Pathys Stehplatz (11): Der Typus des Konzertbesuchers

Pathys Stehplatz (11) – Der Typus des Konzertbesuchers  klassik-begeistert.de

Foto: © Beethoven Orchester Bonn

von Jürgen Pathy

Wie unterschiedlich Meinungen und Eindrücke doch sein können. Wenn ich gewisse Kritiken lese, überfällt mich ab und zu der Gedanke: Irgendetwas ist faul im Staate Dänemark. Soll heißen: Irgendetwas stimmt hier nicht! Wie sonst, sollte es rational zu erklären sein, dass die Meinung derart konträr zu eigenen ausfällt. Überhaupt bei Konzerten oder Opern, denen ich selbst beigewohnt habe. Natürlich könnte ich es mit fehlendem Urteilsvermögen abtun, was allerdings ziemlich arrogant wäre. Nach längeren Überlegungen, bin ich also zum Entschluss gelangt, die Ursache wurzelt viel tiefer: Jeder, der ein Konzert besucht, sucht etwas anderes…

Der Fehlerteufel

Es gibt Konzertbesucher, die definieren Qualität rein an der Technik. Besser gesagt daran, ob technisch alles perfekt gesessen hat. Fehler, wenn man die überhaupt so nennen darf, akzeptieren und verzeihen sie nicht. Wer Noten regelmäßig um Achtel– oder Viertelwerte verfehlt, der hat verspielt. Da ist der Fehlerteufel gnadenlos.

Dabei sollte man natürlich achtgeben, wie man Fehler definiert. Ein Freund meint, bei professionellen Vollblutmusikern, vor allem bei Opernsängern, die ihre Partien intelligent wählen und auf dem höchsten Niveau singen, passieren während der Vorstellung keine Fehler. Er würde es eher als „Ausrutscher“ oder „Patzer“ bezeichnen. Eine Leistung nur danach zu beurteilen, sei viel zu kurzsichtig. Ausdruck und Gestaltung einer Partie seien mindestens genauso relevant.

Fehler würden überhaupt nur im Vorfeld passieren. Bei der Besetzung einer Partie. Wem man diesen Fehler allerdings ankreiden möchte, bleibt reine Spekulation. Intelligente Sänger würden sich von ihren Managern nicht in Partien manövrieren lassen, die ihrer Stimme, ihrem Charakter nicht entsprechen oder sie gar schädigen könnten. Ob das heutzutage allerdings so einfach ist, wage ich zu bezweifeln. An jeder Ecke lauert die Konkurrenz. Wer als Newcomer zu oft absagt, der könnte schnell ins Hintertreffen gelangen. Und nicht nur als solcher – auch etablierte Sänger sind nicht davor gefeit, allzu schnell am Abstellgleis zu landen.

Der Hingucker

Er zählt wohl zur Spezies, die in der Oper gar nicht so selten sein dürfte. Leicht zu erkennen daran, dass er bei der Beurteilung eines Abends immer bei der Inszenierung beginnt und gefühlt stundenlang über nichts anderes sinnieren könnte. Sänger, Dirigent und Orchester spielen eine Nebenrolle. Werden im Extremfall sogar zu Statisten degradiert oder gar aus der Kritik verbannt.

Den Konzertsaal, wo reine Orchesterwerke aufgeführt werden, meidet er wie der Teufel das Weihwasser. Immerhin gibt es dort nicht viel zu sehen – obwohl die Musikindustrie bereits Abhilfe leistet. Phänomene wie Miniröcke oder tief bis ins Gesäß ausgeschnittene Abendroben waren bis vor einigen Jahren noch undenkbar. Mittlerweile prägen sie das Bild. Ohne die Qualität dieser Künstler generell in Frage zu stellen, ist doch deutlich zu erkennen, dass musikalische Qualität alleine nicht immer ausreicht, um eine Karriere zu starten. Den Hingucker wird es erfreuen.

Diese Perspektive ist wohl die Einfachste. Immerhin hätten „viele ein Auge, aber nur wenige ein Ohr“, wie Elisabeth Kulman und Christian Thielemann bei einem Gespräch festgestellt haben. Ein Grund, warum vielleicht immer obskurere Inszenierungen den Weg auf den Spielplan finden. Sicherlich aber nicht der Einzige. Wer junges Publikum gewinnen möchte, muss den Zeitgeist bedienen. Achtgeben sollte man nur, dass die Musik nicht irgendwann als klarer Verlierer vom Felde zieht. Sonst ergeht es einem bald wie Altbundeskanzler Christian Kern. Der hatte nicht nur mit dem Regierungspartner zu kämpfen, sondern auch damit, dass Werbekampagnen auf Facebook nicht länger als 30 Sekunden dauern durften.

