesjährigen Festspielen – nach Beethovens „Neunter“ und würdiger Gedenkveranstaltung (https://klassik-begeistert.de/richard-wagner-rienzi-der-letzte-der-tribunen-bayreuther-festspiele-26-juli-2026/).

„In diesem Werk steckt bereits so viel von dem, was später kommen sollte. Ohne „Rienzi“ gäbe es keinen „Ring“ und keinen „Parsifal““, so Nathalie Stutzmann im BR-Interview. Übrigens ist die Dirigentin auch im persönlichen Gespräch nahbar und herzlich – die Komplimente zur feinfühligen und umsichtigen Leitung des Bayreuther Festspielorchesters nahm sie mit aufrichtiger Freude entgegen.

Erhellend in der Diskussion war das kritische Hinterfragen des bemühten Attributs „Hitlers Lieblingsoper“, was sich so, abgesehen von der Verwendung der Musik auf Reichsparteitagen, so tatsächlich nicht halten lässt. Es ist ja, genau gesehen, beim „Rienzi“ wie beim „Ring“: Wagner arbeitet heraus, was Macht mit Menschen (oder Göttern) anstellt bzw. dass man an ihr kaputtgehen kann und besser auf sie verzichtet. „Wenn Hitler Wagner ernstgenommen hätte, dann hätte er den „Ring“ verbieten müssen“, hieß es in einer hervorragenden Reihe über Wagner im RBB Ende der 90er Jahre, und in der Tat erscheinen in der Tetralogie ja die Abgabe von Macht und die Absage an den Kapitalismus als Weg zur Erlösung.

Auch Göring hat vor seiner „Nibelungenrede“ 1943, in der er das Drama von Stalingrad mit dem Kampf der Burgunden in Etzels Halle verglich, offenbar die folgenden Strophen des Epos nicht gelesen, die den blutigen Untergang aller Beteiligten beklagen. Genaues Hinsehen lohnt, wenn man schon instrumentalisiert. Aber dem „Reichsfeldmarschall“ ging es ums Verbrämen, um das Durchhalten zu erzwingen.

Verbrämt hat auch Wagner die Geschichte des Cola di Rienzo, der als Tyrann zu Ungerechtigkeit neigte, und, anders als in der Oper mit heroischem Flammentod auf dem Kapitol, von einem Handwerker ermordet wurde. Seine geschändete Leiche hing zwei Tage vor dem Palazzo seines Gegners Stefano Colonna.

Cola di Rienzo Photo Andreas Ströbl

Auf die charmante und kenntnisreiche Einführung zum „Rienzi“, ebenso wie zu allen Opern in Bayreuth durch Hans-Martin Gräbner im Steingräber-Haus, wurde schon mehrfach in den jeweiligen Besprechungen hingewiesen. Gerade für den ein auch echten Wagnerianern kaum bekannten „Rienzi“ war das ein hervorragender Einstieg, um diese italienisch-französische Oper mit Wagner-Themen und -Instrumentierung musikalisch und werkgeschichtlich zu erfassen. Diesmal gab es anlässlich des Festspieljubiläums auch eine Ausstellung des Ururenkels Antoine Wagner mit einer ungewöhnlichen Reihe von Klavieren. Neben einem vom Künstler handbemalten Flügel bestachen drei Klaviere, deren Gehäuse-Vorderseiten mit Hölzern aus aller Welt gestaltet sind, durch eine Vielfalt an Farben und Strukturen.

