Teodor Currentzis erregt die Gemüter

Pathys Stehplatz 7: Currentzis erregt die Gemüter  Klassik-begeistert.de

Foto: Romeo Castellucci und Teodor Currentzis bei den Salzburger Festspielen © SF / Anne Zeuner

KOMMENTAR

Bei den Salzburger Festspielen wurde Teodor Currentzis überwiegend gefeiert. Gemeinsam mit Romeo Castellucci hat der Stardirigent eine Neuproduktion von Mozarts „Don Giovanni“ auf die Bühne gebracht. Seine Art erfreut allerdings nicht alle.

von Jürgen Pathy

Nachdem die Salzburger Premiere von „Don Giovanni“ überwiegend gefeiert wurde, haben sich einige AutorInnen bemüßigt gefühlt, Paroli zu bieten. Vor allem diejenigen, die für „Qualitätsmedien“ publizieren. Ihr gutes Recht. Unabhängig davon, dass negative Kritik nicht nur erlaubt sein muss, sondern gar erwünscht sein sollte, lässt die gefällige Form mancherorts allerdings zu wünschen übrig. Was da in einigen Blättern für Auswüchse präsentiert werden, passt auf keine Kuhhaut.

Ganz vorne mit dabei die FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung). Im Mittelpunkt des Geschehens, wie könnte es zurzeit auch anders sein: Teodor Currentzis. Der Grieche mit russischem Pass, dem die Ehre zuteil wurde, die erste Neuproduktion bei den diesjährigen Salzburger Jubiläumsfestspielen zu leiten, erregt nicht zum ersten Mal die Gemüter. Seitdem der 49-jährige Charismatiker und sein eigens gegründetes Orchester musicAeterna zu ungeahnten Höhenflügen ansetzen, steht die Klassikwelt Kopf. Die einen vergöttern ihn, die anderen hassen ihn. Dazwischen scheint es wenig zu geben – auch, wenn Currentzis immer breitere Akzeptanz erlangt.

Currentzis erregt die Gemüter

Für „Zorn“ sorgt nicht nur der „ästhetische Terroranschlag“, wie Jürgen Kesting in der FAZ den Salzburger „Don Giovanni“ umschreibt. Auch der „schamlose Ego-Trip“ des „Sektenführers“, wie er Currentzis bezeichnet, scheint dem Kritiker ein Dorn im Auge.

Dass die Art und Weise, wie der exzentrische Pultstar sich in Szene setzt, polarisiert, ist nachvollziehbar. Seine an Séancen erinnernden Auftritte, die Currentzis und sein Gefolge zu später Stunde in Gotteshäusern zelebrieren, gleichen einem Ritual. Ebenso die standesgemäße Inszenierung seiner eigenen Person, die der großgewachsene, fast immer in schwarz gehüllte Currentzis bis aufs Äußerste treibt. Glaubt man seinen Musikern, alles im Dienste der Musik. Dass man das nicht allerorts gutheißt, ist verständlich.

Teodor Currentzis © Nadia Rosenberg

Auswüchse des Musikjournalismus

Wer diesen medialen Gegenpol allerdings zur Schaustellung seiner eigenen Arroganz missbraucht, der möge sich mal selbst hinterfragen. Bei Sätzen wie folgenden, muss die Frage nämlich erlaubt sein, was damit sonst bezweckt werden soll als Selbstbeweihräucherung: „Dass die Ära des dirigentischen Absolutismus aus dem Geist der human-demokratischen Nivellierung als Inkarnation von Macht beendet ist, wird als Fortschritt gefeiert.“ Ob man es glaubt oder nicht, vor wenigen Tagen wirklich in der FAZ gelesen.

Futter fürs Kabarett

Ich bin mir sicher, dass Autoren wie Herr Kesting der Ansporn gewesen sind, warum Kabarettisten wie Josef Hader in Richtung Musikjournalismus feuern. In seinem neuen Programm nimmt das Urgestein des österreichischen Kabaretts nämlich genau diese formalen Auswüchse aufs Korn. Völlig zu Recht!

Wer solche Satzungeheuer ausbrütet, die ohne Duden nicht zu entschlüsseln sind, hat es nicht anders verdient. Solche Sätze mögen vielleicht das Ego des Schreiberlings füttern, der Verständlichkeit sind sie allerdings nicht gerade dienlich.

Die Boshaftigkeit der Kritik

Dem nicht genug. Kesting holt noch weiter aus. Geht so weit, zu behaupten, dass das Publikum dem „Lockruf“ von Currentzis folge, „ohne zu ahnen oder zu spüren, dass es von ihm verachtet wird“.

