Foto: de.wikipedia.org Richard Strauss (1864–1949), German composer, silhouette by Hans Schließmann
von Jörn Schmidt
Sie lesen meine Kolumne. Das freut und ehrt mich und zeigt zugleich, dass Sie Selbstreflexion betreiben. Uns verbindet die Liebe zur Musik, doch neulich ist Ihnen die Hutschnur geplatzt. Nach der Lektüre einer Folge meiner Kolumne haben Sie meinem Herausgeber per E-Mail mitgeteilt, dass Ihnen der Tonfall meiner Glosse übelst aufgestoßen sei. Weil Andreas Schmidt, der Herausgeber von klassik-begeistert, es mit dem Quellenschutz ernst nimmt und mir aus diesem Grund Ihren Namen nicht offenlegt, schreibe ich Ihnen auf diesem Wege.
Was war passiert? Ich habe mich in beanstandeter Folge an dem Dirigat von Maestro [….] abgearbeitet. Für mich fehlten seiner Anleitung Ihres Orchesters Struktur und Groove. Nach meiner Wahrnehmung wurde das, was an Akzenten fehlte, dem unbedingten Schönklang geopfert.
Aber zu Ihrem Klangkörper – kein böses Wort meinerseits. Im Gegenteil, ich hatte Ihrem Orchester eine exzellente Spielkultur bescheinigt. Mehr geht doch nicht, oder? Sie haben daran Anteil wie alle anderen Musiker auf dem Platz. Maestro […] eingeschlossen.
Dafür möchte ich Ihnen und Ihren Kollegen von Herzen danken. Fürwahr, Dankeshymnen schreibe ich viel zu selten. Aber wäre es nicht langweilig, und im Grunde auch unglaubwürdig, wenn allen immer nur Weltklasse bescheinigt wird? In der Elbphilharmonie verabschiedet man Sie regelmäßig mit tosendem Applaus, das lässt doch jede bissige Kolumne schnell vergessen?
Und wenn nicht, dann versichere ich Ihnen heute: Nichts an meinem Tonfall sollte es an Wertschätzung gefehlt haben. Selbst wenn mein Herausgeber mir aufgibt, demnächst über den Auftritt eines Flohzirkus zu schreiben – Hochachtung würde immer mitschwingen!
Vermutlich ist es mit Humor so wie mit dem Vibrato – auch das kommt nicht immer gut an. Wer historisch informiert unterwegs ist, den stört bei seinem Mozart nun mal kontinuierliches Vibrato. Und dann ist da noch, was man „Wobble“ nennt – alles zu träge, der Ton leiert: Das kann schon mal nerven.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Kollegen alles Gute auf dem Weg zum Weltklasse-Klangkörper und freue mich auf das nächste Konzert…
…uns würde interessieren, wie Sie es finden, wenn der Hausherr in der Elbphilharmonie während einer Sinfonie oder konzertanten Oper zuweilen Nacheinlass gewährt. Oder wenn Zuschauer sich während Ihrer Darbietungen unterhalten. Usf. Trifft das den richtigen Ton?
Ihre Antwort bleibt dann natürlich Entre Nous. Auf bald!
Herzlich
Jörn Schmidt
Jörn Schmidt, 28. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Auf den Punkt 91: Mach Dein Ding, Anja Hamburgische Staatsoper, 9. Mai 2026