ARIADNE 2026 E.ROGNERUD E.SIERRA I.ROBERTS A.KAMPE M.GANTNER (c) Geoffroy Schied
Mit der aktuellen Wiederaufnahme der Ariadne auf Naxos würdigt die Bayerische Staatsoper nicht nur eine meisterlich minimalistische, inzwischen 18 Jahre alte Inszenierung, sondern feiert ein Fest der Stimmen und der Musik.
von Sandra Grohmann
Richard Strauss, Ariadne auf Naxos
Oper in einem Aufzug nebst einem Vorspiel (1916)
Libretto von Hugo von Hofmannsthal
Robin Ticciati Musikalische Leitung
Robert Carsen Inszenierung
Peter Pabst Bühne
Falk Bauer Kostüme
Manfred Voss Licht
Marco Santi Choreographie
Ingrid Zellner Dramaturgie
Bayerisches Staatsorchester
Opernballett der Bayerischen Staatsoper unter der Leitung von Magdalena Padrosa
Bayerische Staatsoper, Nationaltheater, 16. Oktober 2026
Es lebe das deutsche Repertoiretheater, einmal mehr. Wie würden wir die Inszenierungen aus früheren Jahren, die inzwischen den Status des Klassischen für sich beanspruchen können, vermissen, würden sie nicht immer wieder auf die Bretter gebracht. So dieses Jahr die Ariadne auf Naxos von Strauss/Hofmannsthal, diesem genialen Opernduo. Am 24. Juli 2008 erstmals gezeigt, wurde die Inszenierung von Robert Carsen in vielen Spielzeiten wiederaufgenommen, aktuell am 12. Oktober 2026.

Die Oper über den Kunstbetrieb, über die Liebe an sich, über Selbstüberwindung, Pragmatismus und Verwandlung und sicher noch viele andere Themen teilt sich in ein Vorspiel und eine Aufführung als Theater auf dem Theater. Das Vorspiel zeigt uns, wie ein Komponist gezwungen wird, einem Einfall seines Auftraggebers nachzugeben. Er muss zulassen, dass gleichzeitig mit seiner tragischen Oper Ariadne auch noch eine Commedia dell’arte-Posse gegeben wird. Nicht nur der Komponist, sondern auch alle Zuschauer dürften sich an jedem Aufführungsabend sicher sein, dass die Sache schiefgehen muss.
Geht sie aber nicht, wie der zweite Teil zeigt. Zur Auffrischung: Ariadne ist die kretische Prinzessin, die Theseus aus Liebe geholfen hat, den ungeheurlichen Minotauros zu töten und danach aus dem Labyrinth, in dem das Biest wohnte, mit Hilfe eines Fadens – des später nach ihr so genannten Ariadne-Fadens – wieder herauszufinden. Nachdem das gelungen ist, muss sie mit Theseus fliehen, weil ihr Vater die ganze Aktion nicht so toll fand. (Man fragt sich, warum, denn Geschichte und Existenz des Minotauros scheinen geeignet, für den König von Kreta eher peinlich bis problematisch zu sein, aber das ist eine andere Geschichte.) Theseus lässt seine Retterin bedauerlicherweise auf dem Weg nach Athen auf Naxos sitzen, worüber Ariadne untröstlich ist.

Der zweite Teil der Oper von Strauss/Hofmannsthal stellt diesen antiken Stoff dar. Ariadne betrauert ihr Schicksal an einem Strand von Naxos, und die Commedia dell’arte-Truppe platzt herein, um sie aufzuheitern. Ganz wie bei Shakespeare und ganz wie im richtigen Leben stehen das Tieftraurige und das Burleske nebeneinander. Schließlich gelangt der Gott Bacchus, der – noch etwas feucht hinter den Ohren – gerade der Zauberin Circe entkommen ist, an Ariadnes Strand. Er möchte die schöne Frau, die ihn für den Todesboten hält, mitnehmen. Aufgrund des Missverständnisses und weil Ariadne gern das Leben hinter sich lassen möchte, werden die beiden handelseinig, und damit endet die Oper.