Der Fan

Gibt es en masse. Bevor er seinem Idol auch nur ein negatives Wort anhängen würde, schneidet er sich eher die Zunge ab. Immerhin ergibt er sich der bedingungslosen Liebe. Diesen Typus des Zuhörers findet man relativ oft – vor allem in den sogenannten „Sozialen Medien“, die im Grunde eigentlich alles andere sind als sozial. Aktuell infiziert sind vor allem Hörer von Christian Thielemann und Teodor Currentzis.

Beide Künstler vereint nicht nur, dass sie zurzeit als das Maß aller Dinge gelten, auch die bedingungslose Liebe der Fans ist beiden sicher. Einige gehen sogar so weit, ihrem Idol alles zu verzeihen und jeden Missgriff zu billigen. Natürlich sind der seitengescheitelte Berliner und sein großgewachsenes Pendant aus Griechenland nicht die einzigen.

Neben diesen beiden Aushängeschildern, die weit über die Grenzen der Klassikszene ein Begriff sind, gibt es auch andere Künstler, die von einer ebenso riesigen Fürsprache ihres Publikums leben. Allerdings scheuen viele davon das Blitzlichtgewitter. Der kauzige Pianist Grigory Sokolov sei hier zum Beispiel erwähnt oder der etwas bieder anmutende Ausnahme-Bariton Christian Gerhaher.

Dass diese Ausnahmekünstler einen Grad der Qualität erreicht haben, der ihresgleichen sucht, steht außer Zweifel. Über Geschmack lässt sich natürlich immer streiten. Dennoch sollte auch der Fan, am Ende des Tages die rosarote Brille kurz zur Seite legen und der Realität ins Auge blicken: Auch Götter können irren. Vor allem Kritiker sollten sich dessen bewusst werden.

Der Mitgeschleppte

Er ist wirklich nicht zu beneiden. Oftmals daran zu erkennen, dass er teilnahmslos auf seinem Platz logiert und nicht selten in tiefen Schlaf verfällt. Auch aufgrund seines Habitus ist er meist leicht identifizierbar. Klassenspezifisch zählt der Mitgeschleppte überwiegend zum Bildungsbürgertum oder zur Bourgeoisie, wo es noch immer zum guten Ton gehört, ein Abo der Wiener Philharmoniker sein eigen zu nennen und regelmäßig die Oper zu besuchen.

Im besten Fall zeigt er sogar oberflächlich Interesse an der Materie, ohne allerdings wirklich tief zu tauchen. Nicht selten fragt er vor dem Konzert, wer den überhaupt spielen würde und welches Stück. Dass bei diesem Desinteresse, die Schlaffee oftmals zuschlägt, darf keinen verwundern.

Der Mitgeschleppte erfüllt allerdings einen wichtigen Part. Nicht nur, dass er als Lückenfüller die Sitze besetzt und Geld in die Kassen spült, auch so manchen Spleen scheint er bedient zu haben. Er sei es angeblich gewesen, weshalb der große Vladimir Horowitz seine Konzerte immer sonntagnachmittags angesetzt hatte. In großen Städten habe Horowitz nämlich bemerkt, dass die Männer – Mitgeschleppte sind meistens Männer – nach der Arbeit nach Hause hetzen würden. Oft durch „schrecklichen Verkehr“. Dort kaum zur Ruhe gefunden haben, weil von ihren Frauen malträtiert, ins Konzert zu gehen. Die Folge, wie er Mike Wallace in einem Interview erklärte: „They are exhausted, tired and then they sleep“. Also fanden Horowitz Konzerte immer Sonntags um 16:00 Uhr statt. Ob sich diesen Luxus noch heute einer der Künstler leisten könnte, sei mal dahingestellt.

Der Gelegenheitsbesucher

Er verirrt sich alle heiligen Zeiten mal in die Oper. Obwohl er eigentlich Potential hätte, um regulärer Besucher zu werden, zieht er es lieber vor, Platten oder CDs zu hören. Aber auch nicht alle dieser Spezies. Einige Kulturaffine zieht die Neugier an. Oftmals ist er Cineast oder Theaterfreund. Ihn verschlägt es ins Konzert oder in die Oper, weil er offen ist für Schönes, für Kunst und Kultur im Allgemeinen.

Andere wiederum hören gerne klassische Musik, finden allerdings wenig Bezug zum Liveerlebnis. Diese Art des Gelegenheitsbesuchers ist bereits der Musik verfallen, zieht den Komfort des Wohnzimmers dem des Opernhauses allerdings vor. Einmal dabei sein, wenn Cavaradossi die Sterne vom Himmel holt und „Tosca“ zärtlich ein Vissi d’arte haucht, reichen ihm für eine halbe Dekade.

Beide haben allerdings Potenzial, zum „Regular“ aufzusteigen. Aufpassen sollte man nur, sie nicht zu drangsalieren. Vor allem der sorgfältigen Auswahl des Programms sollte man oberste Prämisse zollen. Den Schaden, den ein „Falstaff“ oder ein „Macbeth“ einmal verursacht haben, wird man in Zukunft vielleicht nur mehr schwer beheben können. Weniger düstere und musikalisch eingängigere Opern, wie die eines Rossini oder Donizetti seien hier bevorzugt. Stichwort: Belcanto! Beethovens Siebte geht auch immer, hat schon Christian Thielemann bemerkt. Eine Fünfte sowieso, eine Sechste oder Neunte könnte man riskieren. Von allen weiteren Abenteuern sollte man erstmal Abstand nehmen.