Wie sich der „Ring“ nicht einfach fassen lässt

Breit diskutiert und kräftig ausgebuht wurde der Einsatz von Künstlicher Intelligenz beim Jubiläums-„Ring“ durch Marcus Lobbes und Nils Corte. (https://klassik-begeistert.de/richard-wagner-goetterdaemmerung-christian-thielemann-bayreuther-festspiele-1-august-2026/). Nach den emotionalen Wogen bietet sich eine nüchterne Analyse an, was hier schiefgelaufen ist. KI-Experte Andrei Stirbu, Gründer und Geschäftsführer der VFX-Schule PIXL VISN in Köln, dessen Absolventen maßgeblich für die visuellen Effekte der Serie „Game of Thrones“ verantwortlich sind, stellte in einem Interview am 19. August 2026 klar: „In unserer Branche geht es eher um menschliche Gefühle. Die kannst du nicht einfach so mit einer KI generieren.“

Gerade ein so hochemotionales, dichtverflochtenes Riesenwerk, wie der „Ring des Nibelungen“ lässt sich nicht durch eine schlecht gefütterte Maschine in einer bunten Bildschirmschoner-Flut visualisieren. Zudem genügt es nicht, ein paar Photos aus dem, was in den letzten 150 Jahren gleichsam „in urbe et orbe“ bzw. auf dem Hügel und in der Welt geschah, in ein Gewaber aus bunten Beliebigkeiten hineinflimmern zu lassen.

Das im Programmheft angeführte wunderbare Zitat von Gerhart Hauptmann, ein „Werk wie der »Ring« ist, was Ursprung, Wachstum und Vollendung anlangt, das einzige seiner Art in der Welt und vielleicht das rätselhafteste Kunstgebilde der letzten Jahrtausende“, lohnt den Blick in seine Einbettung im Gesamttext: „Ich bin weit davon entfernt, mich an Richard Wagner deutschtümelnd zu entzücken, denn er ist ebenso griechisch wie deutsch, ebenso asiatisch wie europäisch… [Der „Ring“] hat nichts mit dem deutschen Rhein, den germanischen Göttern und den Nibelungen zu schaffen, und alle diese schönen Sachen haben nichts mit ihm zu schaffen. Es hat auch nichts zu tun mit Christentum, obgleich es ganz und gar etwas Offenbartes ist. Wer sie verstehen will, muß nicht in dieser Kunst ertrinken, auch nicht darin schwimmen. Er muß sie als das Große, Ewigfremde willkommen heißen. Man könnte sie gleichnisweise als einen unterirdisch hervorbrechenden kochenden Geysir bezeichnen, der ein unbekanntes glühendes Element emporschleudert aus dem Erdinnern, das die menschliche Seele, die es benetzt, von den Schlacken der letzten Jahrtausende rein baden und rein brennen kann.“

Treffender lässt es sich nicht formulieren, denn all die Versatzstücke, Szenen, Personen und Handlungselemente gehen ja gleichnishaft und sinnstiftend über das hinaus, was sie auf der Oberfläche abbilden. Das musst Du erstmal kapieren, liebe KI!

Nichtsdestotrotz hat sich Wagner für seine Parabel über Liebe, Macht, Gier und Erlösung von dem inspirieren lassen, was er direkt vor sich hatte, und das war eben auch der Rhein als Bild der fließenden Natur, in der die uralten Kräfte und Wesen wirken. Wenige Tage vor der Premierenwoche war es dem Rezensenten vergönnt, exakt den Blick auf den Rhein werfen zu dürfen, der sich Wagner bei seinem Aufenthalt 1862 in Wiesbaden-Biebrich täglich auftat, wenn er das Fenster seiner Wohnung öffnete (die sogenannte „Wagner-Villa“ ist in Privatbesitz und nicht öffentlich zugänglich). Wenngleich der Komponist während seiner Zeit in dem Anwesen an den „Meistersingern“ arbeitete, dürfte ihn dieses Bild des unverbauten, gemächlich strömenden Flusses künftig stets begleitet haben.

Rhein von Wagnervilla aus Photo Andreas Ströbl
Mehr Spaß beim Kinder-Ring als beim „Großen“

Wie bereits begeistert berichtet, war der „Ring für Kinder“ ein Riesenspaß für die jeweils rund 200 anwesenden Schülerinnen und Schüler, wie auch für die Handvoll Erwachsener (https://klassik-begeistert.de/der-ring-des-nibelungen-nach-richard-wagner-bayreuther-festspiele-kinderoper-im-kleinen-festspielhaus-27-juli-2026/). Jedes Jahr in den ersten zehn Tagen der Festspielsaison zeigt das Projekt „Wagner für Kinder“ stark gekürzte und kindgerechte Bearbeitungen einer der Opern im „Kleinen Festspielhaus“, diesmal in einer neuen stabilen Zeltkonstruktion zu Füßen des Großen Hauses.

