Emilie Herzog: Die Frau, die man nicht behalten wollte

Emilie Herzog Sopranistin,  klassik-begeistert.de, 3. September 2026

Bildmaterial: Nachlass Emilie Herzog, Sammlung R. Knöpfel.

Emilie Herzog sang vor Kaisern, Königen und Zaren und gehörte zu den ersten Sopranistinnen, die auf Schellack aufnahmen. Hundert Jahre später kannte sie niemand mehr. Die Geschichte einer Wiederentdeckung, die mit einer Platte im Brockenhaus begann.

von Stephan Lendi

Man kann sie hören. Das ist das Erste, was man wissen muss, und es verändert alles.

Auf einer Schellackplatte von 1905 steigt eine Stimme in die Gnadenarie aus Meyerbeers «Robert der Teufel», und was durch das Rauschen dringt, ist keine museale Kuriosität, sondern ein Sopran von einer Beweglichkeit, die man so nicht erwartet hat. Höhen ohne Anstrengung. Koloraturen, die klingen, als koste das nichts. Die Frau, die da singt, hiess Emilie Herzog, war königlich-preussische Kammersängerin, gehörte über zwanzig Jahre zum Ensemble der Berliner Hofoper – und war bis vor wenigen Jahren so gründlich vergessen, dass nicht einmal in ihrem Geburtsort jemand ihren Namen kannte.

Es gibt sogar einen Film. Ein Tonbild von 1908, vier Minuten, Deutsche Bioscop, Berlin: Emilie Herzog und der Bariton Baptist Hoffmann bewegen die Lippen zum Duett der Nedda aus Leoncavallos «Bajazzo», während parallel eine Grammophonplatte läuft. Solche Musikfilme liefen damals in Ladenkinos und Varietés, Projektor und Grammophon von Hand synchronisiert. Man sieht eine Sängerin, deren Karriere vor 1900 begann. Es ist ein seltsam intimer Moment.

«Als eine freundlich-ernsthafte Schicksalsfügung»

Sie kam am 17. Dezember 1859 im Schulhaus von Ermatingen am Untersee zur Welt, in der Wohnung über der alten «Frühmesse». Ihr Vater war dort Lehrer und leitete nebenbei den Männerchor. Über ihre Geburt hat sie später selbst geschrieben – und das Datum mit einem Nachbarn im Kalender in Verbindung gebracht, der ihr etwas bedeutete:

«Im Schulhaus des uralten Dorfs Wagenhausen war meine Mutter daheim, und ich selbst habe im Schulhaus des grossen Fischerdorfes Ermatingen mit meinem ersten Laut die Welt begrüsst. Im Jahr 1859 war es, gerade acht Tage vor dem Christabend, am 17. Dezember, den die Musikwelt als Geburtstag Beethovens feiert. An dies Zusammentreffen haben die jungen Lehrersleute, denen ich kleiner Schreihals als Weihnachtsgabe beschert wurde, damals sicherlich nicht gedacht; mir selbst aber ist es nachmalen, wenn ich meinen Geburtstag Jahr für Jahr mit Beethoven-Feiern verbunden hab, als eine freundlich-ernsthafte Schicksalsfügung erschienen.»

Zwei Jahre später zog die Familie nach Diessenhofen, wo der Vater eine bessere Stelle bekam. Das Städtchen am Rhein, «noch mauerumfriedet und turmbewehrt», wie sie es in Erinnerung behielt, wurde ihre eigentliche Heimat. Mit vierzehn begleitete sie dort den sonntäglichen Gottesdienst an der Orgel. Sie hatte das absolute Gehör: Sie konnte jeden Ton, den sie hörte, exakt benennen.

Was dann folgte, ist die unwahrscheinlichste Passage dieser Biografie. Emilie Herzog lernte Putzmacherin. Modistin, Hutmacherin für die gehobene Klasse – ein anständiger Beruf für eine Lehrerstochter aus dem Thurgau. Erst mit siebzehn überzeugte sie ihre Eltern, eine Gesangsausbildung zu beginnen. Sie fuhr nach Zürich, sang am Konservatorium vor, und der Fachmann urteilte: eine hübsche hohe, aber sehr kleine Stimme. Vielleicht genug, um zu unterrichten. Für die Bühne trage sie nicht.

Es ist der Satz, der in dieser Geschichte immer wieder zitiert wird, und er verdient es. Nicht weil der Experte sich irrte, sondern weil er zeigt, wie schmal der Grat war. Ein Wort mehr in dieselbe Richtung, und aus Emilie Herzog wäre eine Gesangslehrerin in Diessenhofen geworden.

München: 650 Abende, über 50 Rollen, neun Spielzeiten

Sie studierte trotzdem – in Zürich, dann in München bei Adolf Schimon. Am 10. September 1880 stand sie am Königlichen Hof- und Nationaltheater München auf der Bühne, als Page Urbain in Meyerbeers «Hugenotten». Der Besetzungszettel dieses Abends liegt heute in einem Museum am Untersee.

Neun Spielzeiten blieb sie in München. Rund 650 Theaterabende in über fünfzig Rollen – auf die Spielwochen gerechnet fast zwei Auftritte pro Woche, Jahr für Jahr. Sie wurde Publikumsliebling. Und sie stiess an eine Decke: Die grossen Partien waren vergeben, die Aufstiegschancen begrenzt. 1889 wechselte sie nach Berlin.

Berlin: eine Stadt, die sich häutete

Das Berlin, in das Emilie Herzog zog, war dabei, sich von einer behäbigen Beamtenstadt zur modernsten Metropole Europas umzubauen. Alles wuchs rasant – die Bevölkerung, die Strassen, die Fabriken, die Arbeiterviertel. «Spreeathen ist tot und Spreechicago wächst heran», schrieb zehn Jahre später Walther Rathenau, damals AEG-Direktor und viel später Aussenminister, über diese Stadt.

Mitten in diese Beschleunigung hinein trat eine 29-jährige Thurgauerin ihr Engagement am Königlichen Opernhaus Unter den Linden an – der Hofoper, dem heutigen Haus der Staatsoper. Sie blieb einundzwanzig Jahre.

Ihre Paraderolle war die Königin der Nacht. Der Musikschriftsteller Arnold Niggli schrieb 1898 in der Zeitschrift «Die Schweiz» über ihre Gestaltung:

«Die erstaunliche Bravour, mit der sie hier die berüchtigten Höhenlagen erstieg und die halsbrecherischsten Passagen scheinbar spielend bewältigte, fand ebenso freudige Anerkennung als ihr von heisser Leidenschaft durchglühtes Spiel, das aus der sonst meist nur konzertant behandelten Rolle wieder eine lebenswahre Bühnengestalt schuf.»

Der Satz ist aufschlussreicher, als er wirkt. Er sagt: Diese Frau hat die Königin der Nacht nicht abgesungen, sie hat sie gespielt. Zu einer Zeit, als Koloraturpartien vielfach als akrobatische Nummern galten.

1900 wurde sie zur königlich-preussischen Kammersängerin ernannt. Sie sang in Paris, Wien, London, Brüssel, Dresden, Moskau, St. Petersburg. Im Mai 1896 wirkte sie bei den Krönungsfeierlichkeiten für Zar Nikolaus II. in Moskau mit; im Nachlass liegt das Programmheft einer musikalischen Abendunterhaltung in der Deutschen Botschaft vom 24. Mai. Die Ordensdiplome stapeln sich: Mecklenburg-Schwerin 1895, Bayern 1902, Anhalt 1904, Sachsen-Coburg und Gotha 1905. Von Kaiserin Auguste Victoria kam Anfang 1906 das silberne Frauenverdienstkreuz. Kaiser Wilhelm schenkte ihr eine Brosche aus Gelbgold, besetzt mit vier Saatperlen, zwei Saphiren und zwei Rubinen.

Und dann gibt es diese Landkarte im Nachlass: eine Europakarte, auf der die Auftrittsorte rot unterstrichen sind. Man muss sie nicht lesen. Man sieht sie an und weiss Bescheid.

Der Mann, der die Agenden führte

1890 heiratete sie Dr. Heinrich Welti, Musikhistoriker und Musikkritiker aus dem Aargau, mit Heimatort Aarburg. Was diese Ehe für die Zeit ungewöhnlich macht, ist nicht, dass sie glücklich war. Es ist die Rollenverteilung.

Emilie Herzog verdiente das Geld. Heinrich Welti organisierte ihre Konzertabende in Deutschland und der Schweiz, entwickelte mit ihr das Format der «historischen Liederabende», reiste ihr nach – und übernahm die Erziehung der gemeinsamen Tochter Eva. Er sass im Publikum und legte ihr nach den Auftritten kleine Zettel in die Garderobe. «Mein liebes Schnüggeli.» «Lieber Schatz! Es war ganz brillant!» «Brava, Bravissima!» Einen zitiert der Kurator Reto Knöpfel aus dem Gedächtnis: «Lieber Schatz, dein Auftritt war entzückend. Lass dein Kleid bald ändern, damit es deiner Figur besser schmeichelt.»

Vor allem aber führte er Buch. In ledergebundenen Münchener Kalendern hielt er jeden einzelnen Auftritt seiner Frau fest – Datum, Ort, Werk, Rolle. Drei Bände, 1880 bis 1910, lückenlos. Für die Musikgeschichte ist das ein Glücksfall: Man kann die Karriere dieser Sängerin Abend für Abend rekonstruieren. Nach Auswertung dieser Agenden kommt der Kurator Reto Knöpfel auf über 4000 Opernabende und Konzerte zwischen 1878 und 1910. In manchen Wochen trat sie an bis zu vier weit auseinanderliegenden Orten auf – bei den Reisebedingungen der Zeit eine Zumutung.

Im Februar 1896 kam Tochter Eva zur Welt. Aus den Agenden geht hervor, dass Emilie Herzog hochschwanger bis Januar auftrat. Im Mai sang sie in Moskau. Eine working mom, wie man heute sagen würde – Jahrzehnte, bevor es dafür ein Wort gab.

Komponisten suchten ihre Nähe. Im Nachlass liegen beide Hefte von Richard Strauss’ «Sechs Liedern» op. 19 mit der Zueignung «Fräulein Emilie Herzog k.b. Hof-Opernsängerin verehrungsvoll gewidmet» – der bayerische Hoftitel weist auf ihre Münchner Jahre. Handschriftliche Noten von Hans Pfitzner und Engelbert Humperdinck ebenfalls. Gustav Mahler schickte ihr «Des Knaben Wunderhorn» mit einer Tintenwidmung: «Für Kammersängerin Herzog, Berlin, Lützowstrasse 20.» Und ganz nebenbei war sie Werbegesicht für ein Haarwasser namens «Javol» – Berühmtheit hatte auch damals ihre Nebenerwerbszweige.

Der Abschied und das Verschwinden

Am 6. Februar 1910 verabschiedete sich Emilie Herzog in Zürich vom Schweizer Opernpublikum, als Marie in Donizettis «Regimentstochter». Am 1. Juni desselben Jahres stand sie zum letzten Mal in einer Opernvorstellung auf der Bühne. Dann zog sie nach Aarburg, in die Heimat ihres Mannes, und leitete bis 1922 Meisterklassen am Konservatorium Zürich – dort, wo man ihr gut drei Jahrzehnte zuvor gesagt hatte, ihre Stimme trage nicht.

Den Ersten Weltkrieg erlebte sie aus der Schweiz. Er hat ihr zugesetzt. Sie fühlte sich dem Land, in dem sie ihre Karriere gemacht hatte, tief verbunden und spendete einen grossen Teil ihrer deutschen Pension für die Soldaten an der Front. Den Schmuck, den sie vom russischen Zarenhof erhalten hatte, verkaufte sie zugunsten des Roten Kreuzes.

Am 16. September 1923 starb sie in Aarburg an den Folgen einer Brustfellentzündung, drei Monate vor ihrem 64. Geburtstag.

Und dann geschah nichts mehr. Kein Nachruhm, keine Wiederaufnahme, keine Strasse, kein Gedenkstein. Es gibt keinen einzelnen Grund dafür, sondern mehrere, die zusammenwirkten. Der Krieg, der die Welt, in der sie berühmt gewesen war, in Trümmer legte. Ihre enge Bindung an ein Deutschland, das nach 1918 in der Schweiz keine gute Presse hatte. Die Tatsache, dass sich ihr Name, soweit bekannt, an keine Uraufführung heftete. Und, vielleicht am wichtigsten: dass Sängerinnen ihrer Generation in der Erinnerung fast durchweg schlechter wegkamen als ihre männlichen Kollegen. Caruso ist ein Begriff. Strauss ist ein Begriff. Emilie Herzog war keiner mehr.

Eine Platte im Brockenhaus

Vor gut einem Jahrzehnt las ein junger Sänger aus Salenstein – dem Nachbardorf von Ermatingen – in der Thurgauer Zeitung einen Bericht über eine Opernsängerin aus der Region. Anlass war der Fund einer Schellackplatte in einem Brockenhaus. Reto Knöpfel, ausgebildeter Konzert- und Opernsänger, hauptberuflich Abteilungsleiter Musik und Kultur an der Kantonsschule Trogen, liess das Thema nicht mehr los.

 

Als ihn Anfang 2023 die Stiftungsratspräsidentin des Museums Vinorama in Ermatingen bat, ehrenamtlich die Stelle als Kurator zu übernehmen, wusste er sofort, womit er anfangen würde. Im Internet fand er kaum etwas. Also arbeitete er in Archiven, kaufte bei Auktionshäusern Erinnerungsstücke zusammen, schrieb Museen an.

Den Durchbruch brachte der Stammbaum. Knöpfel verfolgte die Nachfahren der Sängerin – und stiess auf eine Urenkelin, die noch lebte: Silvia Wiesner-Alder. Sie besass den gesamten Nachlass. Briefe in Sütterlin-Handschrift. Die Agenden. Die Ordensdiplome. Ein schwarzes Spitzenkleid. Die Brosche des Kaisers. Alben mit Schellackplatten. Die Europakarte. Im Juni und Juli 2023 übergab sie das Konvolut – zunächst als Dauerleihgabe, nach ihrem Tod als Schenkung.

«Ich hatte einen Grossteil davon in meinem Wohnzimmer», sagte sie zur Vernissage im September 2023. «Aber jetzt bin ich sehr gerührt und sehr glücklich, dass die Dinge hier gezeigt werden.»

Zum 100. Todestag entstanden zwei einander ergänzende Ausstellungen: das Vinorama Ermatingen zeigt die Karriere, das Museum kunst + wissen in Diessenhofen die Herkunft und die ersten Schritte. Dazu kamen ausverkaufte Konzerte, in denen die Schauspielerin Astrid Keller Emilie Herzog selbst sprechen lässt und die Koloratursopranistin Alexa Vogel ihr Repertoire singt, begleitet von Margareth Schicker-Looser am Flügel. Im Oktober 2026 eröffnet eine weitere Ausstellung im Heimatmuseum Aarburg, dort, wo sie gestorben ist.

Was eine saubere Recherche kostet

Bemerkenswert an Knöpfels Arbeit ist nicht nur, was er gefunden hat, sondern was er weggeworfen hat.

In fast jedem Text über Emilie Herzog stand jahrzehntelang, sie sei an der Metropolitan Opera in New York aufgetreten. Es ist die glänzendste Zeile in jeder Kurzbiografie. Sie stimmt nicht. Knöpfel schrieb an die Met, und in den Archiven der Met kommt keine Emilie Herzog vor. Was vorkommt, ist eine Jeannette Herzog, die am 24. November 1904 ein einziges Mal dort auftrat, als Blumenmädchen im «Parsifal». Aus dieser Verwechslung ist über hundert Jahre hinweg ein Met-Debüt und daraus eine amerikanische Karriere geworden – abgeschrieben von Lexikon zu Lexikon, von Zeitung zu Zeitung.

Es ist eine kleine Geschichte, aber sie sagt etwas über die grosse. Emilie Herzog brauchte nie ein Met-Debüt. Sie hatte einundzwanzig Jahre Berliner Hofoper, die über viertausend Abende, die ihr Mann protokolliert hat, die Auszeichnungen von fünf Höfen und eine Stimme, die auf Schellack die Zeit überstanden hat. Dass man ihr trotzdem eine amerikanische Karriere andichten musste, damit sie bedeutend genug klang, ist vielleicht der genaueste Kommentar zu ihrem Vergessenwerden.

 

Andere Fragen sind offen geblieben. Ob sie tatsächlich in Bayreuth gesungen hat, wie mehrere Nachschlagewerke behaupten, lässt sich nur im dortigen Festspielarchiv klären. Ob und wann sie mit Caruso auf der Bühne stand – auch das wird bis heute überall behauptet und ist nirgends datiert –, müsste im Landesarchiv Berlin nachgeschlagen werden, wo die Theaterzettel der Königlichen Schauspiele liegen. Auch das gehört zu dieser Wiederentdeckung: Sie ist nicht fertig.

Der Ton, den man hört

Am Ende bleibt die Stimme. Fünfzehn Matrizen sind dokumentiert, aufgenommen zwischen 1904 und 1907 in Berlin und Wien, für G&T, für Columbia, auf Edison-Walzen. Rosina, Elvira, Micaëla, das Lied des Pagen, der Csárdás aus der «Fledermaus». Ein paar davon liegen frei zugänglich im Netz.

Man muss dabei nicht so tun, als sei jede Vergessene zu Unrecht vergessen. Aber wer diese Aufnahmen hört, hört eine Technik, die nichts Angestrengtes hat, und eine Musikerin, die auch in vier Minuten Schellack weiss, was ein Phrasenbogen ist. «Die tägliche Tonleiter», hat sie einmal gesagt, «ist der einzig sichere Aufstieg zur Meisterschaft im Gesang.»

Gut hundertzwanzig Jahre nach den ersten Aufnahmen klingt das nach einer sehr thurgauischen Auskunft über den Ruhm.

Stephan Lendi, 3. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Stephan Lendi ist freier Autor und lebt in der Schweiz.

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