Ein Hauch von Tschechischem Frühling in München

Philharmonie im Gasteig, München, 29. April 2017
Dirigent: Jiří Bělohlávek
Magdalena Kožená (Mezzosopran);
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

von Raphael Eckardt

Wenn ausschließlich tschechische Komponisten auf dem Programm eines Konzertabends stehen, gehen die Meinungen der Konzertbesucher weit auseinander. Da gibt es die einen, die sich in Verbindung mit tschechischer Musik einzig und allein auf den Namen Antonín Dvořák berufen, und die anderen, die wissen, dass diese Musik doch so viel mehr zu bieten hat als das Œuvre dieses einen, weltbekannten Komponisten.

Die tschechische Musik steckt seit jeher in einer Selbstfindungsphase, die nicht enden will. Von einerseits westlichen, überwiegend österreichisch-deutschen, und andererseits östlichen, vorwiegend russischen Einflüssen geprägt, betreiben tschechische Komponisten seit jeher Kulturvermischung. Das Hin- und Hergerissene – kombiniert mit starker nationaler Verbundenheit – ist es, was die tschechische Musik nach Meinung vieler so einzigartig macht. Die Musik zwischen Russland und Westeuropa, die Musik zwischen den Welten.

Der Dirigent an diesem Abend ist Jiří Bělohlávek. Ein Tscheche – Gott sei dank! Kaum einer hat in den vergangenen Jahren sein Verständnis für die Kompositionen seiner Landsleute regelmäßig so großartig unter Beweis gestellt wie er. Das Konzert eröffnet Bělohlávek mit Bohuslav Martinůs zweiter Serenade in einer Fassung für Kammerorchester.

Leicht und frei treiben die Violinen zu Beginn des ersten Satzes in sanftem Strom über die Moldau. Martinů selbst überschreibt ihn mit der Bezeichnung „Allegro“. Bělohlávek und das an diesem Abend wieder einmal phantastische Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks verleihen ihm aber zahlreiche weitere großartige Attribute und lassen den Zuhörer sanft in ein sonniges Prager Leben eintauchen. Im Konzertsaal macht sich eine klare und lebensfrohe Atmosphäre breit.

Bělohláveks tiefgründige Interpretation zeigt sich dann vor allem im zweiten Satz. Mit dunklen Farben malt er in kleinstem Detail auf einer riesigen Leinwand und schafft so ein melancholisches Gemälde aus perfekt harmonierenden Acryltönen. Das Publikum ist begeistert, spendet reichlich Beifall und der ein oder andere wähnt sich wohl auf einer Zeitreise durch seine eigene Vergangenheit.

Es folgt die 1999 veröffentlichte Suite aus Leoš Janáčeks Oper „Die Ausflüge des Herrn Brouček“. Mit dieser Programmwahl greift der sonst so souveräne Bělohlávek leider ein wenig daneben. Emotionale Schwerpunkte wirken beinahe vorgegaukelt und die Tiefgründe dieser Musik bleiben dem Hörer oftmals verschlossen. Erstaunlich ist auch die dynamische Monotonie der Interpretation. Haltlos umherschwirrende Violinen, die sich kaum mit dem Gesamtklang vermischen, wirken fast ein wenig störend – die miserable Akustik der Philharmonie tut ihr Übriges. Die eigentlich sehr klar vertonten szenischen Bilder wirken wie durch einen schlechten Projektor auf eine Raufasertapete projiziert – unscharf und verzerrt. Janáčeks Musik mag schwerer zu fassen sein als die von Martinů oder Dvořák, von einem Dirigenten mit Weltformat wäre hier aber detailreichere Feinarbeit zu erwarten gewesen.

Mit einer fantastischen Interpretation der „Biblischen Lieder“ von Antonín Dvořák ist der kleine Makel dieses Abends sofort wieder vergessen. Mit stilvollen, ästhetisch anmutenden Klangsäulen konstruiert Bělohlávek einen farbenfrohen, aber dennoch dezenten Palast. Auf dem obersten Balkon dieses Palastes steht Magdalena Kožená. Mit glänzendem, rotblondem Haar und schillernd goldenem Kleid lässt sie das Publikum eintauchen – eintauchen in ihre Welt, in ihr Tschechien. Und darum muss man Frau Kožená an diesem Abend bewundern: Eine derart authentische, mitreißende Interpretation dieses Werkes hat nicht einmal der so hoch gelobte Christian Gerhaher mit diesem Orchester hinbekommen. Bravo!

Den furiosen Schlusspunkt setzt Bělohlávek mit Janáčeks „Taras Bulba“. Hier darf er beweisen, dass er den Komponisten Janáček eben doch studiert und verstanden hat. An diesem dreisätzigen Werk ist schon der ein oder andere Dirigent gescheitert. „Taras Bulba“ gilt – auch aufgrund seiner schwerwiegenden Thematik: in jedem Satz stirbt musikalisch eine Person – selbst in der Champions League der Dirigenten als eine unglaubliche interpretatorische Herausforderung. Bělohlávek ist der Prüfung gewachsen. Und er besteht sie mit Bestnote.

Durch Holzbläserfiguren, die wie in einem glasklaren Gebirgsbach dahingleiten und penibel feine agogische Momente im Streichorchester gelingt es dem Dirigenten einen Klangkosmos zu schaffen, der nicht den kleinsten Fehler verzeiht. Bělohláveks Klangkonstrukt bringt sämtliche Motive und Verschachtelungen in der Musik perfekt und enorm klar hervor – seine Welt ist voller Energie, voller Überraschungen und gleichzeitig voller Mitgefühl. Und nicht zuletzt von unfassbar guter musikalischer Qualität. Eben weil man jedes Detail wahrnimmt und genau deshalb einen Zugang zu Janáčeks Musik erhält, den man sonst nur selten so findet.

Eine Janáček-Interpretation dieser Klasse blieb mir bis zu diesem Abend verwehrt. Die tschechische Musik mag sich durch ihre Hin- und Hergerissenheit definieren, in einem Punkt waren sich an diesem Abend alle einig: Mit diesem Dirigenten und diesem Orchester ist sie ein ganz besonderer Genuss. Begeisterter Applaus verabschiedet Bělohlávek und das Orchester. Völlig zu Recht, welch ein friedvoller, emotionaler Tschechischer Frühling in München!

Raphael Eckardt, 30. April 2017 für
klassik-begeistert.de

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