Auch mit der Götterdämmerung legt der Herheim-Ring noch einen drauf... einschließlich der durchwegs sensationellen Stimmen

Götterdämmerung, Musik und Libretto von Richard Wagner  Deutsche Oper Berlin, 20. Mai 2024

Götterdämmerung, Regie: Stefan Herheim © Bernd Uhlig

Spätestens mit der Götterdämmerung haut einen der Herheim-Ring regelrecht von den Socken: Nach einem bereits sensationellen Siegfried legt Regie wie Gesang nochmal einen drauf und sorgt für stehende Ovationen im Publikum. Vor allem Clay Hilleys Siegfried sprintet nochmal an die Spitze und das Orchester holt endlich den Wagner-Sound in die Bismarckstraße.

Deutsche Oper Berlin, 20. Mai 2024

Götterdämmerung
Musik und Libretto von Richard Wagner

von Johannes Karl Fischer

Drei Abende Anlauf hat’s gebraucht, nun ist es so weit: Unter der Leitung von Dirigent Nicholas Carter bringt das Orchester der Deutschen Oper Berlin bei der Götterdämmerung die Akustik dieses Hauses endlich in aller Pracht zum Strahlen und holt den Wagner-Sound in die Bismarckstraße.

Streicher wie Bläser fluten den Saal mit heldenhaften Motiven und  Melodien. Diese Götterdämmerung ging vom ersten bis zum letzten Takt richtig unter die Haut, gerade die Cello-Stelle am Beginn des Vorspiels rollte wie eine Rheinwelle durch den Raum und drang ganz tief ins Herz ein!

Sehr tief ins Herz drang zum dritten Mal auch Ricarda Merbeths Brünnhilde ein. Allmächtig in Siegfried verliebt beherrscht mir ihrem gewohnt hochintensiven, vibratoreichen Sopran gänzlich die Bühne und das Geschehen. Stimmlich wie charakterlich spielte und sang sie eine unnachgiebige ehemalige Walküre, die ihre stimmliche Gottheit bei allen Versuchen Wotans nie verloren hat. Im Streit um den Ring mit Waltraute ließ sie ihre Schwester völlig kalt stehen, auch für Siegfried und Gunther gab’s mit dessen Betrugsmasche kein Durchkommen.

Mächtige stimmliche Konkurrenz bekam sie indessen von Clay Hilley in der Rolle ihres Ehemanns Siegfried, und zwar noch mehr als in vorausgegangen Episode der Opern-Trilogie. Seine gut gehaushalteten Kräfte hatte er sich scheinbar für die Götterdämmerung aufgehoben, spektakulär zündete er heute nochmal ordentlich den Gesangs-Turbo. Souverän erledigte er die Rolle wie ein tapferer und am Ende siegreicher Kämpfer, Nothung drang stets an der Spitze seiner Stahlkraft-Stimme. Heldenhaft stemmte er zudem die hohen Cs in den Saal, ein bisschen wie ein Olympia-Marathonsieger, der in einem Sprint auf den letzten Metern seine Konkurrenz weit hinter sich lässt!

Götterdämmerung, Regie: Stefan Herheim © Bernd Uhlig

Auch sein Blutsbruder und Ko-Betrüger Gunther war mit Thomas Lehman bestens besetzt. Seine solide, saubere Stimme spielte diesen von Wagner ängstlich und recht schwach gehaltenen Charakter äußerst glaubhaft. Im zweiten Aufzug ist die große Furcht – Brünnhilde von ihrem Fels zu freien – überwunden, entsprechend ließ er die Rolle auch mutiger durchkommen.

Der eigentliche Strippenzieher  dieser Betrugsmasche ist natürlich Hagen, und Albert Pesendorfer sang in dieser Rolle mit tiefen, röhrenden Bass einen weiteren bärenstarken Konkurrenten um den Ring. Besonders eindrucksvoll und mit viel Durchhaltevermögen gelang ihm der Monolog „Hier sitz’ ich zur Wacht“, stimmlich schien er all seine Stärke in dieses verfluchte Gold zu stecken.