Eine völlig absurde Aussage. Wie auch immer Herr Kesting das gemeint haben will, er scheint Currentzis ziemlich falsch einzuschätzen. Es gibt in der Klassikbranche nur wenige Künstler, die derart publikumsnah agieren wie Teodor Currentzis. Wer einmal erlebt hat, wie offen und herzlich dieser Künstler aufs Publikum zugeht, der wird das bestätigen können. Bis auf wenige Ausnahmen empfängt Currentzis regelmäßig seine Fans im Künstlerzimmer. Zumindest in Wien, wo sich der sympathische Kerl nach seinen Konzerten fast immer für sie Zeit nimmt. Da können sich andere Künstler ein Stück abschneiden.


Teodor Currentzis © Nadia Rosenberg

Qualitätsjournalismus, der den Namen verdient

Auf jeden Fall gibt es auch sogenannte Qualitätsblätter, die ihre Texte anders gestalten. Bestes Beispiel: ein Artikel von Anna Kardos. Im Mittelpunkt des flüssig zu lesenden Beitrags, den die Publizistin in der NZZ (Neue Zürcher Zeitung) veröffentlicht hat, selbstverständlich: Teodor Currentzis. Allerdings in einer anderen Herangehensweise.

Während Herr Kesting von der FAZ nicht nur Currentzis diskreditiert, sondern auch noch das „kühle Kalkül“ von Markus Hinterhäuser „die Bereitschaft, das Verantwortungslose zu verantworten“, schlägt Frau Kardos in eine andere Kerbe. Bereits in der Überschrift wird das klar. Dort titelt die Dame zwar auch, dass Currentzis nur noch „Teilzeitexzentriker“ sei, würdigt allerdings seine Arbeit in vollen Zügen. Doch das ist gar nicht der Punkt. Die Quintessenz ist eine andere.

Rückschrittliche Berichterstattung

Erwähnung findet Frau Kardos, weil sie im Gegensatz zu Herrn Kesting weiß, wie man einen Artikel leserfreundlich formuliert. Ihr Bericht ist zeitgemäß aufbereitet.

Bei formalen Metastasen, wie Herr Kesting sie fabriziert, darf sich nämlich niemand wundern, wenn der ersehnte Nachwuchs der Klassikbranche fernbleibt. In Zeiten, in denen die Aufmerksamkeitsspanne der Mittzwanziger gerade mal für ein Foto mit Dreizeiler reicht, geben die doch schon vor dem Start w.o. Die lesen solche Beiträge nicht.

Gut möglich, dass sich die FAZ das gar nicht zum Ziel setzt. Vielleicht sind deren Herausgeber schon glücklich, wenn sich ihr Stammklientel aufgrund solcher Texte in ihrer Exklusivität bestätigt fühlt? Den Anschein hat es zumindest.

Den Verantwortlichen sollte allerdings schleunigst klar werden: Um das Versinken der Klassik in einer unbedeutenden Nische zu verhindern, sind nicht nur zeitgemäße Texte gefragt, sondern auch Persönlichkeiten wie Teodor Currentzis. Rockstars, die durch ihr Auftreten und ihre Erscheinung dem Zeitgeist entsprechen. Dem sollte sich auch die Kritik anpassen.

11 Gedanken zu „Pathys Stehplatz 7: Currentzis erregt die Gemüter
Klassik-begeistert.de“

  1. Die allerärgsten Exzentriker sind für mich Zeitungsschreiberlinge, die andauernd moralinsaure Absonderungen von sich geben. Könnte man bitteschön nicht auch mal dem Publikum erlauben, sich eine Meinung zu bilden?

    Dr. Lorenz Kerscher

  2. Ach, da schreibt mir doch jemand aus der Seele. Die Klassik und ihre Vertreter müssen wirklich mal von ihrem hohen Ross geholt werden, das fängt bei der elitären und kanonisierten Lehre an, geht über die immer-gleiche Konzertpraxis und endet bei uns Kritikern.
    Ich erlebe es doch selbst in meiner Generation, dass die klassische Musik – wenngleich musikalisch geachtet – für ihren Stellenwert, ihre Aufführungspraxis und die teilweise veralteten, man möchte schon sagen ritualisierten Konzerterlebnisse, geächtet wird. Wie Dudamel seinerzeit ist Currentzis in meinen Augen einer derjenigen, die das begriffen haben und denen es darauf ankommt, dieses verstaubte und versnobte Konzertwesen wieder in die Mitte der Gesellschaft zu führen.

    Klassik kann und darf nicht als Markennische für abgehobene Eliten und weltfremde, exklusive Zirkel enden. Denn dann wäre sie auch kein allgemeines Kulturgegenstand mehr, sondern nur noch Selbstbeweihräucherung des eigenen Status. Wer das unbedingt will, kann ja exklusive Konzerte der Neuen Musik besuchen – in Donaueschingen scheint dieses Selbstverständis ja zu herrschen.
    Die allgemeine, klassisch/romantische Musik ist in meinen Augen aber für so eine Stellung einfach zu reich und kann zu viel Positives bieten, als dass man sie dem Gros der Menschen vorenthalten dürfte. Für mich wäre das jedenfalls ein schmerzlicher Verlust.

