Igor Strawinsky, Quelle: https://parisiangentleman.co.uk/2014/04/21/an-essay-on-style-and-idea-by-justin-melland/©
Höchste Zeit sich als Musikliebhaber einmal neu mit der eigenen CD-Sammlung oder der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen.
Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der so genannten „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese teilweise sarkastische, teilweise brutal ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.
Unsere Konzertprogramme sind auch deshalb so einseitig, weil Paradestücke wie Strawinskys „Sacre du printemps“ alles andere verdrängen.
von Daniel Janz
29. Mai 1913: Es kommt zu einer geschichtsträchtigen Erstaufführung im Théâtre des Champs-Élysées, Paris. Der frisch durch „Feuervogel“ und „Petruschka“ berühmt gewordenen Komponist Igor Strawinsky sorgt mit seinem neuesten Werk für einen handfesten Skandal. Tumulte, Schlägereien und sogar ein Polizeieinsatz stören die Uraufführung seines „Sacre du printemps“ so sehr, dass zeitweise das Zuendebringen der Aufführung fraglich ist. Nichtsdestotrotz erlebt der „Sacre“ danach fulminante Erfolge in konzertanten Aufführungen. Rasant wird er zum weltbekannten Klassiker, als könnte nichts seinen Siegeszug stoppen … zum Leidwesen aller, die danach kamen.
Der „Sacre“ ist berühmt berüchtigt für seine Entstehungsgeschichte. Als einer der Vorreiter „Neuer Musik“ ist er eine der wenigen Kompositionen „moderner“ Klangsprache, die auf häufige Aufführungen kommt. Damit ist er inzwischen zu DEM Klischeestück der Moderne geworden. In einigen Konzerthäusern erklingt er sogar mehrfach im Jahr, was ihn weit vor andere Vertreter, wie Prokofjews Skythische Suite, Barbers „Adagio for Strings“, Arvo Pärts „Fratres“ sowie vor vernachlässigte Komponisten, wie von Charlotte Sohy, Lili Boulanger oder Penderecki katapultiert.
Man kann es Strawinskys Frühlingsopfer aber auch nicht verdenken. Die hier in Musik (und Tanz) gegossene Geschichte ist voller roher Ursprünglichkeit des Lebens. Auch kompositorisch raubt der „Sacre“ einem bis heute den Atem, obwohl man ihm nachsagen könnte, dass er als erweitertes oktatonisches Skalenexperiment auf nur einer Akkordkonstruktion aufbaut. Sein Ruf, endgültig zementiert durch den Skandal zu seiner Uraufführung, ist jedenfalls bis heute legendär.
Durch diese Legendenbildung rund um seine Entstehung und durch seine Kompositionsweise ist er aber auch Opfer genau der Mechanismen, die in dieser Anti-Klassiker-Reihe immer wieder angesprochen wurden. Einerseits verdrängt er durch seine Stellung und Bekanntheit andere Werke mit ähnlicher Stilistik, die womöglich ähnlich spannend, wenn nicht sogar beeindruckender sind. Auf der anderen Seite führt dieser Ruhm zu einer schon fast inflationären Aufführungspraxis. Wenn ich den „Sacre“ mal wieder irgendwo im Programm sehe, ergreift mich inzwischen nicht mehr Freude auf ein Klangspektakel, sondern Gleichgültigkeit.
Befeuert wird dieser Umstand gerade dadurch, dass er alles andere als leicht zu spielen ist. Durch seine ständigen rhythmischen Verschiebungen, unüblichen Instrumentenlagen, häufige Taktwechsel und ungewohnten Harmonien beißen sich selbst Orchester von Weltniveau regelmäßig die Zähne an ihm aus. Ich habe in 25 Jahren Konzerterfahrung und nach mehr als einem Dutzend Aufführungen den „Sacre“ erst dieses Jahr zum ersten Mal live in einer zufriedenstellenden Qualität erlebt. Er scheint ein Stück für die Aufnahme zu sein, bei der man so oft wiederholen kann, bis jede Stelle sitzt. In Live-Aufführungen ist er regelmäßig eine Enttäuschung.
Natürlich muss man fragen, ob das nicht auch am Programm des Werks liegt. Die Schilderung eines heidnischen Menschenopfers im vorzeitlichen Russland mag an und für sich harter Tobak sein. Bis heute wird spekuliert, dass dies zum Skandal bei der Uraufführung beitrug. Das kann aber heute nicht mehr gelten. Denn inzwischen sind wir brutalere Werke, wie von Bernd Alois Zimmermann, Schönbergs „Überlebender aus Warschau“ oder auch die viel zu oft gespielten Kriegssinfonien von Schostakowitsch gewohnt. Die Darstellung schrecklicher Ereignisse in Musik kann also kein Grund mehr dafür sein, warum der „Sacre“ ständig enttäuscht.
Viel eher scheinen sich Konzerthäuser und Orchester jedweder Qualitätsstufe am Ruhm dieses Werks bedienen und dadurch Zuhörer gewinnen zu wollen. Was man ihnen auch nicht verdenken kann. In erster Linie brauchen diese Einrichtungen ja finanzielle Einnahmen und der „Sacre“ ist durch seinen Ruf eine sichere Geldquelle.
Wenn darunter aber die Qualität der Aufführungen leidet, dann muss man sich fragen, was damit gewonnen wird, außer einer finanziellen Melkkuh, die bis zum letzten Tropfen ausgepresst werden soll. Denn einerseits tut man dem Publikum so keinen Gefallen. Andererseits fördert man dadurch den Verdruss an einem an und für sich tollen Werk, bis man es nicht mehr hören mag – so, wie ich inzwischen.
Der größte Verlust daran ist, dass andere Werke gleicher oder sogar besserer Qualität dadurch verdrängt werden. Werke, die ebenfalls ergreifen, aber womöglich leichter aufzuführen sind und damit ein erfüllenderes Erlebnis bieten würden. Warum ist z.B. Prokofjews Skythische Suite so unterrepräsentiert, obwohl ihr Inhalt ebenfalls archaische Bezüge hat und ihre Uraufführung einen vergleichbaren Skandal markierte? Oder Amy Beaches „Gaelische Sinfonie“, obwohl sie auch Bezüge zu längst vergessenen Kulturen verdeutlicht? Oder Florent Schmitts wunderbare „Tragédie de Salomé“, die nicht nur indirekt sondern tatsächlich durch den „Sacre“ verdrängt wurde? Warum widmen wir uns vergleichbaren Werken nicht einmal ansatzweise so viel? Etwa nur, weil ihnen Ruhm und Ruf fehlen? Liegt es am Ende etwa nur wieder am Namen des Komponisten, wie es auch bei Mozart der Fall ist?
Und das Tragischste ist: Der „Sacre“ ist nicht einmal ein schlechtes Stück, sondern eine herausragende Komposition eines ohnehin schon herausragenden Komponisten. Es wäre entsetzlich, wenn wir diesem Werk irgendwann überdrüssig würden, weil es zu oft zu schlecht und ohne Alternativen aufgeführt wird. Ist weniger also manchmal mehr? Wie auch bei anderen Beispielen von Mozart, Beethoven, Bruckner, Dvořák, Strauss etc. dürfte die Antwort wohl auch hier lauten: Manchmal ja!
Daniel Janz, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Gürzenich-Orchester Köln, Andrés Orozco-Estrada Kölner Philharmonie, 6. Juli 2026