„Parsifal“ aus Wien: Harsche Bilder, herausragende Stimmen

Richard Wagner: Parsifal  Aufzeichnung der Premiere in der Wiener Staatsoper vom 11. April 2021 bei Arte concert (18. April 2021)

Aufzeichnung der Premiere mit Weltklasse-Besetzung in der Wiener Staatsoper vom 11. April 2021 bei Arte Concert (18. April 2021)
Richard Wagner: Parsifal

Foto: Jonas Kaufmann und Elīna Garanča, M. Pöhn ©

Jonas Kaufmann (Parsifal)

Elīna Garanča (Kundry)

Ludovic Tézier (Amfortas)

Georg Zeppenfeld (Gurnemanz)

Wolfgang Koch (Klingsor)

Stefan Cerny (Titurel)

Inszenierung   Kirill Serebrennikov, Evgeny Kulagin

Dirigent   Philippe Jordan

von Peter Sommeregger

Nur vier Jahre nach der letzten Neuinszenierung leistet sich die Wiener Staatsoper einen neuen „Parsifal“. Mit Kirill Serebrennikov wählte man einen Regisseur, der aus politischen Gründen in Russland festgehalten wird und die Regiearbeit daher nur virtuell, via Skype und Smartphone leisten konnte. Über Sinn und Unsinn solcher Konstellationen lässt sich trefflich streiten, das Resultat jedenfalls ist nicht nur optisch suboptimal, um es freundlich auszudrücken.

Serebrennikovs bedauerliche persönliche Situation hat vielleicht mit eine Rolle gespielt den ersten Akt in ein trostloses Gefängnis namens Montsalvat zu verlegen. Quälende über 100 Minuten darf das Publikum Zeuge des Gefängnisalltags werden, bei dem nichts ausgespart bleibt: Drogenhandel, Bedrohung, Bestechung des Wachpersonals, physische, zum Teil sexualisierte Gewalt. Video-Sequenzen von Ruinen, gequälten Häftlingen, aber vor allem von Tätowierungen tragen zusätzlich zur Tristesse der Szenerie bei. Ein absolutes Novum ist auch, die Figur des Gurnemanz als versierten Stecher von Tätowierungen zu zeigen. Da wirkt es vergleichsweise harmlos, dass die Figur der Kundry als Journalistin eingeführt wird, die sich munter am Drogenhandel und dem Schmuggeln anderer Gegenstände beteiligt, dabei ununterbrochen fotografiert.

Die Figur des Parsifal wird geteilt zwischen einem jungen Schauspieler, Nikolai Sidorenko, und dem Sänger Jonas Kaufmann. Sidorenko spielt mit einer bemerkenswerten Intensität, im zweiten Akt wird er endgültig zum attraktiven Posterboy stilisiert, darf viel nackte Haut zeigen und deklassiert zumindest optisch den sichtlich gereiften Jonas Kaufmann, der nur mit Abstand den Gesang zu Sidorenkos Spiel beitragen darf.

Serebrennikovs Fixierung auf die Gefängniswelt ist das große Problem dieser Inszenierung. Abgesehen davon, dass die Symbolik keineswegs stimmig ist, verliert der Regisseur bei der Bilderflut von abstrusen Videos jedes Maß. Die Tötung des Schwans durch Parsifal wird umgedeutet als Mord an einem Mithäftling, womit Logik und Glaubwürdigkeit noch weiter auf der Strecke bleiben.

An den Haaren herbei gezogen ebenfalls der Schauplatz des zweiten Aktes. Wir befinden uns in der Redaktion eines wohl eher schmuddeligen Magazins, dessen Chefredakteur Klingsor heißt und seine Redakteurin Kundry (womit?) stark unter Druck setzt. Die Blumenmädchen treten in Gestalt von Redaktionsmitarbeiterinnen auf, die den jungen Parsifal umschwärmen, ihm auch einen Striptease nicht ersparen. Kundry versucht sich an der finalen Verführung des reinen Toren, was bekanntermaßen scheitert, dafür erschießt sie den bösen Chefredakteur Klingsor. Davor werden wir noch mit gleich drei Statistinnen als Müttern Parsifals beglückt, vereinzelt tauchen auch christliche Symbole wie ein riesiges Kruzifix auf, was mehr und mehr zum Abrutschen in Kitsch beiträgt.

Der dritte Akt spielt wohl wieder in dem Gefängnis des ersten Aktes, das aber scheinbar nicht mehr als solches betrieben wird. Dadurch werden die finalen Szenen, in denen die einstigen Häftlinge wieder den Chor bilden, eher unlogisch. Fromme Frauen legen Parsifal Blumen zu Füßen, die verdächtig an Grabgestecke aus Plastik erinnern. Als Amfortas mit der Urne seines Vaters erscheint, wird die Szenerie zusehends grotesk. Er verstreut Titurels Asche, Parsifal darf seine letzten Töne schmettern, danach suchen alle Beteiligten langsam das Weite, der überlebende Amfortas in einer überraschenden Paarung mit der geläuterten Kundry.