    Daniel Janz

  3. Benötigt ein musikhörendes Wesen einen Kritiker, um Gehörtes zu hören, zu verstehen?
    Jeder Mensch hat zwei Augen, um zu sehen.
    Jeder Mensch hat zwei Ohren, um zu hören
    Jeder Mensch sieht und hört nach seinem Empfinden.
    Musik ist Emotion gleich welcher Art, ist nicht zu fassen, nicht zu erklären.
    Noten kann man notieren.
    Musik aus diesen Noten machen – wer kann das wirklich?
    Wer weiß, was der nicht mehr lebende Komponist wusste?
    Niemand.
    Neulich habe ich die „Eroica“ unter dem Dirigat von Celibidache gehört – neu, unerhört faszinierend!
    Und die 6. Tschaikowskis in der Interpretation von Currentzis – neu, unerhört faszinierend!
    Brauche ich die Herren Kesting oder Kaiser, um „meine“ Musik genießen zu „lernen“?
    Nein.
    Aber den Herren Celibidache und Currentzis danke ich, denn sie verließen / verlassen eingetretene Wege, was „meinem“ Empfinden entspricht.

    Peter Essler-Petrusch

    1. Lieber Herr Essler-Petrusch,

      „Benötigt ein musikhörendes Wesen einen Kritiker, um Gehörtes zu hören, zu verstehen?“

      Nein – benötigt es nicht. Es gibt nur einen Grund, warum es Kritiker gibt: Damit das Gespräch, der Diskurs über klassische Musik erhalten bleibt!

      Liebe Grüße
      Jürgen Pathy

      1. „Es gibt nur einen Grund, warum es Kritiker gibt: Damit das Gespräch, der Diskurs über klassische Musik erhalten bleibt!“

        Also wenn das der einzige Grund ist, warum ich als Kritiker tätig bin, dann mache ich meinen Job falsch. Ich dachte, meine Aufgabe wäre es, den Menschen, die nicht im Konzertsaal sind zu vermitteln, ob und welche Konzertbesuche sich lohnen und welche Aufführungen, Werke und Künstler die Auseinandersetzung wert sind.
        Wenn es nur darum geht, einen Diskurs zu befeuern, dann ist das nichts anderes als Leichenfledderei. Denn ein Diskurs, der künstlich am Leben erhalten werden muss, ist einfach kein gesellschaftsrelevantes Thema mehr und damit inhaltlich längst tot. Und ich weigere mich eine Position einzunehmen, die legitimiert, dass klassische Musik und Orchestermusik im allgemeinen gesellschaftlich tot sein soll.

        Daniel Janz

        1. Vielleicht ist es nicht der einzige Grund, aber doch einer der wichtigsten. Dass wir Personen dazu bewegen ins Konzert zu gehen, ist meiner Meinung eher nur punktuell von Relevanz. Vor allem, da wir meistens über bereits etablierte Künstler oder Orchester berichten. Die benötigen keinen Zuspruch. Ob ein Thielemann, ein Currentzis oder eine Garanča eine gute Kritik erhält, ist doch vollkommen egal in puncto Ticketverkauf. Die ziehen sowieso das Publikum an. Da geht es nur darum, dass sie medial präsent sind, dass vom Spektakel berichtet wird.

          Wo es interessant wird, ist bei jungen Künstlern, die ihren Platz im Rampenlicht noch nicht gefunden haben. Die benötigen die Kritik wie die Suppe das Salz. Ob da nur eine positive zählt oder auch negative, sei dahin gestellt. Das ist immer abhängig davon, wie relevant wir als Person oder Medium sind. Aber ein Punkt steht fest, da habe ich keine Zweifel: Ein Verriss, der wirkt bei unbekannten Künstlern sicherlich nicht förderlich.

          Ebenso relevant in puncto „lohnt“ etwas oder nicht, sind Kritiken, die von Vorstellungen berichten, die sich abseits des sich ständig wiederholenden Repertoires bewegen. Dort wird Publicity dringend benötigt und ist auch sinnvoll.

          Der Rest, weshalb wir berichten, ist im Grunde ein Mix aus verschiedenen Zutaten: Selbstverständlich steht die Leidenschaft für die Musik im Mittelpunkt. Zumindest bei mir. Ohne die würden wir uns sowieso nicht in Wagners Dramen werfen und hoffen, sie würden noch fünfzig Minuten länger dauern. Ebenso benötigt es die Freude und den Drang, sich mitteilen zu wollen oder gar zu müssen. Das liegt mir schon seit jeher im Blut. Ein Bedürfnis, das teilweise ein Fluch sein kann. Vor allem im Alltag.

