Meine Lieblingsoper (55): La Traviata, Schwindsucht auf der Bühne und im Film, kein Überblick, vielmehr ein Einblick

Meine Lieblingsoper (55): La Traviata, Schwindsucht auf der Bühne und im Film, kein Überblick, vielmehr ein Einblick

Traviata-Inszenierung von Folke Abenius im Bühnenbild von Toni Businger (Foto: Hamburgische Staatsoper)

Birgit Nilsson, Mirella Freni, Edita Gruberova, Plácido Domingo, Luciano Pavarotti: Der Hamburger Mediziner und Klassik-Connaisseur Dr. Ralf Wegner hat die großen Weltstars der Opernwelt seit Ende der 1960er-Jahre alle live erleben dürfen: vor allem in der Staatsoper Hamburg, die in den 1970er-Jahren noch zu den weltbesten Opernhäusern zählte und sich heute um Anschluss an die deutsche und europäische Spitze bemüht. Begeben Sie sich in ein wunderbares Stück Operngeschichte und reisen Sie mit in eine Zeit, die scheinbar vergangen ist.

von Ralf Wegner

Die Schwindsucht (Lungentuberkulose) hat in der Kunst nachhaltig Widerhall gefunden, nicht nur bei Thomas Mann, der sich in seinem Roman „Der Zauberberg“ auf knapp 1.000 Seiten mit den fiebervollen Gefühlswallungen seiner Protagonisten beschäftigte. An der Tuberkulose starben früher ein Drittel der Erkrankten mit und ohne Behandlung, ein weiteres Drittel kam mit Defektheilungen davon und die Verbliebenen erkrankten und gesundeten, ohne von der Krankheit zu wissen. Thomas Mann beschrieb die unheilvollen Symptome: „Ein Husten ganz ohne Lust und Liebe, der nicht in richtigen Stößen geschah, sondern nur wie ein schauerlich kraftloses Wühlen im Brei organischer Auflösung klang“.

Unter den Romantikern des frühen 19. Jahrhunderts forderte die Tuberkulose hohen Tribut, der Maler Philipp Otto Runge starb im Alter von 33 Jahren an diesem Leiden, Franz Pforr bereits mit 24 Jahren.

Auch Friedrich Schiller, Anton Tschechow und Franz Kafka litten daran, ebenso die Musiker Carl Maria von Weber und Frédéric Chopin. So ist es kein Wunder, dass sich nicht nur Literaten, sondern auch Opernkomponisten von dieser Geißel der jungen Leute zu melodramatischen Werken inspirieren ließen. Das Schicksal von zwei jungen Frauen war und ist beim Publikum unverändert beliebt und zudem tränenrührend. Puccinis Mimì und Verdis Violetta Valéry. Beide teilen das gleiche Schicksal: Sie leiden und sterben an der Schwindsucht. Mimi als unschuldiges, vor sich hin leidendes Mädchen mit einem Geliebten, der nicht den Mut hat, der Kranken beizustehen. Violetta Valéry, bei dem Romanautor Dumas heißt sie Marguerite Gautier, handelt dagegen selbstbestimmt. Sie entscheidet sich für die Trennung von ihrem Geliebten Armand (bei Verdi Alfredo), um diesem seine bürgerliche Zukunft nicht zu verbauen.

Ewan McGregor und Nicole Kidman in Moulin Rouge (Baz Luhrmann, Videostills DVD)

Ganz glaubhaft ist dieses selbstlose Handeln wohl nicht. Aber anders wären wohl Roman und Oper für das damalige Publikum nicht genießbar gewesen. Ehrlicher schilderte Émile Zola das Leben der Kurtisane und Hure Nana im vergnügungssüchtigen Paris. Wenn sie Geld hatte, und sie empfing von ihren Liebhabern Unsummen, schwelgte sie im Luxus. Erwähnt sei das Menue, welches sie einmal für 38 Gäste gab: Purée d’asperges comtesse, Consommé à la Deslignac / Rheinkarpfen à la Chambord und Rehrücken à l’anglaise / Poularden à la Maréchal, Solefilets mit Sauce Ravigote, Gänseleberschnitten / Mandarinensorbet / warmer Braten, getrüf­feltes Filet, gesulztes Perlhuhn sowie u.a. Morcheln à l’italienne und gebackene Ana­nasschnitten à la Pompadour.

