Sommereggers Klassikwelt 107: Wie aus Mizzi Jedlitzka der Weltstar Maria Jeritza wurde

Sommereggers Klassikwelt 107: Wie aus Mizzi Jedlitzka der Weltstar Maria Jeritza wurde

Der 6. Oktober ist der Geburtstag von zwei historischen Primadonnen, nämlich Jenny Lind im Jahr 1820, und Maria Jeritza 1887. Es ist auch der Todestag von Montserrat Caballé, die am 6. Oktober 2018 starb.

von Peter Sommeregger

Wenden wir uns diesmal Maria Jeritza zu, die nicht nur auf eine große, sondern auch eine sehr außergewöhnliche Karriere zurückblicken konnte. Die im mährischen Brünn geborene Maria Marcellina Jedličková besuchte das Konservatorium ihrer Heimatstadt. Das Geld dafür verdiente sich die Tochter eines Handwerkers als Stubenmädchen in einem Hotel. Nachdem sie anfangs Klavier, Cello und Harfe studiert hatte, wechselte sie im Laufe der Ausbildung zum Gesang. Sie komplettierte ihre Gesangsausbildung in Prag, ihr erstes Engagement erhielt sie als Choristin am Stadttheater von Brünn. Bereits 1905 debütierte sie als Solistin am Stadttheater Olmütz in der Rolle der Elsa im „Lohengrin“. 1910 wechselte sie als Operettensängerin an das Münchner Künstlertheater, im gleichen Jahr wurde sie an die Wiener Volksoper engagiert. Bereits im Jahr 1912 wurde sie Mitglied der Wiener Hofoper, deren Star sie in den nächsten Jahren wurde.

In Stuttgart sang sie 1912 in der Uraufführung der „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss die Titelrolle, 1916 in Wien ebenfalls die Ariadne in der zweiten Fassung der Oper. Richard Strauss wählte sie auch als Kaiserin für die Uraufführung der „Frau ohne Schatten“ 1919 in Wien. Zu diesem Zeitpunkt gastierte sie bereits an allen großen europäischen Opernhäusern, 1921 wurde sie gefeiertes Mitglied der Metropolitan Opera in New York, wo sie bis 1932 blieb. Die Bandbreite der von ihr verkörperten Rollen war groß, in Wien sang sie so unterschiedliche Partien wie die Carmen, die Brünnhilde, die Saffi im „Zigeunerbaron“ und die Rosalinde in der „Fledermaus“. Ihre Glanzpartien waren die Salome und die Tosca, in diesen Rollen kehrte sie auch Anfang der 1950er Jahre noch einmal nach Wien zurück. Für New York kreierte sie Rollen wie Janáčeks „Jenůfa“ und Marietta in Korngolds „Toter Stadt“, mit der sie an der Met debütierte.

Frühzeitig nahm die Sängerin eine große Zahl von Schallplatten auf, die uns ihre ausdrucksstarke, groß dimensionierte Stimme erhalten haben. Aus der Wiener Staatsoper existiert eine Reihe von Live-Mitschnitten, die demonstrieren, dass die Jeritza, wie sie sich seit dem Wiener Engagement nannte, sehr freizügig mit den notierten Notenwerten umging, ihre Faszination muss in einer interessanten Bühnenerscheinung und temperamentvollem Spiel gelegen haben. Dazu gibt es eine schöne Anekdote: Nach einer „Salome“-Aufführung unter Leitung des Komponisten hatte die Jeritza wieder einmal den Notentext häufig verlassen. Der Konzertmeister meinte zu Strauss: „Was macht die Frau aus ihrer schönen Oper?“ Der stets pragmatische Strauss zuckte mit den Schultern und sagte: „Ausverkauft zu Höchstpreisen“. Geschätzt hatte der Komponist die Sängerin aber doch sehr, seine letzte Komposition, das Lied „Malven“, widmete er ihr, die Jeritza behielt es bis zu ihrem Tod unter Verschluss, erst danach wurde es veröffentlicht.

Es passt zu dieser Frau, dass auch ihr Privatleben äußerst bewegt verlief. Nach einer kurzen Ehe in Brünn heiratete sie 1919 den österreichischen Baron Friedrich Leopold Freiherr Popper von Podhragy, was für sie auch einen gesellschaftlichen Aufstieg bedeutete. Nach etwa zehn Jahren endete aber auch diese Ehe mit einer Scheidung. In den USA wurde Winfield Richard Sheehan, ein wohlhabender Filmproduzent, 1935 ihr dritter Ehemann. Nach dessen Tod heiratete sie noch ein viertes Mal und zwar den Schirmfabrikanten Irving Seery aus New Jersey. Als zu Beginn der 1950er Jahre der Wiederaufbau der kriegszerstörten Wiener Staatsoper begann, spendete die Jeritza erhebliche Beträge dafür und konnte auch ihren Ehemann dazu bewegen, eine größere Summe beizusteuern. Neben vielen anderen ehemaligen Stars reiste auch die Jeritza mit ihrem Gatten zur feierlichen Wiedereröffnung im November 1955 an. Nicht nur in Wien ist der Name Maria Jeritza auch heute noch ein Begriff. Sie verkörperte den Typus der kapriziösen Primadonna, obwohl sie auch als reiche Frau nie vergaß, woher sie gekommen war, und sich zeitlebens sozial engagierte.

Maria Jeritza wurde 94 Jahre alt, begraben ist sie an der Seite ihres Gatten in New Jersey, wo sie auch die letzten Jahrzehnte ihres langen Lebens verbracht hatte.

Peter Sommeregger, 6. Oktober 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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