Alles zum Scheitern verdammt, den Ring kann er hüten, dessen Flucht aber nicht fliehen. Dieses Geschehen ahnend versucht Waltraute ihre Schwester Brünnhilde vor dem bevorstehenden Untergang Walhalls zu warnen. Stimmlich konnte sich Annika Schlicht in dieser fordernden Rolle wacker schlagen, souverän brillierte ihre Stimme in allen Höhen und Tiefen, leider sind ihre Warnungen am Ende vergebens und der Ring bleibe bei Brünnhilde. Felicia Moore sang eine ebenfalls sehr gute Gutrune, auch wenn ihr Sopran ein ganz wenig eng klang und sie sich gegenüber ihren MitsängerInnen stimmlich ein bisschen zurückzuhalten schien. Vielleicht liegt das aber auch einfach an der Rolle…

Götterdämmerung, Regie: Stefan Herheim © Bernd Uhlig

Zu guter Letzt sang und spielte Jordan Shanahan auch in der Götterdämmerung einen genialen, frechen und an allen Ecken schleichend präsenten Alberich. An der deutlichen Aufwertung dieser Rolle hatte natürlich auch die Regie ihren Anteil, dennoch machte Herr Shanahan in allen noch so kurzen Momenten stets einen großen Eindruck und etablierte sich auch in seiner Mini-Gesangsrolle als eine der wichtigsten Hauptfiguren des Werks.

Einen sehr großen Eindruck hinterließen auch die drei Nornen (Lindsay Ammann, Karis Tucker und Felicia Moore), die von Anbeginn an die musikalische Latte des Opernabends haushoch anlegten.  Mit leicht metallischen, doch mächtigen Stimme beherrschen sie brillant die Bühne.

Ihre Macht lag fest in ihren Stimmen und in den unsichtbaren Seilen, an denen sie das Volk – hier waren wohl die Mannen gemeint – umherzogen. Keiner entkommt der Macht dieses Seils, keiner entkommt dem Fluch des Rings. Die Rheintöchter (Lee-ann Dunbar, Karis Tucker und Lindsay Ammann) rundeten ein herausragendes stimmliches Ensemble mit spaßig-spielerischem Gesang bestens ab.

Und es ist kaum zu glauben, aber Stefan Herheims Regie hat auch in der Götterdämmerung nochmal einen draufgelegt. Die Welt liegt schon vor Walhalls Brand im Flammen, allmächtiges Wissen regiert die Welt. Wotan macht nochmal einen Auftritt und wacht aus Walhall über den ganzen Gibichungen-Betrug. Schlechte Aussichten für Hagen und Siegfried beim jüngsten Gericht, so meine Prognose. Und wer spielt am Ende des 1. Aufzugs am Weltherrschaftsflügel Klavier? Alberich natürlich!

Götterdämmerung, Regie: Stefan Herheim © Bernd Uhlig

Doch richtig spektakulär geriet vor allem die Schlussszene. Die Szene versinkt in den Rauchwolken des Walhall-Brands, der Weltuntergang ist hier bestens glaubhaft dargestellt. Doch kaum löst sich der die Bühne flutende Theaternebel auf, sehen wir… die bis auf die nackten, entkleideten Theaterwände leere Bühne! Stefan Herheim lässt also nicht nur Walhall, sondern auch noch die ganze Bühne „abfackeln.“ Genau das wollte Wagner!

Am Ende gab es stehende Ovationen für nahezu all Beteiligten, und das völlig verdient: Diese Götterdämmerung hat einen regelrecht umgehauen! Bei Frau Merbeths Applaus war die Stimmung regelrecht aus dem Häuschen, doch auch die anderen SängerInnen bekamen ihren verdienten und lautstarken Beifall. Und die Brünnhilde war ohnehin die Krönung einer durchwegs sensationellen Götterdämmerung!

Johannes Karl Fischer, 21. Mai 2024, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Siegfried, Musik und Libretto von Richard Wagner Deutsche Oper Berlin, 18. Mai 2024

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