Wer sich ob dieser Handlung nicht mit dem Leben an sich versöhnt, dem gelingt es vielleicht aufgrund der gelungenen Aufführung. Irene Roberts als Komponist leitet, gemeinsam mit „Musiklehrer“ Martin Gantner, das Vorspiel mit gewohnter Stimmkraft und -fülle ein. Das Versprechen auf einen stimmlich herausragenden Abend wird weiter erfüllt von Primadonna/Ariadne Anja Kampe, die insbesondere im zweiten Teil trotz einiger weniger Schärfen im höheren Register mit trauernder Tiefe und großer Stimmkraft zu überzeugen weiß. Ihr zur Seite verleiht Brian Jagde dem Tenor/Bacchus ein heldisches Strahlen, dem man sich erschaudernd hingibt. Dass er hier zum Gott ersteht – also quasi erwachsen wird – und Ariadne ihm freudig folgt (wenn auch vermeintlich auf die andere Seite des Styx), ist absolut nachvollziehbar.

Als Zerbinetta glänzt Sabine Devieilhe ebenfalls vor allem im zweiten Teil, wo sie, umrahmt von ihren aktuellen Verehrern, zugleich zuckersüß und spitz ihre Weisheiten über die Liebe ins Publikum schleudert, das aus dem Vorspiel indes weiß: Hier spricht nur eine Bühnenperson. Die wirklichen Sehnsüchte gibt sie im Theater auf dem Theater nicht preis. Sie hat sie aber im Vorspiel dem Komponisten anvertraut.

Diese im Libretto angelegte Vielschichtigkeit wird von der Inszenierung gespiegelt. Hier ist zu erleben, wie fast ausschließlich mit präziser, aus dem Stück heraus entwickelter Personenregie die Erzählstränge, die Beziehungen zwischen den Figuren und deren uneindeutige Gefühlslagen sichtbar gemacht werden können. Das inszenatorische Meisterwerk von Robert Carsen steht völlig zu Recht seit bald zwanzig Jahren auf dem Spielplan. Vielen anderen Opernaufführungen täte es gut, von einigem inszenatorischen und requisitorischen Ballast befreit und von der Regie her auf das Wesentliche reduziert zu werden.
Last, but not least trägt zu dem äußerst gelungenen Opernabend auch das Bayerische Staatsorchester unter Robin Ticciati bei. Trotz breiten Pinsels in den dramatischen Passagen buttert es die Sänger niemals unter, und es vermag die Handlung zu tragen, weil es den Chiaroscuro-Effekt, das Nebeneinander von Hell und Dunkel, von Lustig und Traurig, mitträgt.
Witzige Kommentare aus dem Orchestergraben sind eben nur für den armen Komponisten der Ariadne eine Qual. Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal nehmen sich damit selbst auf den Arm, machen sich über den Musikbetrieb lustig – und lassen uns doch teilhaben an ganz großer, uneindeutiger, anregender Kunst.
Sandra Grohmann, 17. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Besetzung:
Kurt Rydl Der Haushofmeister
Martin Gantner Ein Musiklehrer
Irene Roberts Der Komponist
Brian Jagde Der Tenor/Bacchus
Zipei Zheng Ein Offizier
Tansel Akzeybek Ein TanzmeisterHector Bloggs Ein Perückenmacher
Christian Rieger Ein Lakai
Sabine Devieilhe Zerbinetta
Anja Kampe Primadonna/Ariadne
Konstantin Krimmel Harlekin
Joel Williams Scaramuccio
Paweł Horodyski Truffaldin
Lucas van Lierop Brighella
Sarah Dufresne Najade
Emily Sierra Dryade
Eirin Rognerud Echo
Richard Strauss, Ariadne auf Naxos, Ersan Mondtag Regie Haus für Mozart, Salzburg, 10. August, 2026
Richard Strauss, Ariadne auf Naxos Haus für Mozart, Salzburg, 7. August 2026
Richard Strauss, Ariadne auf Naxos Haus für Mozart, Salzburg, 2. August 2026
Richard Strauss, Ariadne auf Naxos Staatsoper Hamburg, 5. Februar 2025