Die Jazz-Operette "Viktoria und ihr Husar" in der Oper Halle reißt das Publikum von den Stühlen

Paul Abraham, Viktoria und ihr Husar, Staatskapelle Halle, Christian Peter Feigel,  Oper Halle, 16. Januar 2022

So retten Patric Seibert, Peter Christian Feigel und die Oper Halle durch diese gelungene Fassung das musikalisch so kostbare Werk für die Gegenwart.

Foto: Federico Pedrotti © Bühnen Halle

Oper Halle, 16. Januar 2022

Paul Abraham, Viktoria und ihr Husar
Operette in drei Akten und einem Vorspiel

Staatskapelle Halle
Peter Christian Feigel
 Dirigent

Chor der Oper Halle

von Dr. Guido Müller

Nachdem die Premiere der Paul-Abraham-Operette wegen eines Corona-Falls am 20. November 2021 nach dem zweiten Akt abgebrochen werden musste, konnte nun die Produktion vollständig über die Bühne gehen.

Wie bereits in der Premierenkritik (https://klassik-begeistert.de/paul-abraham-viktoria-und-ihr-husar-oper-halle-21-november-2021/ – dort auch die Würdigung der einzelnen Künstler) ausführlich beschrieben, hat der Regisseur Patric Seibert stimmig die Handlung aus den 1920 Jahren näher an die Gegenwart der Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in die Zeit des Kalten Krieges heran gerückt, indem sich das Vorspiel in einem sowjetischen Gulag und der Erste Akt 1948 in der US-amerikanischen Botschaft in Tokyo und der Zweite in der amerikanischen Botschaft in Leningrad ereignen.

Der kurze Dritte Akt spielt nun 1958 im sozialistischen Ungarn und das Winzerfest in einem kleinen Ort wird ironisch gebrochen aufgepeppt zur Feier des siegreichen Sozialismus unter dem riesigen Banner des Kommunismus „Seht, Großes ist vollbracht“, dessen Spruch bei den Zuschauern mit Lebensprägung in der DDR Schmunzeln auslöst. Vor allem Barbara Dussler als Karikatur eines kommunistischen ungarischen Bürgermeisters kann dort ihr komödiantisches und musikalisches Talent – wie bereits in den vorherigen Akten – voll einbringen.

(c) Bühnen Halle, Foto: Federico Pedrotti

So wird aus der etwas matten Operettenhandlung, die zum Happy-End des kurzen Dritten Aktes die Eheschließung von drei Paaren verlangt, eine riesige Show der vergangenen sozialistischen Selbstfeier.

Hier holt teilweise mit musikalischen Reminiszenzen an die Hits aus den beiden früheren Akten der Dirigent Peter Christian Feigel noch mal alles Feuer aus der Staatskapelle Halle, das nicht nur ungarisch glüht, sondern durch das Jazz-Instrumentarium der Entstehungszeit 1930 und die packende Bearbeitung auch heftig swingt.

Sowohl durch die internationale Besetzung der Hauptrollen bis in die Hautfarbe, die Stimmfarbe und das oft gebrochene Deutsch des Südkoreaners Chulhyun Kim als Liebhaber Viktorias, Offizier, und Spion Stefan Koltay und des Südafrikaners Musa Nkuna als sein ungarischer Bursche Janczi wie durch die Handlung und Regie stellt das unterhaltsame Werk in einer tieferen Schicht die Frage danach, was eigentlich Heimat und Glück ausmacht weit über das allgegenwärtige Operetten-Thema Liebe hinaus.

(c) Bühnen Halle, Foto: Federico Pedrotti

Die Frage stellt dieses Werk sowohl für  Kommunistin in der UdSSR wie für einen ungarischen Offizier im russischen Gulag, für eine ungarische Jüdin im Exil (auch Paul Abraham war Jude aus Ungarn), für einen US-Diplomaten in Tokyo oder Leningrad, eine angebliche Französin in Tokyo und Japanerinnen in der US-Botschaft in Leningrad (die unbedingt ins „gelobte“ Land USA wollen).

Abraham beantwortet die Frage für sich in dieser Operette auf den ersten Blick zunächst ganz eindeutig, emotional und musikalisch mit dem immer wieder angestimmten Lied vom „Heimatland-Ungarnland“ und dem Czárdás. Doch auch japanische, amerikanische, Jazzmusik und andere „Weltmusik“ der späten 1920iger Jahre klingt an und macht das Werk so musikalisch zu einem international ausgerichteten Werk, so dass es auch nur mit einem mehrfach ironisch gebrochenen Finalakt enden konnte.

Durch die nationalistischen Exzesse des Zweiten Weltkriegs, welche die des Ersten Weltkrieges noch weit übertrafen, kann heutzutage nicht mehr ein naives ungarisch-folkloristisches Finale am Ende stehen, wie es vielleicht zur Zeit von Paul Abraham vor 1933 noch möglich erschien.

So retten Patric Seibert, Peter Christian Feigel und die Oper Halle durch diese gelungene Fassung das musikalisch so kostbare Werk für die Gegenwart. Das Publikum dankte es den Musikern, Sängerinnen und Sängern mit großem, langanhaltendem Beifall und vielen Bravorufen.

Dr. Guido Müller, 17. Januar 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Der Besuch einer der folgenden Vorstellungen am 22.1., 4.3., 2.4., 1. und 14.5.2022 kann uneingeschränkt empfohlen werden.

Paul Abraham, „Viktoria und ihr Husar“, Oper Halle, 21. November 2021

Richard Wagner, Tristan und Isolde, Szenische Premiere, Opernhaus Halle, 6. Januar 2022

3. Sinfoniekonzert, Staatskapelle Halle, Christopher Ward (musikalische Leitung), Mirijam Contzen (Violine), Händel-Halle Halle (Saale), 28. November 2021

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