Mit diesem Tannhäuser kann Bayreuth seinen Ruhm wieder mit Ehre verteidigen!

Richard Wagner, Tannhäuser  Festspielhaus Bayreuth, Bayreuther Festspiele, 21. August 2022

Tannhäuser (Stephen Gould) und Venus (Elena Zhidkova) © Enrico Nawrath

Festspielhaus Bayreuth, Bayreuther Festspiele, 21. August 2022

Tannhäuser
Musik und Libretto von Richard Wagner

Was für einen Unterschied können drei kurze Tage machen! Heinrich kämpft wieder wie ein Held, seine Elisabeth strahlt wie die Sonne, alles andere rastet ein. Mit diesem Tannhäuser kann sich Bayreuth endlich wieder als bestes Wagner-Haus der Welt behaupten.

von Peter Walter

Über den Bayreuther Tannhäuser, Stephen Gould, am 18. August 2022 schrieb ich: „Der derzeit wohl beste Tristan der Welt hatte sicherlich schon bessere Tage“. Hatte er, und heute war mal wieder so einer! Drei Tage Rast, ein Unterschied wie Tag und Nacht. Nicht mehr kaputt, nicht mehr am Ende, er ringt die Minnesänger nieder, nicht andersrum. Kaum kämpft Heinrich wie ein Held, rastet alles andere wieder ein. Vorbei die Patzer des weltbesten Wolframs, „viele schöne Klänge“ wäre eine maßlose Untertreibung für diese Orchesterleistung. Das war eine Vorstellung, für die man nach Bayreuth pilgert!

Der strahlendste der Sterne unter den Sängerinnen – Lise Davidsen – dreht nochmal richtig auf, nimmt den neuen Sängerstolz ihres Ritters mit einem Lächeln hin und fährt ihn maßlos an die Wand. Wahnsinn, was hat diese Frau an Kräften in ihren Lungen, und was für eine schauspielerische Präsenz zugleich! Sie beherrscht die Bühne, tapfer wird um sie gekämpft, nach wie vor mit überragenden Gesangsleistungen. Biterolf und Walther von der Vogelweide, das sind zwar Nebenrollen, aber besser besetzt als an anderen Häusern viele Hauptrollen.

Lise Davidsen (c) Enrico Nawrath, Bayreuther Festspiele

Tannhäuser soll am Ende siegen, nach dem Motto „Euch oder keiner“ – wie bei Eva. Er singt, die Edlen schweigen, sie versucht ihn zu feiern, zwecklos. Die Gesellschaft lässt ihn nicht gewinnen, er wird von der Polizei abgeführt. Die Pilger kehren ohne ihn zurück, nach einer kurzen Affäre mit Wolfram bringt sie sich selbst um. Alle sind an ihr gescheitert, die Ritter an Elisabeth wie die Sänger an Lise Davidsen. Sie ist die Herrscherin des Gesangs, an ihrer gottgleichen Leuchtkraft kommt keine Stimme vorbei.

Neben Gould hat auch Markus Eiche das Privileg, gegen sie anzutreten. Die kleinen Schönheitsfehler der letzten Vorstellung waren Meckern auf allerhöchstem Niveau, diesmal beseitigt, und das Ergebnis: Eine Jahrhundert-Messlatte in Sachen Eschenbach! Keine Spur von Neid, Eifersucht, Zorn, wie man es leider allzuoft oft in dieser Rolle sieht. Eben der einzige nicht unsympathische Antagonist der Opernwelt. Er singt einfach vor sich hin, „Oh, du, mein holder Abendstern“ ist eben keine dramatische Opernarie, sondern eine zauberhafte Kantilene für Gesang und Harfenbegleitung.

Zum ersten Mal habe ich mir auch das Pausenprogramm gegeben, den Fußmarsch runter zum Teich – und vor allem wieder rauf –  hatte ich mir bislang erspart. Da hatte ich aber was verpasst! Die Zusatzfiguren der Venus-Crew erscheinen auf der Opernbühne eher sinnfrei, laufen einfach der Göttin der Liebe hinterher. Das ändert sich im Festspielpark, hier läuft die Venus ihren Leuten hinterher. Alles am rechten Ort: Die Drag-Queen-Show am Festspielteich gehört genauso zur Venus-Welt wie die Wagner-Show im Festspielhaus. Der einseitige Buh-Ruf für Le Gateau Chocolat war übrigens eine Frechheit mit höchst problematischen Untertönen! Und diese(r) BuhruferIn hat wohl – wie ich bislang auch – die Kunst des Speisens höher geschätzt als die vollendete Tobias Kratzer-Inszenierung.

Le Gateau Chocolat (c) Enrico Nawrath, Bayreuther Festspiele

Dieser Tannhäuser war ein voller Erfolg. Eine Aufführung, mit dem Bayreuth seinen Status als bestes Wagner-Haus der Welt endlich wieder verteidigen kann. Ohne die herausragende Leistung von Chor und Orchester wäre das nicht möglich gewesen, der routinierte Axel Kober steigerte das Niveau im Vergleich zum letzten Mal noch einmal deutlich. Souveräner, packender, fesselnder. Über die berühmte Grabenlippe strömt nicht mehr nur Partitur, stattdessen schwingen Emotionen, Gefühle in den Saal. So grandios klingen diese Instrumente eigentlich nur unter Thielemann!

Peter Walter, 23. August 2022 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Richard Wagner, Tannhäuser Bayreuther Festspiele, 18. August 2022

Richard Wagner, Tannhäuser Deutsche Oper Berlin, 26. Mai 2022

Richard Wagner, Tannhäuser, Hamburgische Staatsoper, 1. Mai 2022, Premiere B

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