          Hinzu kommt noch ein weiterer Punkt: Das Gefühl, etwas zu können, was nicht jeder kann. Elisabeth Kulman nennt es in einem Interview, das sie vor kurzem mit Christian Thielemann geführt hat: Viele haben ein Auge, nur wenige ein Ohr. Ein Bonmot, das den Nagel auf dem Kopf trifft. Wie oft erlebe ich, dass Personen bei der Frage, wie eine Opernvorstellung gewesen ist, bei der Inszenierung beginnen und dort hängen bleiben. Mit der kann sich jeder intellektuell auseinandersetzen. Dazu benötigt es „nur“ ein gewisses Wissen, das sich jeder erarbeiten kann.

          Bei der Musik hingegen sehe ich das anders. Dort kann ich mir zwar auch ein sachlich fundiertes Wissen aneignen, das förderlich ist, allerdings steigt die Musik weit über diesen Horizont hinaus. Den zu überwinden, da reicht rein fachliches Wissen nicht aus. Diese intuitive Gabe, diese Sensibilität, die hat man oder nicht.

          Zum Punkt des Diskurses, möchte ich nur sagen. Der Diskurs muss bei jeder Thematik regelmäßig befeuert werden, um am Leben zu bleiben. Egal wo. Auch wenn der Vergleich hinken mag oder für manche gar zynisch wirken könnte: Stellen wir uns mal vor, Corona ist da und keiner berichtet darüber…

          Jürgen Pathy

  4. Wie Herr Essler-Petrusch schreibt, hat jeder Mensch zwei Augen, zwei Ohren… Jedem kann etwas gefallen oder auch nicht. Dies gilt auch für Herrn Jürgen Kesting , dem ich für seine Kritik herzlich danke! Denn der „Don Giovanni“ ist immer noch von Mozart, an dem man nichts verbessern muss. Wir reden von Original-Interpretation, aber wo bleibt sie denn mit ihren schrecklich neu gefassten Rezitativen, ihren ewigen Pausen, die das musikalische Geschehen hemmen? Wo bleibt der Dirigent, der Auswüchse der Regie nicht duldet, weil ihm die Musik ein Hauptanliegen ist? Ich hoffe, dass es wieder einmal Aufführungen geben wird, die Werke auf „eingetretenen“ Wegen zu höchster Qualität führen, die sind nämlich gesichert.
    Hedda Hoyer

  5. Ich denke, wir müssen einfach akzeptieren, dass es immer unterschiedliche Gedanken und Meinungen gibt. Einige von ihnen können einfach eine Meinungsverschiedenheit sein und andere können ein harter Kritiker sein. Aber ich nehme Kritik als Kompliment. Wenn Ihre Arbeit ein Kunstwerk ist und von vielen Menschen anerkannt wird, dann ist Kritik eine Bestätigung dafür, dass Ihre Arbeit Aufmerksamkeit verdient.

    Anonymus

  6. Tut mir leid, aber wenn Sie von dem Kesting-Zitat überfordert sind — es umfasst ja grade mal zweieinhalb Zeilen — und es auch noch ‚formale Metastase‘ bezeichnen, dann sind Sie, sehr geehrter Herr Pathy, sprachlich wohl unter dem Niveau von Personen mit Hochschulreife. Es handelt sich um einen einfachen Hauptsatz mit einer Dass-Klausel: Es wird als Fortschritt gefeiert, dass die Ära beendet ist. Was ist daran so schwer zu verstehen?

    Ob es inhaltlich zutrifft, ist eine andere Frage. Aber um eine Diskussion von Inhalten drücken Sie sich (mit Ausnahme der Frage, ob Currentzis sein Publikum verachtet, wobei ich fürchte, dass Sie die Ebene von Kestings Argument nicht erfasst haben). Sie scheinen einfach nicht Herrn Kestings Meinung zu teilen, dass Currentzis ein Scharlatan ist. Es wäre hier m.E. besser, wenn Sie Ihre eigenen sachlichen Argumente den ebenso auf die Sache bezogenen Argumente Kestings gegenüberstellen; dann könnte man diese abwägen. So aber sagen Sie nur: „Der Kritiker ist bäh, denn er drückt sich (für meinen bescheidenen Verstand) unverständlich ist. Frau Kardos hingegen ist nicht bäh.“ (Sie bringen nicht ein einziges Argument von Frau Kardos, nicht einmal ein Zitat, daher ist diese Behauptung leider nicht nachprüfbar.)

    Wolfgang Ludwig-Mayerhofer

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.