Daniels Anti-Klassiker 6: Camille Saint-Saëns „Karneval der Tiere“ (1886)

Daniels Anti-Klassiker 6: „Karneval der Tiere“ (1886)  klassik-begeistert.de, 23. August 2026

 

Höchste Zeit sich als Musikliebhaber einmal neu mit der eigenen CD-Sammlung oder der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen.

Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der so genannten „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese teilweise sarkastische, teilweise brutal ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.

von Daniel Janz

Mit dem „Karneval der Tiere“ kommen wir zu einem Werk, das mir seit jeher Probleme bereitet, weil es in seiner Form so unbestimmt und in seinem Ausdruck trotz eindeutigem Programm so undeutlich ist. Diese Komposition des französischen Nationalkomponisten Camille Saint-Saëns gilt als eine seiner bekanntesten Hinterlassenschaften, möglicherweise sogar als sein bekanntestes Werk überhaupt. Bei der Vermittlung klassischer Musik insbesondere an Kinder spielt es eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Auch ich zähle mich zu den Liebhabern dieser Musik. Aber überraschenderweise nicht wegen dem Programm, das ich bei anderen Kompositionen oft als Stärke einschätze. Sondern wegen der musikalischen Raffinesse. Denn beim Hören beschleicht mich immer der Eindruck, es hier mit Skizzen einer möglicherweise genialen Komposition oder Satire zu tun zu haben, die im Schatten ihres Titels steht.

Das Problem lässt sich im Spannungsfeld mit dem Programm erörtern. Ähnlich wie die fast zeitgleich komponierten Programmmusiken von Richard Strauss hat Saint-Saëns hier eine episodenhafte Musik aus insgesamt 14 Mini-Sätzen geschaffen, die alle für sich einen anderen Abschnitt darstellen. Während es bei Strauss Abschnitte einer Erzählung sind, präsentiert Saint-Saëns unterschiedliche Tiere wie in einem Zoo, wobei der Name „Karneval der Tiere“ auch eine Parade nahelegen könnte.

An eine Parade erinnert jedenfalls der Einstieg in die Komposition, wo der Löwe durch einen Marsch mit Klavier und Streichern dargestellt ist. Und bereits hier wird es undeutlich: Als Marsch ist die Musik zu knapp gefasst, um zur Entfaltung zu finden. Als Beschreibung eines Tieres fehlt ihr aber die Ebene der unmittelbaren Erlebniswirklichkeit, wie sie beispielsweise Richard Strauss im ‚Don Quixote’ oder in seiner (mir besonders lieben) Alpensinfonie erreicht. Als ich Saint-Saëns‘ Komposition im Kindesalter das erste Mal gehört habe, blieb ich stattdessen fragend zurück, wo denn der Löwe in dieser Musik ist. Ja, das Klavier stellt durch glissandi zwar das Brüllen desselben dar, aber man muss sich ernsthaft fragen, ob die Posaune mit ihrem stufenlosen glissandi und dem natürlichen Grölen in der Tiefe hier nicht das klangmalerisch bessere Instrument gewesen wäre.

Die Marschkomponente wirkt zudem völlig fehl am Platz: Hätte dieser Satz nicht die Überschrift „Marsch des Löwen“, es könnte genauso gut ein Militärgeneral sein, der da über die Bühne stelzt oder ein Karnevalstanzverein. Die an arabische Klangwelten angelehnten Harmonien des Klaviers legen indes die (laut Titel falsche) Assoziation nahe, es hier mit einer stolzen Reitergarnison zu tun zu haben.

Deutlich besser gelungen ist die klangmalerische Darstellung im nachfolgenden Satz. Beim ersten Hören drängt sich der Eindruck auf, es hier mit Eselsrufen zu tun zu haben, die vermittelte Hektik ließe aber auch auf ängstliche Tiere, wie wild herumspringende Kaninchen schließen. Dumm nur, dass Saint-Saëns’ Titel etwas ganz Anderes sagt: Er spricht von „Poules et coqs“ also „Hühner und Hahn“. Die Esel finden sich erst im achten Teil, da aber immerhin mit dem zu erwartenden „Ih-Ah“-Ruf. Nun kann man dem zweiten Part zu Gute halten, dass hektisches Gegacker und Gekrähe nicht so weit von feisten Eselsrufen entfernt sind, wie Pferdemarsch von Löwenbrüllen. Doch eine zweifelsfreie Assoziation ist es auch nicht.

Diese Ungenauigkeit im Klangausdruck zieht sich leider durch die gesamte Komposition und stellt ihre größte Schwäche dar. Gerade bei frühmusikalischer Musikvermittlung ist dies tödlich: Welches Kind soll in Musik eine großartige, kulturelle Leistung verorten, wenn diese Musik ihrer eigentlichen Intention untreu ist oder Verwirrung schürt? Erzeugt das nicht eher Irritation, wenn ein Titel Erwartungen weckt, die das Kunstwerk selbst nicht oder nur zum Teil erfüllt? Wie will man andere Menschen so von Möglichkeiten oder Reiz eines ganzen Musikgenres überzeugen? Mich hat diese Ungenauigkeit stets frustriert – damals wie heute.

Der Kern dieses Problems liegt musikalisch einerseits in der sparsamen Instrumentierung, die nur eine Flöte, eine Klarinette, Xylophon, Glasharmonika/Celesta/Glockenspiel, zwei Klaviere und Streicher zählt und damit nicht den Klangausdruck erreicht, den es bräuchte, andererseits auch in der musikalischen Tradition, die im Hintergrund steht: Westeuropäische Musik verstand sich seit jeher als Ausdruck von Affekten und Gemütszuständen.

Insbesondere zur Schaffenszeit von Saint-Saëns und Strauss gab es eine breit angelegte gesellschaftliche Diskussion über die Musikästhetik und warum Programmmusik keine wahre Musik sei. Strauss galt deswegen auch als umstrittener Rebell und Revolutionär, weil er mit dieser Klangtradition brach und seine Ausdrucksmittel der Erlebnisrealität anpasste.

Ganz anders ging Saint-Saëns vor. Seine Musik stellt eher subjektive Assoziationen zur Realität dar, anstatt die Realität abbilden zu wollen. So werden die Maultiere beispielsweise gar nicht als Repräsentation ihrer realen Klänge verarbeitet, sondern rasen als Assoziation von Geschwindigkeit und Ausdauer über das Klavier, komplett antiprogrammatischer Quintfall inklusive. Die Schildkröte tanzt den Cancan in Zeitlupe als Ausdruck von Trägheit und Langlebigkeit und der Elefant legt einen flotten Walzer auf dem Kontrabass hin. Besser hätte man es auch in einer Parodie aus Walt Disneys Feder nicht erwarten können!

Besonders bekannt ist der Schwan, der als Instanz von Grazie und Eleganz über das Cello in den Tod gleitet, anstatt einige Male aufzuschreien und sich dann in die Luft aufzuschwingen. Ganz bizarr stellen sich auch die Fossilien dar, die Saint-Saëns übers Xylophon hopsen lässt – ein Kniff, den er platt aus seinem „Danse macabre“ geklaut hat. Das ist alles ein gelungener Ausdruck bestimmter Gemütszustände – aber keine klangmalerische Darstellung von Tieren.

Diese Kritik soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass in diesem Werk musikalisch atemberaubende Momente zu finden sind. Das Aquarium beispielsweise ist eine klangmalerisch traumhafte Szene – allerdings sollte man dort keine Krokodile, Robben oder Schildkröten erwarten. Auch der Kuckuck, der zum Klangteppich des Klaviers aus der Ferne rufen soll, entfaltet eine sehr intime Wirkung. Dazu haben die Vögel in den Volieren absoluten Wiedererkennungswert, genauso wie das Finale.

Dass die Musik aber missverständlich wird, sobald man das Programm zur Hilfe nimmt, legt nahe, dass Saint-Saëns entweder etwas ausdrücken wollte, was sich mit den Titeln reibt. Oder dass er die von ihm gewünschten Ausdrücke nicht sicher getroffen hat. Ich kann jedenfalls nicht vermitteln, warum die Schildkröte Cancan tanzt, der Elefant nicht einmal sein typisches „Törö“ macht oder die Maultiere wie Windhunde vor sich hingaloppieren.

Als andere Lesart seines Werkes böte sich deshalb auch eine für einen „Karneval“ übliche ironische Auseinandersetzung mit der Musik im Allgemeinen an. Wie sollte man es sonst verstehen, dass Saint-Saëns die Pianisten im elften Teil selbst als Tiere darstellt, die stumpfsinnig Tonleitern rauf und runter spielen, bevor sie von den per Definition toten Fossilien abgelöst werden? „Sturheit und Starrsinn“ ließe sich gut assoziieren.

Vielleicht also wird dieses Werk verständlicher, wenn man die Musik als Verdeutlichung bestimmter Eigenschaften oder Charakterzüge hört. Wie wäre es beispielsweise mit Teil 1 „Marsch des Stolzes“, Teil 2 „Hektik des Panikers“, Teil 4 „Trott des ewig Gleichen“, Teil 7 „Voraussicht des Visionärs“ usw.? Es würde auf jeden Fall den Mehrwert schaffen, den das bestehende Programm wegen der hier genannten Reibung an der Musik schuldig bleibt, wodurch das Werk auch vermittelbarer und nicht mehr zum Klassik-Frust beitragen würde.

Daniel Janz, für
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