Gatti und Dresdner lassen Wagner und Debussy erstrahlen

Sächsische Staatskapelle Dresden, Daniele Gatti  Alte Oper Frankfurt,1. Juni 2026

Public Viewing auf dem Opernplatz vor der Alten Oper Frankfurt © Alte Oper Frankfurt/Wonge Bergmann

PROGRAMM

Richard Wagner
Vorspiel zu „Die Meistersinger von Nürnberg“

Camille Saint-Saëns
Cellokonzert Nr. 1 a-moll op. 33

Richard Wagner
Vorspiel zum dritten Aufzug und Karfreitagszauber aus „Parsifal“

Claude Debussy
La Mer

Sächsische Staatskapelle Dresden

GAUTIER CAPUÇON, Violoncello
DANIELE GATTI, musikalische Leitung

Alte Oper Frankfurt, 1. Juni 2026

von Dirk Schauß

Es war ein richtiges Orchesterfest an diesem lauen ersten Juniabend. Vor der Alten Oper herrschte eine sommerliche Atmosphäre. Viele Menschen hatten sich nicht nur im großen Saal eingefunden, sondern auch auf dem Opernvorplatz, wo das Konzert per Kamera live übertragen wurde. Draußen die Vorfreude – und drinnen wurde sie mehr als erfüllt.

Man spürt es sofort, wenn ein Orchester mit einer Partitur so vertraut ist wie mit der eigenen Geschichte. Die Sächsische Staatskapelle Dresden und Wagner – das ist eine Verbindung, die tief in die Knochen geht. Ob Wagner sie tatsächlich einmal seine „Wunderharfe“ genannt hat oder nicht, spielt am Ende keine Rolle. An diesem Abend in Frankfurts Alter Oper klang es jedenfalls genau so. Die Sächsische Staatskapelle Dresden brachte unter Leitung von Daniele Gatti ein Programm mit, das wie eine musikalische Brücke zwischen Deutschland und Frankreich wirkte. Wagner, Saint-Saëns und Debussy – drei Komponisten, die ihre Nationen repräsentierten, sich aber auch gegenseitig inspirierten und abstießen.

Tournee-Stopp von Sächsische Staatskapelle Dresden unter Chefdirigent Daniele Gatti und dem Cellist Gautier Capuçon am 01.06.2026 in Alte Oper Frankfurt © Oliver Killig

Schon mit den ersten Takten des Vorspiels zu den Meistersingern von Nürnberg öffnete sich der Saal weit. Gatti dirigierte den gesamten Abend auswendig – auch das folgende Cellokonzert – und man merkte sofort, wie frei und natürlich die Musik dadurch floss. Heiter, festlich und mit einem federnden Schwung entfaltete sich Wagners Polyphonie. Die Dresdner spielten mit einer Selbstverständlichkeit und Präzision, die bewundernswert war: der Kontrapunkt leuchtete kristallklar, die Dynamik atmete dramaturgisch, von zarten Streicherlinien bis zu den jubelnden Blechfanfaren. Es war Wagner voller Lebensfreude, Augenzwinkern und menschlicher Wärme – genau so, wie Hans Sachs es vielleicht selbst gewollt hätte.

Dann betrat Gautier Capuçon die Bühne. Sein Auftritt im ersten Cellokonzert a-Moll op. 33 von Camille Saint-Saëns wurde zu einem der Höhepunkte des Abends. Capuçons Cello sang mit einem samtig-dunklen, unglaublich vollen Ton, der einem direkt unter die Haut ging. Er musizierte mit leidenschaftlicher Hingabe und zugleich aristokratischer Eleganz, suchte immer wieder den Blickkontakt zu Gatti und den Musikern.

