Verachtet mir die Stadt- und Landestheater nicht, und ehrt mir ihre Kunst (4): Bühne Baden – Operetten und Singspiele

Verachtet mir die Stadt- und Landestheater nicht, und ehrt mir ihre Kunst (4): Bühne Baden – Operetten, Singspiele

Foto: © Bühne Baden

Analog zu Hans Sachs aus Richard Wagners „Meistersingern von Nürnberg“ propagiert das Ehepaar Schweitzer in dieser fünfteiligen Serie: „Verachtet mir die Stadt- und Landestheater nicht, und ehrt mir ihre Kunst.“ Das ist auch ihre Schlusspointe und war von Anfang an die Idee der Serie. Der Untertitel „Bühne Baden – Operetten, Singspiele“ gibt zu verstehen, dass hier für die – unschöner Name – „Provinztheater“, die Mehrspartentheater sind, eine Lanze gebrochen wird.

von Lothar und Sylvia Schweitzer

Früher einmal bin ich nur gezwungen, um nicht Spaßverderber zu sein, zu Operetten nach Baden mitgefahren und in Wien im Raimundtheater oder in der Volksoper mit dabei gewesen. Es ist das Verdienst meiner Frau Sylvia, mir das Genre der Operette nahe gebracht zu haben, ja nun freue ich mich auf jede Vorstellung. Mehr als fünfzig Operettenvorstellungen haben wir gemeinsam in den letzten fünfundzwanzig Jahren besucht, die meisten in Baden bei Wien, in der Wintersaison im Stadttheater, einem typischen Fellner und Helmer-Bau. Im Sommer spazieren wir durch den Kurpark am Undine-Brunnen vorbei in die oberhalb des Kurparks gelegene Sommerarena, ein Bilderbuch-Jugendstil-Theater mit zu öffnendem Glasdach. Die Undine-Statue trägt die Gesichtszüge der Mercédès Jellinek, Namenspatin der berühmten Automarke.

Der Undine-Brunnen. Foto: © Lothar Schweitzer

Es ist eigenartig. Einen großen Eindruck aus der Zeit, in der mein Interesse für die Operette noch nicht vorhanden war, habe ich mit herübergenommen. Die letzte Szene des Ersten Akts der „Csárdásfürstin“, wenn Feri Bácsi allein traurig darüber nachdenkt, dass sein Traumpaar doch nicht zusammenkommt. Mir ging damals in der Wiener Volksoper auf, welch große Künstlerpersönlichkeit Herbert Prikopa ist, den ich bis dahin einfach als Tenorbuffo mit einfacher Unterhaltung abgetan hatte. Auch der charmante Buffo von Baden, Sándor Németh, konnte in der Szene, die in den Inhaltsangaben der Programmhefte gar keine Beachtung fand, nicht das geben.

Die Pflege der Werke von Robert Stolz wird großgeschrieben. So auch bei dem selten gespielten musikalischen Lustspiel „Kleiner Schwindel in Paris“ (ursprünglich „Der süßeste Schwindel der Welt“). Der sonst als ausgezeichneter Buffo eingesetzte Roman Martin hat hier die männliche Hauptrolle, eine „Peter Alexander-Rolle“ bravourös gemeistert. Gabriele Kridl, ein besonderer Publikumsliebling, gab die Malerin Jeanette Frappier. Im Gegensatz zu den US-amerikanischen Musicals, in denen für die männliche Hauptrolle die Stimmlage Bariton bevorzugt wird, gibt es bei unsren Operetten ein Ungleichgewicht zugunsten der Tenöre. Mit der eingeschobenen Robert Stolz-Komposition „Auf der Heide blühn die letzten Rosen“ konnte Dieter Schreer endlich einmal seinen schönen Bassbariton zur Geltung bringen.