Sicher ist es schwierig, sich von solchem Luxus zu verabschieden und ein einfacheres Leben hinzunehmen. Begriffen habe ich aber trotz zahlloser erlebter Aufführungen sowohl der Oper als auch von John Neumeiers Ballettversion immer noch nicht, warum Violetta auf ihre große Liebe verzichtet und sich nicht gegen die psychische Zudringlichkeit des Vaters ihres Geliebten (Giorgio Germont) zur Wehr setzt.

Melitta Muszely, Edda Moser, Katia Ricciarelli, Nelly Miricioiu, Elisabeth Futrual, Veronica Villaroel, Edita Gruberova und Ha Young Lee (Videostills Youtube)

Die Geschichte der Marguerite Gautier wurde häufiger verfilmt, zuletzt u.a. von Baz Luhrmann. Ihm gelang eine herzzerreißende Version mit Nicole Kidman in der Hauptpartie: „Moulin Rouge“. Kidman spielt eine Nachtclubtänzerin, die einem begüterten, eifersüchtigen britischen Herzog als Geliebte zur Verfügung stehen soll. Ihr wird dafür eine Karriere als Bühnenschauspielerin in Aussicht gestellt. Infolge einer Verwechselung hält sie jedoch einen jungen, mittellosen Dichter (Ewan McGregor) für den ihr Zugedachten und verliebt sich in ihn. Sie schwört ihrer Liebe aus einem nachvollziehbaren Grund ab. Der eifersüchtige Herzog droht ihr, den mittellosen Dichter zu erschießen, wenn sie diesen nicht aufgäbe. Dieses Motiv ist nachvollziehbarer als das selbstlose Handeln von Marguerite bzw. Violetta. Viele mögen Luhrmanns Film nicht, vor allem wegen der zum Teil sehr schnellen Schnitte. Wenn man nicht versucht, alle Details verfolgen zu wollen, und den Film wie ein Kaleidoskop auf sich wirken lässt, entwickelt er einen großen visuellen, fast opernhaften Reiz.

Murat Karahan (Alfredo) und Sonora Vaice (Violetta), Riga 2016 / Irina Lungu (Violetta) und Andrzej Dobber (Père Germont), Hamburg 2016 (Fotos: R. Wegner)

An meine erste Opern-Traviata habe ich keine Erinnerung, es war eine Aufführung in den Caracalla-Thermen in Rom (1966). Violetta war Anna Sorace; eine Sängerin, über die sich im Internet nichts findet. Zwei Jahre später sah ich La Traviata während eines Ostberlin-Besuchs in der dortigen Staatsoper in einer Inszenierung von Walter Felsenstein mit einer sängerisch und darstellerisch beeindruckenden Melitta Muszely; und danach lange Zeit nicht wieder. Ab 1975 wurde in der Hamburgischen Staatsoper die von Toni Businger gut ausgestattete, beliebte Inszenierung von Folke Abenius gespielt. Diese habe ich bis 2010 mehr als ein Dutzend Mal gesehen, mit Edda Moser, Katia Ricciarelli, Nelly Miricioiu, Veronica Villaroel, Brigitte Hahn, Hellen Kwon, Elisabeth Futral, Edita Gruberová und am häufigsten mit Ha Young Lee als Violetta.

Wenngleich die Violetta als schwierig gilt, die Rolle erfordert Koloraturfähigkeit und dramatischen Ausdruck, sangen alle genannten Sängerinnen ausgezeichnet. Das ist wirklich ungewöhnlich, ich habe noch nie eine schlechte oder tadelnswerte Violetta gehört. Veronica Villaroel lag zwar das dramatische der Rolle mehr als die Koloratur und Edita Gruberova war 2010 der Rolle schon etwas entwachsen, beide überzeugten aber trotzdem. Die Krone gebührte aber dem ehemaligen Hamburger Ensemblemitglied Ha Young Lee, die mit tragfähiger, schallstarker, warmrot leuchtender, in allen Lagen sowie vom Piano bis zum Forte klangschöner Stimme eine vollendete Violetta sang.

Außerdem hörte ich 2015 Aurélie Ligerot in der Hamburger Kammeroper, 2016 im Rahmen eines Verdifestivals in Riga Sonora Vaice und in der neuen, wenig erbaulichen Hamburger Rummelplatz-Inszenierung von Johannes Erath Irina Lungu, die ebenfalls gut sangen. Allerdings ging ich noch einmal in die auch handwerklich schlecht gemachte Rummelplatz-Traviata, um Ha Young Lee und Dovlet Nurgeldiyev als Traumpaar erleben zu dürfen.

Erath mutete der Violetta bei ihrer ersten großen Arie zu, sich am Rande der in Bewegung gesetzten Drehbühne laufend auf die Beinmotorik zu konzentrieren, während sie gleichzeitig schwierigste Koloraturen zu bewältigen hat. Das störte den Vortrag der Sängerin ganz erheblich. Aber auch das Publikum, welches inständig hoffte, die Sängerin möge von der Drehbühne nicht aus der Proszeniumsmitte hinweggetragen werden. Als weiterer handwerklicher Minuspunkt soll das zur Hinter- sowie den Seitenbühnen und zum Teil auch nach oben offene Bühnenbild erwähnt werden. Dem Schall wurde so der Resonanzraum genommen, der die Töne runder und voller wirken lässt. Eher kleine Stimmen wie jene von Stefan Pop (Alfredo) wurden dann gnadenlos vom Orchester zugedeckt. Da half es nur noch, sich während der Arien ganz vorn am Souffleurkasten zu positionieren.

Teresa Stratas (1982, Franco Zeffirelli, Videostils Youtube)

Obgleich mich Opernfilme oder Fernsehübertragungen nicht reizen, soll eine Violetta erwähnt werden, die ich leider nicht auf der Bühne, sondern nur am Bildschirm erlebt habe: Die aus Toronto stammende Sopranistin Teresa Stratas (Zeffirelli-Inszenierung mit Plácido Domingo als hingebungsvollem Alfredo). Ihre Darstellung des Dahinschwindens von Körper und Seele gehört für mich zum Ergreifendsten, was die Kunstform Oper je hervorgebracht hat.

Da Verdi Vater und Sohn Germont zumindest quantitativ musikalisch nicht so stark bedacht hat, wurden diese Rollen nicht immer so herausragend besetzt, wie es wohl hätte sein können. Wiesław Ochmann war ein guter Partner von Edda Moser, José Carreras (1980) ein solcher von Katia Ricciarelli, auch Wookyung Kim und Murat Karahan beeindruckten mit der Partie des Alfredo. Eine gute Erinnerung habe ich auch an die klangreiche warme Tenorstimme von Alfred Neugebauer, den ich 2015 in der Hamburger Kammeroper erlebte.

Wegen der unterschiedlichen Saalgrößen lassen sich die gesanglichen Leistungen allerdings nicht zwanglos vergleichen. Als Vater Germont, der eigentlich nur eine Arie, aber dafür eine besonders schöne zu singen hat, beeindruckte mich mehrfach Ambrogio Maestri (2005-2009), ebenso Bernd Weikl (1976), Franz Grundheber (1980, 1997), Wolfgang Brendel (1988), George Petean (2013) und zuletzt Andrzej Dobber (2016).

Alexandre Riabko (Des Grieux), Alina Cojocaru (Marguerite Gautier), Alexandr Trusch (Armand Duval), Madoka Sugai (Prudence Duvernoy), Jacopo Bellussi (Gaston Rieux), Emilie Mazon (Olympia), Maria Huguet (Graf N.) und das Hamburg Ballett (2018, Foto: R. Wegner)

Verdis Traviata-Komposition mindestens vergleichbar ist John Neumeiers Choreographie der Kameliendame. Ursprünglich für Marcia Haydée geschaffen, wurde die Partie der Marguerite von nahezu allen großen Ballerinen getanzt, sofern Neumeier seine Schöpfung anderen Ballettkompanien zur Verfügung stellte. Besonders eindrucksvoll sind die drei großen Pas de deux, die Neumeier für das Liebespaar choreographierte. Jede Primaballerina interpretierte die Rolle auf ihre Art hervorragend, in Verbindung mit der Leistung des Partners gebührt aber dem Paar Silvia Azzoni und Alexandre Riabko die Krone. Ihr sogenannter schwarzer Pas de deux wurde anlässlich eines Moskauer Festivals aufgezeichnet, leider in einer nicht optimalen Qualität. Was dieses Paar zeigt, ist ein hochdramatisches, superschnelles und tänzerisch grandioses verzweifeltes Ringen um Zuneigung und Liebe.

Ob als Oper, Ballett oder Film, der Verzicht einer Frau auf ihr Glück zugunsten des geliebten Mannes zieht offenbar immer noch zahlreiche Menschen an. Auch wenn die Thematik von Marguerite Gautier bzw. Violetta Valéry überholt erscheint, die Musik, im Ballett übrigens von Chopin, wird immer bleiben und auch zukünftig ihr Publikum finden.

Ralf Wegner, 23. Dezember 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Dr. Ralf Wegner

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