Der Intuitive

Er ist generell ein Suchender. Wonach, weiß er oft selbst nicht ganz genau. Die Hauptsache: Flucht aus dem Alltag. Raus aus dem maroden Grau, in dem alles kopfgesteuert scheint. Hinein in eine Welt, wo alles möglich ist. Die Musik dient als idealer Zufluchtsort. Er sucht den Rausch, der aus einem Nebel von Phrasierungen, Streicherteppichen und schönem Ton entwächst. Die Qualität einer Vorstellung beurteilt er nicht rein an der technisch sauberen Exekution. Hohe Ansprüche stellt er dennoch. Immerhin sei Musik – im speziellen Klavierspiel – eine Mischung aus Vernunft, Technik und Herz, hatte der bereits erwähnte Vladimir Horowitz attestiert.

Wer dem Intuitiven das bieten kann: Eher die großen Klangmagier, die Maestros, die Giftmischer, die auf einer soliden Basis gedeihen. Weniger die Roboter, die reinen Arbeiter, die nur von der sauberen Technik und der Kapellmeisterei zehren. Technische Exekution ohne jeglichen Tiefgang sind ihm ein Grauen. Obwohl natürlich auch er großen Wert auf sauberes Musizieren legt, nimmt er es gerne in kauf, wenn der Absturz droht. Hauptsache: Langeweile rochiert mit Mut zum Risiko.

Der Intuitive ähnelt dem Fan. Er hat seine Lieblinge und auch seine Antihelden. Im Gegensatz zum Fan, ist er allerdings bereit, auch neue Wege zu beschreiten. Er gibt allen eine Chance. Sein großes Manko: Die hat man möglicherweise wieder allzu schnell verspielt.

Jürgen Pathy (Klassikpunk.de), 8. Dezember 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Pathys Stehplatz(10): Gioachino Rossini, Il barbiere di Siviglia, Wiener Staatsoper, 04. Oktober 2021

Pathys Stehplatz (7) – ein Brief an Philippe Jordan: „Bitte mehr davon!“ Wiener Staatsoper

3 Gedanken zu „Pathys Stehplatz (11) – Der Typus des Konzertbesuchers
klassik-begeistert.de“

  1. Wieder sehr amüsant und gut geschrieben. Ich selbst als Musikliebende – manche meinen Musiksüchtige – finde mich in keiner der Typen wieder. Auch wenn ich Thielemann und Currentzis ganz besonders schätze. Dominique Meyer hat die Gruppe der meistens in der Oper oder Konzertsälen anzutreffenden Menschen „die üblichen Verdächtigen“ genannt. Ich fand das sehr passend.

  2. Ich konnte diesen Drang, andere Menschen in Kategorien einordnen zu wollen, nie so recht nachvollziehen. Dieser Versuch einer Kategorisierung liest sich dabei sehr ähnlich, wie die Hörtypologie nach Adorno. Er teilt ja auch nach Expertenhörern, guten Zuhörern, Bildungskonsumenten, emotionalen Hörern, Ressentiment-Hörern, Jazz-Experten, Unterhaltungshörern und gleichgültig/amusikalischen Hörern ein. Alles sehr spannend, nur… Wozu braucht man das? Sind die meisten Konzertbesucher nicht eher eine Mischung aus unterschiedlichen Ansichten und Verhaltensweisen?
    So, wie ich das sehe, sind in solchen Kategorisierungen fast immer die Extrembeispiele genannt, die sicher auch existieren, aber doch zum Glück die Minderheit der Konzertbesucher ausmachen.
    Ich mutiere ja auch bei manchen Aufführungen zum Fehlerteufel“, während ich bei anderen der „Hingucker“ und wieder bei anderen einfach nur hellauf begeistert bin.

    Daniel Janz

  3. Die Frage, wozu man das braucht, lässt sich einfach beantworten: Ich weiß es nicht! Es kam mir einfach in den Sinn. Ohne jegliche Gedanken der Sinnhaftigkeit oder Wahrheit. Man könnte es also eine Ausgeburt meiner Gedanken nennen. Wenn man möchte: Eine Reihe subjektiver Empfindungen, beruhend auf Erfahrungen aus meiner näheren Umgebung, die zu einem Text geballt, hoffentlich für etwas Unterhaltung sorgen. Ob die meisten eine Mischung unterschiedlicher Ansichten und Verhaltensweisen sind – viele vermutlich schon. Allerdings gibt es mit Sicherheit auch klassische Prototypen.

    Adornos Hörtypologie ist mir kein Begriff. Danke für den Tipp.

    Jürgen Pathy

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