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Im Juni 2023 verfassten wir eine „Klassikwelt“ unter dem kurzen Titel „Aber“. Wir stellten fest, dass oft bei Rezensionen dieses Wörtchen zumindest einschränkend gebraucht wird. Diesmal gehen wir der Bedeutung der Wörter „etwas, ein wenig, ein bisschen“ in Opernkritiken nach.
Vorwegnehmend können wir sagen, dass man mit diesen Ausdrücken eine harsche Kritik vermeiden will. Gehen wir der Sache nach! Wenn über eine „Götterdämmerung“ zu lesen ist, dass Siegfrieds Rheinfahrt ein bisschen zu pathetisch ausfiel, geht es um Nuancen. Wenn eine Rezensentin „etwas bemängeln möchte, dann, dass der Guglielmo manchmal etwas angestrengt klang“, im folgenden Nebensatz einräumend, dass dies nicht störte.
von Lothar und Sylvia Schweitzer
Wenn wir lesen, dass ein Bariton für die Rolle des Don Giovanni noch etwas dunkler timbriert sein könnte, so bin ich da von Vorurteilen bestimmt, befangener und strenger, klingen doch einige Don Giovannis im Vergleich zu Cesare Siepi auf der historischen Decca-Aufnahme mir zu hell.
Eine Variation ist „nicht immer“. Wir verstanden das zum Beispiel, dass nur bei manchen Liedern die Sängerin an ihr Niveau als Opernsängerin nicht herankommt.
Auch die zweite Steigerungsstufe, der Komparativ, kann in dieselbe Richtung weisen, wenn eine ebenmäßige und schöne Stimme in einer Rolle noch differenzierter einzusetzen wäre.
Das vierbuchstabige Wort „fast“, gehört ebenfalls in diesen nicht deutlich abgegrenzten Bereich. Wenn ein Sachs fast zu lyrisch Gutmütigkeit und Sanftheit präsentiert und dann mit Beckmesser ein böses Spiel treibt.
Wir selbst schrieben über eine „Turandot“, dass der eine tenorale Minister ein klein wenig präsenter war. Doch schränkten wir diese Beckmesserei in seinem Wert ein, wenn es im nachfolgenden Kommentar heißt: „Ein gelungenes Terzett.“
Einen derart üppigen und edel geführten Mezzo hat ein Rezensent als Herodias („Salome“) noch nie gehört. Nur es fehlte ein wenig im Spiel, aber er hofft auf eine Wiederbegegnung in anderen Partien.
Eine Sängerin, die – vielleicht anachronistisch – mehr auf Helligkeit und Glanz bedacht ist als auf Rundung, kann etwas zu kühl für einen lyrischen Sopran wirken. Aber die Kritikerin lässt sich von dieser Susanna auf der anderen Seite ebenso wie der Graf Almaviva bezaubern. Bei der nächsten Aufführung wird die Stimme der gleichen Sängerin von einer anderen Rezensentin als silbrig beschrieben. Hier überwiegt das Positive, obzwar das Adjektiv „golden“ mehr Wärme ausdrücken würde.
Eine Sängerin konnte als Troubadour-Leonora mit feinem, klarem Sopran beindrucken, obwohl sich der Hörer ein bisschen mehr voluminöse Tiefe gewünscht hätte. Eine beeindruckende Leistung muss also nicht makellos sein! Auch die „Göttlichen“ (Diven) steigen manchmal ins allzu Menschliche herab. Es sind meist keine durchgängigen Schwächen, aber jedem kann etwas hin und wieder misslingen. Ein zu scharfer Ton, eine unsaubere Koloratur, eine plötzliche Nicht-Konzentration.
Bei genauerer Betrachtung ist uns aufgefallen, dass in unserer Sammlung von Zitaten aus Rezensionen, die oben genannten Ausdrücke fast gänzlich fehlen, weil wir einen anderen Stil bevorzugen, wie zum Beispiel: „Über gelegentliches Zittern und über angeraute Töne ließ es sich einfach nicht hinweghören.“ Über einen Lohengrin berichteten wir einerseits, dass er Klarheit und Reinheit vermittelte, andrerseits wir gegenüber dem Chor der edlen Mannen und Frauen keine Führungsrolle heraushörten. Oder wir sprechen eine bestimmte Stelle direkt an: „Sind halt aso, die jungen Leut’. Dieser berühmte Satz Faninals, auf den wir uns gefreut haben, war kaum vernehmbar.“ Von einem Tannhäuser wird berichtet, dass es um seine Stimmschönheit weniger gut bestellt ist. Wir hingegen, wurden bei dem Sänger anfangs daran erinnert, dass einem Charaktertenor vor vielen Jahren in Bayreuth der Tannhäuser angeboten wurde, dieser jedoch ablehnte. Statt ein wenig verwendeten wir einmal bei einer Marschallin eindeutiger „zu wenig verfeinert“. Und einmal ging es auch uns um Nuancen, wenn wir verständnisvoll über die Contessa und die Susanna in „Le nozze di Figaro“ schrieben: „Es scheint der Hang zu einer weniger lyrischen und mehr dramatischen Auffassung der Partien zu bestehen.“
Einmal verwendeten wir das Wörtchen etwas im durchaus positiven Sinn, als wir schrieben: „Seit ihrer Cio-Cio-San hat sich die Stimme der Sängerin etwas weiter entwickelt, was für diese Verdi-Partie Voraussetzung ist.“
Lothar und Sylvia Schweitzer, 29. September, 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Lothar und Sylvia Schweitzer
Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“
Schweitzers Klassikwelt 172: Ariadnes Nymphen klassik-begeistert.de, 15. September 2026