Daniels Anti-Klassiker 13: Anton Bruckner – „Nullte“ Sinfonie in d-Moll (1869)

Daniels Anti-Klassiker 13: Anton Bruckner – „Nullte“ Sinfonie in d-Moll (1869)

Höchste Zeit, sich als Musikliebhaber neu mit der eigenen CD-Sammlung oder der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen. Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der sogenannten „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese sarkastische und schonungslos ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.

von Daniel Janz

Ist es nicht so, dass der größte Kritiker an einem Produkt immer dessen Erschaffer ist? Definitiv finden sich einige Beispiele, bei denen dieser Drang sogar in der Zerstörung oder mutwilligen Denunziation eigener Werke endete. So auch Anton Bruckner, der einer seiner Schöpfungen so ablehnend gegenüberstand, dass er sie als annullierte und damit „nullte Sinfonie“ betitelte. Wenn es nach ihm ginge, ist diese „kompositorische Katastrophe“ ein Werk, so furchtbar, dass es die Welt nicht zu Gesicht bekommen dürfte, geschweige denn in einem Konzertsaal aufgeführt werden sollte. Mit anderen Worten: Das schlechteste Werk klassischer Orchestermusik aller Zeiten!

Halten Sie sich also fest, liebe Lesende, wenn ich mich nun diesem absoluten Novum widme: Das wird heute ein Eintauchen in die musikalischen Abgründe des 19. Jahrhundert! Oder etwa nicht?

Von vielen Bruckner-Sinfonien existieren heute mehrfache Fassungen, weil er seine Werke im Sinne der Selbstverbesserung immer wieder revidierte, um sie dem „besseren Geschmack“ anzupassen. Nicht so seine „Nullte“. Bald nach deren Fertigstellung wuchs Bruckners Unzufriedenheit mit seiner eigenen Schöpfung, 1871 zog er sie sogar zurück. Noch bis kurz vor seinem Tod (1896) lehnte er das Werk ab, vergaß aber aus bisweilen ungeklärten Gründen, diese Gefahr für Mensch und Leben ganz zu vernichten. Das Titelblatt warnt heute stattdessen ausdrücklich vor dieser Musik durch Anmerkungen wie „ungiltig“, „ganz nichtig“ und „annulirt“.

Stein des Anstoßes war – glaubt man den Anekdoten – der damalige Wiener Hofopernkapellmeister Simon Sechter, der Bruckner nach Fertigstellung der Sinfonie unschuldig fragte, wo denn im ersten Satz das Hauptthema wäre. Schon damals muss diesem guten Mann klar gewesen sein, es hier mit einer musikalischen Sensation im negativen Sinne zu tun gehabt zu haben. Nur leider ging sein Spürsinn in eine falsche Richtung, lässt sich beim Hören des ersten Satzes doch sehr klar ein Hauptthema finden.

Was man dem ersten Satz stattdessen vorwerfen könnte, wäre gestalterische Unklarheit. Er wirkt überladen, ganze drei Themen sind in eine Laufzeit von knapp 14 Minuten gequetscht und erleben dadurch wenig Möglichkeit der Verarbeitung zu- oder gegeneinander. Dadurch stellt sich ein episodischer Charakter ein, dem das Eingangsthema gegenübergestellt wird. Das Element der Wiederholung, das helfen würde, die an und für sich hochromantischen Nebenthemen ebenfalls zu festigen, ist stattdessen zu eingeschränkt vorhanden. Auch eine gewisse Rohheit der Musik lässt sich dadurch besonders zum Schluss des Satzes erkennen.

Das alleine ist aber kein Grund für das Markenzeichen „schlechteste Sinfonie aller Zeiten“. Ungelenktheit ist eher ein Element, das sich bei Kompositionsanfängern findet. So stellt sich auch der zweite Satz zwar als eine gewisse Schwäche, aber nicht als die Vollkatastrophe dar, die man nach Bruckners überhasteter Reaktion erwarten würde. Dieser Satz plätschert zwar nur so vor sich hin, sodass sein Verweilen in wehmütigen Passagen gelegentlich in Langeweile abdriftet. Doch lässt sich den Melodien zu viel Schönes abgewinnen, um sie als „schlecht“ zu kennzeichnen.

Auch der dritte Satz mit seinem inhaltlichen Auf und Ab reiht sich in diesen Eindruck ein. Dessen Einstieg ist höchstdramatisch und vermittelt darüber hinaus jene Klarheit, die der zweite Satz vermissen lässt. Einzig der ungelenkte Gegenpart zur Satzmitte wirkt belanglos. Für die „schlechteste Sinfonie aller Zeiten“ ist der geschaffene Kontrast aber handwerklich und auch im Ausdruck zu spezifisch getroffen. Pointiert abwechslungsreiche Schärfe, ausgeprägte Melodieführung, Stimmenreichtum, hörbarer Kontrapunkt und das Qualitätsmerkmal „minderwertig“? Das passt nicht zusammen.