Orchester, Dirigent und Sänger trotzen dieser Aufführung dann aber doch noch Positives ab. Das Orchester der Wiener Staatsoper unter seinem neuen Chefdirigenten Philippe Jordan musiziert die ihm bestens vertraute Partitur mit subtiler Nuancierung und klug gesetzten Steigerungen in den dramaturgischen Abläufen. Jordans Tempi geraten im ersten Akt ein wenig zu breit, der zweite und dritte Akt gelingen ihm weit differenzierter.

Jonas Kaufmann, ein erfahrener Interpret der Titelrolle, lässt inzwischen naturgemäß die Jugendfrische dieser Figur vermissen, ihm kann die Teilung seiner Figur mit dem jugendlichen Alter Ego nur recht sein. Sein immer baritonaler klingender Tenor hat Strahlkraft und soll sich ja demnächst auch als Tristan bewähren. Hoffentlich muss er in dieser Rolle keinen „Hoody“ tragen, die bevorzugte Kleidung vieler Berufsjugendlicher.

Eine mehr als nur souveräne Leistung ist der Gurnemanz von Georg Zeppenfeld. Er lässt seinen weichen, geschmeidigen Bass strömen, bleibt in jedem Moment textverständlich. Dass er in dieser Inszenierung sogar zum Tätowierer avanciert, nimmt ihm nichts von seiner glaubwürdigen Autorität.

Wolfgang Kochs Klingsor gelingt ausgezeichnet die Bösartigkeit und Übergriffigkeit dieser Figur, ein zeitweises Tremolo seiner sonoren Bass-Stimme kann man dabei verschmerzen.

Ludovic Tezier als Amfortas. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Ein Rollendebüt ist der Amfortas für Ludovic Tézier, der die Rolle mit balsamischem Schmelz gestaltet, textverständlich singt und voll überzeugt. Für die Dinge, die der Regisseur ihm zumutet, kann er nichts. Die Stimme seines Vaters Titurel, gesungen von Stefan Cerny, ist nur aus dem off und dabei fast gar nicht zu hören.

Gespannt war man auf das Rollendebüt Elīna Garančas als Kundry, das sie bereits seit Jahren ankündigt. Der erste Akt bietet ihr noch wenig Möglichkeit, sich zu profilieren, sie bleibt bei der von ihr immer wieder gewohnten Kühlschranktemperatur. Im zweiten Akt allerdings kann sie endlich über ihren Schatten springen und meistert die horrend schwierigen Ausbrüche Kundrys eindrucksvoll. Die Tessitura dieser Zwischenfach-Partie scheint ihr zu liegen, selten hat man diese Sängerin so überzeugend gehört!

Wiener Staatsoper: PARSIFAL. Szenisch streitbar, musikalisch hervorragend. Elina Garanca bei ihrem Rollendebüt als Kundry. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Am Ende bleibt ein höchst zwiespältiger Eindruck: mit der musikalischen Realisierung kann man mehr als zufrieden sein, die Inszenierung geht doch sehr am Werk vorbei und ist optisch von deprimierender Hässlichkeit. Aber vielleicht gibt es ja bald einen neuen Parsifal, wer weiß .

Peter Sommeregger, 18. April 2021, für
klasik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Anmerkung des Herausgebers: Der Wiener „Parsifal“ wird in den Medien sehr kontrovers diskutiert: Musik und Stimmen einstimmig top, Inszenierung von 1-A-Sahne bis Flop. Mir hat die Premiere dieser „Befreiungsoper“ wegen Ihrer Intensität und Lebendigkeit sehr gefallen –  dramatisch, packend und sehr ästhetisch. Sehr unangenehm indes ist mir das penetrante und peinliche „product placement“ aufgefallen – geht es der hoch subventionierten Wiener Staatsoper schon so schlecht? Die Subventionen sprudeln doch weiter, die Ausgaben für Proben und Vorstellungen sind dramatisch zurückgegangen. Auf den Podest zu heben ist wie so oft der gigantische Bass des Georg Zeppenfeld (Gurnemanz) samt seiner Textverständlichkeit. Letztere ließ bei fast allen anderen Solisten zu wünschen übrig – besonders bei Jonas Kaufmann als Parsifal, der oft textlich sehr nachlässig und nuschelig sang. Vor allem zum Schluss wurde zudem deutlich, das der Münchner Tenor seiner Berufsbezeichnung im hohen Register immer weniger gerecht wird und schon bald in das baritonale Bach „absteigen“ dürfte. Immer wieder schaft JK es nicht, hohe Töne ganz genau anzusingen. AS

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