Paul Abraham, Die Blume von Hawaii, Kongress & TheaterHaus Bad Ischl

In der Revue-Operette „Die Blume von Hawaii“, Musik von Paul Abraham gewürzt mit Jazz, geht es um den 50. Bundesstaat der USA. Unter dem Deckmantel der Wahl einer Blumenkönigin soll die Monarchie und Unabhängigkeit wiederhergestellt werden. Der Gouverneur wittert die Gefahr einer Rebellion. Zum Schluss bleibt „der Friede durch Vermischung“ (Zitat aus „Auf den Mensch gekommen“ von Bernhard Grzimek) zwischen Hawaiianern und Amerikanern erhalten. Als wir die Operette sahen, hatten wir noch nicht die Erfahrung gemacht, dass Teile des französischen Staatsgebiets im Südpazifik kleine Königreiche sind, deren Könige mehr Einfluss haben als die europäischen Monarchen, und das im eher zentralistischen Frankreich. Die aparte Johanna Arrouas, damals am Theater in der Josefstadt engagiert, startete in Baden ihre große Karriere als Sängerin und war in dieser Operette als Journalistin Katherine und auch als Nichte des amerikanischen Gouverneurs Bessy zu bewundern.

Als „gold’ne Meisterin“ lernten wir in der Titelrolle Monika Trabauer, eine Hilde Zadek-Schülerin, erst richtig kennen und schätzen. Ein erfreuliches Wiedersehen und –hören als Regine gab es in „Hochzeitsnacht im Paradies“ von Friedrich Schröder. Sie musste nur achtgeben, dass es sich die Regisseure nicht zur Gewohnheit machen, sie jedes Mal zu tief ins Glaserl schauen zu lassen.

© Bühne Baden

Operettenabende der letzten Jahre: Bei Richard Heubergers „Der Opernball“ hegten wir Zweifel, ob man mit diesem Stück oder zumindest mit der Art der Präsentation die Jugend für die Kunstform der Operette begeistern kann. Das Sujet ähnelt der Oper „Così fan tutte“, aber diesmal „tutti“. Von einem Happy End lässt sich nicht sprechen. Eine Nacht hat alles verändert. Die gutgläubige Elise bleibt desillusioniert zurück. Eine zündende Melodie „Komm mit mir ins Chambre séparée“ ist zu wenig. Die Besetzung machte vieles wett. Bezeichnend steht an erster Stelle der Liste der Name Julia Koci als Kammermädchen Hortense, die auch als Erste lobend erwähnt gehört. In fairem Wettbewerb singen Barbara Payha (Elise) und Frauke Schäfer (Margret). Hortenses Verehrer Heini ist der Mezzosopran Elvira Soukop, den wir uns in kleineren Häusern schon als Octavian vorstellen können. Die beiden Ehemänner werden von den Tenören Thomas Sigwald und Matjaž Stopinšek gesungen. Sigwald lässt im Laufe des Abends einen schönen Mozarttenor hören, ein Wiederhören wünschen wir mit dem charmanten Stopinšek.

„Der Carneval in Rom“ von Johann Strauß ist eher eine Rarität, aber kein Schmankerl. Hinweise auf den Inhalt der Operette können wir uns ersparen. Das Stück enthält viele abgegriffene Witze. Banale Musiknummern wechseln mit eleganten Melodiebögen und man merkt auch bei diesem nicht so bekannten Werk von Johann Strauß in gewissen Momenten seinen Hang zur Oper. Gelungen fanden wir die Verwandlung auf offener Bühne der verschneiten Alpenszenerie zum wärmeren, großstädtischen Rom. Das erinnerte uns stark an einen spätherbstlichen Abend am Kaminfeuer in einem Tiroler Gasthaus und dem Abendessen am folgenden Tag im Freien auf einer römischen Piazza.

Jerica Steklasa. Foto: © Martin Teschner

In guter Erinnerung bleibt uns das Auftreten der Sympathieträgerin Jerica Steklasa, damals 24 Jahre, ein glückliches Casting. Beim Surfen in Youtube trifft man auf eine willensstarke Künstlerin. Und als Gegenspielerin (Im Doppelsinn) der fulminant höhensichere Sopran mit großer professioneller Erfahrung von Barbara Payha. Wir haben im Stadttheater am Ende einer Aufführung noch nie so eine laue Aufnahme seitens des Publikums erlebt. Wir führen das auf zwei Ursachen zurück. Erstens hat die Lösung der Spannung vor dem Finale Hänger und zweitens endet das Stück in Nachdenklichkeit ohne Feuerwerkslaune.

„Die Kaiserin“ oder „Fürstenliebe“. Der Vater der Operette Jacques Offenbach machte im Gewand der Mythologie aktuelle politische Anspielungen. Leo Fall und seine Librettisten Julius Brammer und Alfred Grünwald gehen während des Ersten Weltkriegs zurück in die Zeit des Rokoko. Da kann man niemandem mehr wehtun. Das Stück kommt ohne Ohrwürmer aus, aber Miriam Portmann beeindruckte schon bei ihrem ersten Auftritt als Maria Theresia. Gemälde und Geschichtsschreibung können kein Bild geben, wie sich Maria Theresia im alltäglichen Leben und privat verhalten hat. Mit Schönbrunner Deutsch und etwas hausbacken, aber mit willensstarkem Auftreten, wie hier gebracht, können wir sie uns schon gut vorstellen.

Sommereggers Klassikwelt 41: Metropol-Theater Berlin klassik-begeistert.de

Reinhard Alessandri war als Begründer des Hauses Habsburg-Lothringen gut gewählt. Bei seinen Gesangsnummern wurden wir des Öfteren an eine Bemerkung von Sylvias Gesangspädagogin Ella Firbas erinnert, als sie mir zu Weihnachten eine Schellack-Platte ihres damaligen Lieblingsschülers schenkte: „Er will halt Tenorales singen.“

Su Pitzek hatte mit den das Bühnenbild beherrschenden großen Spiegeln und ihren Spiegelungen, die bekanntlich Weiträumigkeit vortäuschen, einen guten Einfall. Die Kostüme (Devi Saha) zeigen, dass es immer Episoden der Verweiblichung der Männermode gibt. Jede Zeit hat ihre Modetorheiten. Besonders aus dem Damenchor ließen sich interessante Stimmen heraushören.

Das Dreimäderlhaus, typisch Biedermeier © Christian Husar
Jörg Schneider als Maler in „Lulu“ mit Agneta Eichenholz © Michael Poehn

Neben der Operette erhält auch das Genre des Singspiels auf der Bühne seinen Platz. Beispiel: „Das Dreimäderlhaus“, Musik von Franz Schubert, bearbeitet von Heinrich Berté. „Viel Freude am Jugendstil!“ wünschte Eberhard Waechter seinen weiblichen Fans vor einer „Salome“-Aufführung mit dem Bühnenbild von Jürgen Rose, bevor er in die Garderobe verschwand. „Viel Freude am Biedermeier!“ hätten wir vor der Sommerarena der Biedermeierstadt Baden den Besuchern wünschen können. „Der Schubert“ Jörg Schneider schwärmte ein gutes Jahr später in der Wiener Staatsoper für Lulu und der „Hirtenknabe“ Juliette Khalil auf der Engelsburg (Tosca, Wiener Staatsoper) entwickelte sich zum feschen Hannerl.

Jörg Schneider als Franz Schubert © Christian Husar

Ich hatte früher mehrmals den Traum, ich säße in einem Schauspielhaus (zum Beispiel dem Volkstheater), der Vorhang geht auf und ich erlebe eine Oper. Viele verbinden Baden nur mit Operetten. Aber im Stadttheater ist der Ehrgeiz auch für Opern vorhanden.

Orpheus in der Unterwelt © Lukas Beck

Als Brücke sind Jacques Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ und „Die schöne Helena“ zu sehen. Bei Offenbach werde ich immer an zwei Damen erinnert, die nach einer Vorstellung von „La Perichole“ in der Wiener Volksoper beim Hinausgehen von der Feinsinnigkeit seiner Musik sprachen, auf die ich seither besonders achte. Im „Orpheus“ hatten wir es mit einem Crossover zu tun. Den Jupiter sang Georgij Makazaria, der Gründer und Sänger der erfolgreich quer durch Europa tourenden Kultband „Russkaja“.

Lothar und Sylvia Schweitzer, 13. August 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Verachtet mir die Stadt- und Landestheater nicht, und ehrt mir ihre Kunst (3): Das Salzburger Landestheater

Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk  im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“

Lothar und Sylvia Schweitzer

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