Ähnlich müßig gestaltet sich dann auch der Versuch, das Finale als „total missraten“ charakterisieren zu wollen. Klar, es ließe sich die ungelenkte Einleitung anführen oder der Eindruck, dass Bruckner auch hier versucht, zu viel auf einmal zu präsentieren, anstatt sich auf einen oder zwei Gedanken zu fokussieren. Es ist ein merkwürdig gemischter Eindruck der Langeweile im Kontrast zum vollen Orchester und dann wieder chaotisch anmutenden Zwischenspielen, der sich hier einstellt. Trotzdem kann man dieser Musik aber erkennbare Themen, einen gewissen Ausdruck und eine ihr innewohnende Dramaturgie nicht absprechen.

Bruckners Label, dieses Werk in seiner Unzufriedenheit auf die Stufe total missratener Kompositionen stellen zu wollen, ist damit in sich ein missratener Versuch. Am Label des „schlechtesten Werk klassischer Orchestermusik aller Zeiten“ scheitert diese Sinfonie jedenfalls. Eher sortiert sie sich irgendwo zwischen Brahms Erster und Mahlers Siebter in die Reihe musikalischer Problemkinder voller Lernprozesse ein.

Was sich an dieser „genullten“ Sinfonie allerdings gut nachvollziehen lässt, sind Tendenzen, die späteren Bruckner-Sinfonien zu ihrer Ausdrucksstärke verholfen haben, wie der kontrastreiche Satzaufbau, eindrucksvolle Klanggemische mit vollem Bläserapparat und hochromantische Themen auf Basis einfacher Intervalle. Als frühes Experiment hat diese Sinfonie zurecht ihren Stand in der historischen Forschung zu Bruckner. Ein Glücksfall, dass er die Partitur in seinem Anflug von Selbstzweifel nicht gleich verbrannte, wie beispielsweise seine Zeitgenossen Jean Sibelius oder Eduard Strauß, dessen Familie sich der nächste Beitrag dieser Reihe widmen wird.

Ja, es gibt klarere, ausdrucksstärkere und technisch fundiertere Bruckner-Sinfonien wie die Dritte, die Vierte oder die Achte. Aber dieses Werk deshalb als „ungiltig“ tilgen zu wollen, erscheint dann doch ein bisschen arg überdramatisch. Vom Prädikat „schlechteste Sinfonie aller Zeiten“ ist es trotz gewisser Schwächen und Längen immer noch weit entfernt.

Daniel Janz, 21. Mai 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Daniel Janz, Jahrgang 1987, Autor, Musikkritiker und Komponist, studiert Musikwissenschaft im Master. Klassische Musik war schon früh wichtig für den Sohn eines Berliner Organisten und einer niederländischen Pianistin. Trotz Klavierunterricht inklusive Eigenkompositionen entschied er sich gegen eine Musikerkarriere und begann ein Studium der Nanotechnologie, später Chemie, bis es ihn schließlich zur Musikwissenschaft zog. Begleitet von privatem Kompositionsunterricht schrieb er 2020 seinen Bachelor über Heldenfiguren bei Richard Strauss. Seitdem forscht er zum Thema Musik und Emotionen und setzt sich als Studienganggutachter aktiv für Lehrangebot und -qualität ein. Seine erste Musikkritik verfasste er 2017 für Klassik-begeistert. Mit Fokus auf Köln kann er inzwischen auch auf musikjournalistische Arbeit in Österreich, Russland und den Niederlanden sowie Studienarbeiten und Orchesteraufenthalte in Belgien zurückblicken. Seinen Vorbildern Strauss und Mahler folgend fragt er am liebsten, wann Musik ihre angestrebte Wirkung und einen klaren Ausdruck erzielt.

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Ein Gedanke zu „Daniels Anti-Klassiker 13: Anton Bruckner – „Nullte“ Sinfonie in d-Moll (1869)“

  1. Da Bruckner das Manuskript der „Nullten“ nicht vernichtete, sondern als ungültig markierte, nehme ich an, dass er eine Überarbeitung plante. Das wäre in Anbetracht des Potentials vor allem des dritten und vierten Satzes unbedingt lohnend gewesen. Irgendwie kam er wohl nicht dazu…

    Lorenz Kerscher

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