Die jungen Besucherinnen und Besucher werden hier bei allem Humor sehr ernstgenommen; schließlich singen hier Solisten, die auch wenige Schritte hügelaufwärts auftreten. Wie in den Vorjahren musizierte das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt/Oder unter Azis Sadikovic in voller Größe und mit der gleichen Leidenschaft wie das Festspielorchester. Nach der Vorstellung erklärte sich die Sopranistin Lena Kutzner, Darstellerin der Brünnhilde, für ein Interview bereit, das demnächst auf „Klassik begeistert“ erscheinen wird.

Lena Kutzner und Andreas St röbl Photo Regina Ströbl
Bewährter Holländer als skandinavischer Psycho-Krimi

Nach der KI-Überfrachtung und heißgelaufenen Synapsen war „Der fliegende Holländer“ in der psychoanalytisch angelegten Interpretation von Dmitri Tcherniakov eine veritable Erholung für alle Sinne (https://klassik-begeistert.de/richard-wagner-der-fliegende-hollaender-oksana-lyniv-bayreuther-festspiele-29-juli-2026/). Als „Schwedenkrimi“ bezeichnete Benjamin Bruns, der den Erik gab, diese Produktion, womit er nicht falsch liegt (ein Interview mit dem Tenor folgt ebenfalls demnächst). Es herrscht tatsächlich eine depressive, bedrückende Grundstimmung in dieser Inszenierung, ähnlich der in den Büchern von Henning Mankell oder Maj Sjöwall und Per Wahlöö, die aber einen spannungsreichen Sog erzeugt. Psychodrama statt Geisterschiff – das echte Grauen findet eben nicht in Gruselgeschichten statt, sondern entsteht zwischen den Menschen und durch sie.

Dankbarer Rückblick

Lebt man in einer norddeutschen Stadt mit umständlicher, zäher und realitätsferner Bürokratie, ist man mitunter überrascht, wie unkompliziert das organisatorische Miteinander auch sein kann. Da ist die freundliche Verkehrsbehörde der Stadt Bayreuth, die Hügel-Pilgern mit Gehbehinderung unproblematisch die Zufahrt zum Behindertenparklatz ermöglicht, oder die Redaktion des Nordbayerischen Kuriers, die auch mal in Person eines Redakteurs mit zwei Restexemplaren der Jubiläums-Sonderausgabe zum Festspielhaus kommt, um sie dem interessierten Musikjournalisten zu überreichen.

Ohne die unermüdlichen Mitarbeiter des Pressebüros wäre die Berichterstattung sowieso nicht möglich; trotz stressiger Vorbereitungen und laufender Korrespondenzen mit Magazinen und Zeitungen in aller Welt gibt es im Büro immer ein freundliches Wort. Fehlt etwas, wird es umgehend besorgt. Das ist nicht selbstverständlich!

Wundern darf man sich hingegen über die Arroganz mancher Kollegen, die mal eben nahezu sämtliche solistischen Leistungen in Mammutrollen als unzureichend oder stümperhaft abtun. Dann macht es besser!

Wie eingangs festgestellt – im nächsten Juli geht es wieder los, mit „Heiho!“ und „Wagalaweia“. Man kann es kaum erwarten!

Dr. Andreas Ströbl, 22. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

 

Brünnhilde brennt, Uraufführung konzertant Friedrichsforum, Bayreuth, 3. August 2026

Wagner Open Air, Pablo Heras-Casado, Dirigent Festspielpark-Open-Air, Bayreuth, 2. August 2026

Der Ring des Nibelungen, nach Richard Wagner Bayreuther Festspiele, Kinderoper im Kleinen Festspielhaus,  27. Juli 2026

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert