Covid-beschädigter „Tito“ an der Royal Opera Covent Garden – Minimalistische Inszenierung ohne barockes Flair

Mozart, La clemenza di Tito,  Royal Opera Covent Garden, London, 19. Mai 2021

Foto: © Charles E. Ritterband

Mozart, La clemenza di Tito

Royal Opera Covent Garden, London
19. Mai 2021

(als kostenpflichtiges Streaming bis 20. Juni abrufbar)

von Charles E. Ritterband

Natürlich kann man Barock-Opern im zeitgenössischen Zuschnitt, in minimalistischer Ästhetik und neutraler Bühnenarchitektur inszenieren. Das Theater an der Wien unternimmt dies regelmäßig, und zumeist sehr erfolgreich. Die Neuinszenierung von Mozarts „La clemenza di Tito“ an der Londoner Royal Opera Covent Garden hingegen – die erste Produktion dieser Oper seit 2002 – hinterließ jedoch ein schales Gefühl. Da ist nichts von der barocken Prachtentfaltung, die den Zuschauer angesichts von Jean-Pierre Ponnelles fantastischer Produktion (2012) der Metropolitan Opera visuell aber auch musikalisch in ihren Bann zieht und unvergesslich bleibt. Aber auch für eine erklärtermaßen „moderne“ Inszenierung bleibt die Produktion des ROH unbefriedigend.

Wagner nannte Mozarts hervorragendes, in seiner musikalischen und psychologischen Brillianz nahezu einzig dastehendes Spätwerk „steif und trocken“ – das war wohl ein eher arrogantes Urteil des großen Meisters. In ihrem Programm merkt die Royal Opera zu Richard Jones’ Inszenierung dieser großartigen Opera Seria an, dass Mozarts Portrait einer Gesellschaft, die von Wandel, Kontrolle und Intrige bedroht wird und andererseits die Themen des politischen Ränkespiels und der Gnade in unseren Tagen nicht weniger aktuell seien als im Alten Rom. Dies hat die zeitgenössischen Kostüme und die minimalistisch-„moderne“ Architektur zu begründen. Zudem aber wird angemerkt, dass diese Produktion „unter strikt eingehaltenen Covid-sicheren Bedingungen“ geprobt und auf die Bühne gebracht worden sei. Es sei stets mit Maske für alle Beteiligten und unter Einhaltung der sozialen Distanz sowie mit regelmäßig durchgeführten Covid-Tests geprobt und aufgeführt worden. Vor allem Szenen, die physische Nähe erforderten, seien auf das absolute Minimum beschränkt und nicht in Proben, sondern nur auf der Bühne gespielt worden.

Foto: © Charles E. Ritterband

All dies ist extrem bewundernswert, erlauben diese – wie auch in anderen Theatern (Glyndebourne!) – sehr konsequent eingehaltenen Vorkehrungen doch, ungeachtet neuerlich steil ansteigenden Ansteckungszahlen („Indische Mutation“) in Teilen Großbritanniens den Start des englischen Kulturlebens dennoch zu lancieren. Allerdings – die deutlich erkennbaren Folgen dieser Vorsichtsmaßnahmen im Verein mit dem Bestreben, eine aktuelle, modern-minimalistische Inszenierung auf die Bühne zu bringen, haben den barocken Esprit von Mozarts Oper geradezu hermetisch aus diesem Opernhaus ausgeschlossen. Was geblieben ist: Eine armselige Inszenierung in einem kümmerlichen Bühnenbild mit langweiligen Kostümen (des britischen Theaterregisseurs, Bühnen- und Kostümbildners Ultz), die eher an eine minimal budgetierte Schüleraufführung erinnerte als an die Bühne eines der traditionsreichsten, berühmtesten Opernhäuser der Welt. Und leider betraf dies nicht nur das bescheidene Bühnenbild, sondern auch das Agieren der Schauspieler in diesen dürftigen Kulissen: Titus selbst bot in seiner Überzeichnung als gütiger doch naiver Herrscher eine derart jämmerliche Figur, dass man eher Mitleid als Bewunderung für den allzu gutherzig-gutgläubigen Potentaten aufbrachte.

Befremdlich war bereits, was sich während der Ouvertüre abspielte: Vor einem stilisierten römischen Palast in Weiß war ein ebenfalls weißes Fußballtor aufgestellt, der mit Zahlen- und Buchstabenkoordinaten markierte Platz dazwischen wurde beim Erklingen der ersten mozartschen Töne von einer Schar fußballspielender Jungen bevölkert, die im Takt der Ouvertüre den Ball kickten. Was soll’s? Einmal mehr geben uns Regisseure intellektuell-überkandidelte Rätsel auf, statt uns in Ruhe die Musik genießen zu lassen. So begann dieser Abend bereits mit einem Ärgernis. Und es wurde nicht besser.

Foto: © Charles E. Ritterband

Musikalisch sind für mich die Aufnahmen dieses Werkes mit Harnoncourt, Lucia Popp und Orchester sowie Chor des Opernhauses Zürich von 1993 (Teldec) und jene mit René Jacobs und dem Freiburger Barockorchester aus dem Jahr 2006 (Harmonia Mundi) maßgeblich – und musikalisch kaum zu übertreffen. An diesen beiden Messlatten hatte die ROH-Produktion bei mir doch einen ziemlich schweren Stand. Hervorragend als Titus der Tenor Edgaras Montvidas, der mit Feuer und Schmelz einen Herrscher gab, der zwischen Eitelkeit und Selbstzweifeln, zwischen erotischen Emotionen  und Staatsraison hin- und hergerissen ist. Nicole Chevalier beherrschte als Vitellia mit stimmlicher Sicherheit und Schönheit eine beachtliche Bandbreite zwischen höchsten und tiefsten Tönen. Das Orchester der Royal Opera unter der Stabführung von Mark Wigglesworth glänzte mit wunderbar musikalisch eingesetzten Klarinetten, Hörnern, Trompeten und Oboen, die Rezitative wurden von einem in einer Parterreloge platzierten Cembalo begleitet, der Chor sang – wiederum als Covid-Maßnahme – unsichtbar hinter der Bühne.

Charles E. Ritterband, 28. Mai 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Inszenierung: Richard Jones

Dirigent: Mark Wigglesworth

Bühne/Kostüme: Ultz

Royal Opera Chorus (Leitung: William Spaulding)

Titus: Edgaras Montvidas

Sextus: Emily d’Angelo

Vitellia: Nicole Chevalier

Annius: Angela Brower

Servillia: Christina Gansch

Publius: Joshua Bloom

Berenice: Fumi Kaneko

Senatoren: Jeremy White, George Freeburn

 

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