Tournee-Stopp von Sächsische Staatskapelle Dresden unter Chefdirigent Daniele Gatti und dem Cellist Gautier Capuçon am 01.06.2026 in Alte Oper Frankfurt © Oliver Killig

Das Orchester tanzte mit ihm – leicht, spielerisch, voller französischer Leichtigkeit und romantischem Herzblut. Man vergaß beinahe, dass dieses Werk nur ein Jahr nach dem deutsch-französischen Krieg 1871 entstanden war. Hier klang es wie pure Zukunftsmusik. Als Zugabe zauberten Capuçon und sechs Cellisten der Staatskapelle das Blumenduett aus Léo Delibes’ Lakmé auf die Bühne. Sieben Celli vereinten sich zu einem seidigen, schwebenden Klangteppich von solcher Intimität und Schönheit, dass der ganze Saal den Atem anzuhalten schien. Ein Moment reiner Magie.

Tournee-Stopp von Sächsische Staatskapelle Dresden unter Chefdirigent Daniele Gatti und dem Cellist Gautier Capuçon am 01.06.2026 in Alte Oper Frankfurt © Oliver Killig

Nach der Pause wurde es tiefer und andächtiger. Das Vorspiel zum dritten Akt und der Karfreitagszauber aus „Parsifal“ breiteten sich aus wie ein sanftes, segnendes Licht. Gatti ließ sich viel Zeit, führte das Orchester in hauchzarte, durchsichtige Klangschichten. Man spürte die Verzweiflung Parsifals, dann das plötzliche Aufblühen der Natur – diese utopische Vision von Mitgefühl und versöhnter Schöpfung. Die Dresdner spielten mit einer Innigkeit und Farbsensibilität, die berührte. Ihr dunkler, goldener, seelenvoller Klang entfaltete sich hier in seiner ganzen Pracht. Gleichzeitig war es eine kluge Wahl, da bereits Wagners finales Werk durchaus impressionistische Klänge aufzeigt.

Tournee-Stopp von Sächsische Staatskapelle Dresden unter Chefdirigent Daniele Gatti und dem Cellist Gautier Capuçon am 01.06.2026 in Alte Oper Frankfurt © Oliver Killig

Denn der Schluss gehörte Claude Debussy. Nahtlos folgte dessen „La Mer“. Und plötzlich war das Meer im Saal. Gatti und die Kapelle malten mit unglaublicher Farbempfindlichkeit: das zögernde Morgengrauen, das Glitzern der Wellen, das wilde Gespräch von Wind und Wasser. Die Streicher wisperten und rauschten, die Bläser sprudelten, die Harfen legten silberne Schleier darüber. Besonders beeindruckend waren die feinen Valeurs im Schlagwerk und die Transparenz der zahllosen Nebenstimmen. Debussy hatte von Wagner gelernt, ging aber seinen eigenen, sinnlichen Weg. Das Finale steigerte sich zu einem gewaltigen, farbenprächtigen Rausch, der einen glücklich und zugleich demütig zurückließ.

Public Viewing auf dem Opernplatz vor der Alten Oper Frankfurt in Frankfurt am Main am Montag, 01. Juni 2026 im Rahmen des Orchesterfestes 2026 mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Daniele Gatti und Gautier Capuçon/ Violoncello.

Als der letzte Ton verklungen war, brach ein langer, herzlicher Jubel los – im Saal und sicher auch draußen auf dem Vorplatz. Die Menschen riefen Daniele Gatti immer wieder zurück. Es war mehr als nur ein Konzert. Es war ein Orchesterfest voller Atmosphäre, Klangmagie und echter Hingabe.

Ein Abend, an dem die alte Spannung und Faszination zwischen deutschem und französischem Geist spürbar wurde – versöhnt durch Musik. Die Sächsische Staatskapelle Dresden hat einmal mehr bewiesen, warum sie zu den allergrößten Orchestern der Welt gehört. Und Frankfurt durfte sich an diesem lauen Juniabend ein wenig verzaubert fühlen.

Dirk Schauß, 2. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Sächsische Staatskapelle Dresden, Daniele Gatti Musikverein Wien, 24./25. Mai 2026 

Gewandhausorchester Leipzig, Andris Nelsons Alte Oper Frankfurt, 17. Mai 2026

London Symphony Orchestra, Denis Kothukhin, Sir Antonio Pappano Alte Oper Frankfurt, 30. April 2026

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *