"La Bayadere" in der Berliner Staatsoper Unter den Linden: Große Dramatik und wenig Balance

La Bayadere, Ballett von Marius Petipa, Musik von Ludwig Minkus, Staatsoper Unter den Linden, 18. Januar 2019

Foto: © Fine Art photography by Yan Revazov
Staatsoper Unter den Linden, 18. Januar 2019
La Bayadere, Ballett von Marius Petipa, Musik von Ludwig Minkus 

von Yolanda Marlene Polywka

„La Bayadere“ ist nach „Celis | Eyal“ die zweite Produktion unter dem neuen Intendanten des Berliner Staatsballetts Johannes Öhman. Nach dem mit „Celis | Eyal“ zeitgenössischen Saisonauftakt waren die Erwartungen bezüglich der ersten klassischen Inszenierung groß; die mediale Aufmerksamkeit war es auch. Das 1877 unter der Leitung von Marius Petipa (Schwanensee, Der Nussknacker, Dornröschen u.a.) in St. Petersburg uraufgeführte Ballett „La Bayadere“ läuft nun seit November des letztes Jahres und spaltet das Publikum.

Das Stück handelt von der Liebe zwischen der wunderschönen Tempeltänzerin Nikia (Polina Semionova) und dem ruhmreichen Krieger Solor (Marian Walter). Die Geschichte endet allerdings tragisch, denn der Großbrahmane (Arshak Ghalumyan) liebt Nikia und reagiert mit Rachsucht auf ihre Zurückweisung. Solor soll hingegen mit der Tochter des Radschas, Gamsatti (Yolanda Correa) verheiratet werden. Nikia fällt den Plänen des Radschas Dugmanta (Tommaso Renda) zum Opfer; sie stirbt durch den giftigen Biss einer Schlange in den Armen ihres Geliebten. Nach ihrem Tod erscheint sie Solor wiederholt als Schatten und erinnert ihn an den Liebesschwur, den er ihr gegenüber abgelegt hat. Letztlich kann keine weltliche Macht die Vereinigung des Liebespaares verhindern. Solor stirbt zusammen mit Gamsatti, ihrem Vater und dem Großbrahmanen beim Einsturz des Palastes – der Vorhang fällt in dem Moment, als sich die Liebenden im Jenseits in die Arme schließen.

Das Setting ist bekannt und könnte mit dieser Liebesgeschichte klassischer nicht sein. Der gefeierte russische Choreograph Alexei Ratmansky rekonstruierte die ursprüngliche Choreographie aufbauend auf den Notationen von Petipa. Das Ergebnis ist ein atemberaubend ungewöhnliches und dennoch in höchstem Maße ansprechendes Stück, das den zeitgenössischen Zuschauer fordern dürfte, wie kaum ein anderes klassisches Ballett.

Sobald sich der Vorhang hebt, springt sofort die fantastische Kulisse ins Auge: Rechts der Tempel, im Hintergrund ein eindrucksvolles Himalaya-Panorama, an den Rändern ornamental-florale, bühnenhohe Wände. Solor betritt mit seinen Jägern die Bühne, und es wird schnell klar: Die Handlung entfaltet sich nicht wie gewohnt über den Tanz, sondern über ausdrucksstarke, nicht weniger verständliche und beinahe an Pantomime grenzende Zeichensprache. Es folgt der hoheitsvolle Auftritt des Großbrahmanen mit dem Tempelpersonal und der Tanz der schönen Nikia. Primaballerina Polina Semionova besticht hier einmal mehr durch ihre präzisen und kraftvollen Bewegungen; sie haucht der Figur Leben und Charakter ein. Die Liebeserklärung des Großbrahmanen an sie fällt so leidenschaftlich aus, dass ihm sein Kopfschmuck zu Boden fällt. Das anschließende heimliche Treffen des Liebespaares ist innig, die Chemie zwischen den Hauptdarstellern stimmt. Vladislav Marinov als Mahdawaja überzeugt ebenfalls von der ersten Sekunde an.

Der zweite Akt im Schloss des Sultans gelingt nach einer ungewöhnlich langen Umbaupause ebenfalls, obwohl der Pas de djambé nicht ganz synchron ausgeführt wird. So lange wie die Tänzerinnen des Staatsballetts muss man aber auch erst einmal auf einem Bein stehen und springen können. Für Gelächter sorgt das lebensgroße Porträt Solors in heroischer Pose, das der Radscha seiner Tochter Gamsatti zeigt. Die Szene zwischen ihr und Nikia fällt ausgesprochen intensiv aus. Die beiden Ballerinen spielen großartig und beweisen, dass sie viel mehr können als „nur“ tanzen. Auf der Bühne fliegen zwischen den beiden förmlich die Fetzen.

Bei der folgenden Verlobungsfeier kommt es zur dramatisch inszenierten Tragödie. Doch zuerst wird beim Grand divertissiment endlich getanzt: Die Parade zieht dabei prächtig am Pavillon des Radschas vorbei, sogar eine Elefanten-Attrappe wird über die Bühne gezogen. Wieder überzeugt vor allem Vladislav Marinov mit seinen Tänzern. Er springt furios mit seinem wallenden weißen Bart über die Bühne und spielt dabei grandios – es gibt Szenenapplaus. Zu der wunderschönen Musik von Ludwig Minkus tanzt die Bayadere Nikia sich danach buchstäblich in den Tod. Semionova trägt die Situation mit ausgefeilter Dramatik und wunderschön ausgeformten Bewegungen. Der Vorhang vor der Pause fällt, als Solor seine tote Geliebte in die Arme schließt.

Im dritten Akt folgt dann die Wiedervereinigung der beiden im Schattenreich, ein Schlüsselmoment des Balletts. Beginnt die Szene noch vielversprechend mit 32 ganz in Weiß gekleideten Tänzerinnen, die hinter einem transparenten Schleier mystisch über die Bühne schweben, so gerät die schwierige Choreographie zu einer wahren Wackelpartie. Als Marian Walter, zuvor lediglich pantomimisch und schauspielerisch in Aktion, endlich auch tanzen darf, fehlt es ihm an Anmut; seine Sprünge sind zwar hoch, aber etwas steif. Und leider vermisst man auch beim Pas de deux der beiden Haupttänzer die Leidenschaft und die Balance, die Hebefiguren wirken wackelig. Polina Semionova scheint ungewohnt unsicher, vor allem nach ihrer starken Vorstellung zuvor. Auch die bis dahin wunderbar spielende Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Victorien Vanoosten zeigt erste Schwächen. Musik und Tänzer sind nicht mehr ganz synchron, die Musik wirkt schleppend, die Geige patzt bei den höchsten Tönen der Nikia-Variation.

Das große Finale bei der Hochzeitszeremonie gerät leider ebenfalls nicht so großartig, wie es bei dieser Ausstattung und Besetzung an besseren Tagen möglich wäre. Schon der Umbau ist hinter dem heruntergelassenen Vorhang viel zu lang und geräuschvoll. Auch der danse des fleurs de lotus zu Beginn des vierten Akts wirkt wackelig und etwas unkoordiniert. Für einen Lichtblick zum Ende sorgen dann aber doch die grandios tanzende Yolanda Correa als Gamsatti und der langsam doch in Fahrt kommende Marian Walter. So endet der Abend schlussendlich versöhnlich und nicht wie auf der Bühne beim Einstürzen des Tempels.

Das Fazit des Abends fällt dementsprechend gespalten aus. Nach der guten ersten Hälfte der Vorstellung fällt die zweite gerade in den langersehnten Tanzeinlagen leider ab. Polina Semionova, zu Beginn noch eine wahre Wucht, wirkt deutlich weniger entschlossen und sicher. Marian Walter, der frisch gekürte „Berliner Kammertänzer“ findet zu spät in seine gewohnt gute Form. Das Ensemble des Staatsballetts Berlin erlaubt sich einige Wackler und Ungenauigkeiten, genauso wie die Staatskapelle. Positiv sind hingegen das Bühnenbild und auch die prächtigen, farbenfrohen Kostüme, die neu engagierte Erste Solotänzerin Yolanda Correa sowie der komplett in seiner Rolle aufgehende Vladislav Marinov.

Alles in allem bleibt die Aufführung am 18. Januar einfach hinter den eigenen Möglichkeiten zurück – und zahlreiche positive Kritiken zeugen davon, dass es auch besser geht. Die in ihren Anlagen wunderschöne Rekonstruktion von Alexei Ratmansky birgt in jedem Fall großes faszinierendes Potential für alle, die bereit sind, sich darauf einzulassen.

Yolanda Marlene Polywka, 19. Januar 2019, für
klassik-begeistert.de.de

Musikalische Leitung: Victorien Vanoosten (Staatskapelle Berlin)
Rekonstruktion und ergänzende Choreographie: Alexei Ratmansky
Bühnenbild und Kostüme: Jérôme Kaplan
Nikia: Polina Semionova
Solor: Marian Walter
Gamsatti: Yolanda Correa
Dugmanta: Tommaso Renda
Großbrahmane: Arshak Ghalumyan
Mahdawaja: Vladislav Marinov
Toloragwa: Alexej Orlenco
Aya: Brigit Brux

Ein Gedanke zu „La Bayadere, Ballett von Marius Petipa, Musik von Ludwig Minkus, Staatsoper Unter den Linden, 18. Januar 2019“

  1. Ich fand die Ballettaufführung am 22.11.2019 wirklich großartig. Die Bühnenbilder sind eine Augenweide, die Tänzer bringen eine enorme Leistung mit großem Engagement und Können. Auch das Orchester war wirklich sehr gut.

    Hansdieter Schmid

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